Die Nägel seien "das Guckloch ins Skelettsystem"

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Ayurveda am Wannsee : Der Mann, der aus der Kälte kam
Andreas Wenderoth
Massagen mit erhitztem Öl helfen gegen Ablagerungen in den Gelenken.
Massagen mit erhitztem Öl helfen gegen Ablagerungen in den Gelenken.Foto: Anne Schönharting

Auf meinem Rezept stehen vor allem zwei pflanzliche Heilmittel: zum einen Ashwagandha (in Deutschland als Winterkirsche bekannt), deren Wurzeln das Vata reduzieren und die allgemein kräftigend sind, so Keßler; zum anderen Guggulu (oder „indische Myrrhe“), ein weihrauchähnliches Baumharz, ebenfalls Vata-reduzierend, entzündungshemmend und hilfreich bei Gelenkschmerzen.

Außerdem rät Keßler mir zu „nährenden“ Einläufen mit Sesamöl vor dem Zubettgehen. Und zu deutlich mehr Schlaf vor Mitternacht.

Die für mich tiefstgreifende Veränderung ist jedoch die radikale Umstellung meiner Ernährung. Dafür ist am Immanuel-Krankenhaus Elmar Stapelfeldt zuständig, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter und Ernährungstherapeut, der über ein enzyklopädisches Wissen ayurvedischer Originalschriften verfügt.

Auch mit Körpergeweben kennt Stapelfeldt sich gut aus, stellt sofort fest, dass meine Fingernägel recht dünn und weich sind, zudem bei beiden Daumen mit Rillen versehen. Ein Hinweis darauf, sagt er, dass es offenbar nötig sei, mein Knochengewebe aufzubauen, denn die Nägel seien „das Guckloch ins Skelettsystem“.

Alle Mahlzeiten müssen warm sein

Zunächst müsse dafür die im gesamten Körper zirkulierende Nährflüssigkeit Rasa Dhatu aufgefüllt werden, die alle Zellen und Organe mit Nährstoffen versorge. Eine zentrale Rolle spiele dabei das symbolische Verdauungsfeuer Agni, das für die Steuerung der Stoffwechselprozesse zuständig sei und dafür sorge, dass der Körper die benötigten Substanzen überhaupt aufnehmen könne.

Stapelfeldt vergleicht dieses „innere Feuer“ mit einem Herd. Wenn man seine Speisen kalt und ungekocht isst, koste der Verdauungsprozess den Körper zu viel Energie. Es gehe also darum, eine Ernährung zu finden, die wenig Energie benötigt. „Alles, was Sie in der Küche kochen, muss der Körper nicht mehr drinnen kochen und spart dadurch Kraft.“

Diese Energie könne der Organismus für den Heilungsprozess einsetzen. Daher laute die erste Regel für mich: Alle Mahlzeiten müssen warm sein, wenn ich sie esse. Zweitens: Vor jeder Mahlzeit muss ich einen mit einer Prise Pfeffer in lauwarmem Wasser aufgelösten Teelöffel Kurkumapulver schlucken, um das Verdauungsfeuer anzufachen.

Drittens: Alle Mahlzeiten sind in festem Rhythmus einzunehmen, möglichst um sieben, zwölf und 18 Uhr, um den Körper bei der Verarbeitung der Nahrung zu entlasten. Mittags solle ich die Hauptmahlzeit einnehmen, weil da aus ayurvedischer Sicht das natürliche Verdauungsfeuer am stärksten brennt.

Viertens: keine Zwischenmahlzeiten. Möchte man wirklich mal über die Stränge schlagen, gelte Regel fünf: „Alles, was Spaß macht: nur mittags!“

Tomaten und Grapefruits stehen auf der Vermeiden-Liste

Mein neuer Speiseplan enthält kein Brot, keinen Joghurt, keine Eier, möglichst wenig Fleisch, keinen Fisch, Käse, Salat, Alkohol, Kaffee oder schwarzen Tee. Als Vata-reduzierend gelten Reis, Dinkel, Weizen und Hafer; Gerste, Hirse und Mais bewirken das Gegenteil.

Auch die von mir so geschätzten Tomaten und Grapefruits stehen auf der Vermeiden-Liste: zu sauer. Grundsätzlich ist alles zu reduzieren, was auf der Zunge sauer schmeckt – da es aus ayurvedischer Sicht den Fluss der Körpersäfte behindert.

„Wenn wir den freien Fluss auch nur minimal stören, erschweren wir die Regeneration des Knorpels“, sagt Elmar Stapelfeldt. Saure Nahrungsmittel im Übermaß seien zudem der Nährboden für Entzündungen, aber vor allem erzeugten sie ein Logistik-Problem: „Es geht um freie Transportwege!“

Und so stehe ich nun daheim ständig am Herd. Laufe durch Bioläden, bestelle ayurvedische Gewürze und Öle. Ich fühle mich überfordert. Um mein Schicksal in vollem Umfang verständlich zu machen, muss ich vorausschicken, dass ich alles andere als ein geübter Koch bin. Nun muss ich dreimal am Tag selbst Hand anlegen – und zwar nach Rezepten, die mir anfangs völlig fremd sind.

Meine Freundin betrachtet das Ganze argwöhnisch

Außerdem ist mein Tag nun eingebettet in jede Menge Rituale. Morgens aufstehen heißt ab jetzt nicht mehr duschen, schnell etwas essen, einen Kaffee dazu und dann an den Schreibtisch, sondern: langsam mehrere Tassen warmes Wasser trinken, Zähne putzen, Beläge von der Zunge schaben, Nasendusche, den gesamten Körper (einschließlich der Haare) mit warmem Sesamöl einreiben, 20 Minuten meditieren, Yoga-Übungen.

Dann mit frischem Elan in die Küche und an die Pfanne. Porridge aufkochen, Nüsse und Mandeln in selbst gemachtem Butterschmalz (Ghee) anbraten, Obst dünsten. In schöner Innerlichkeit frühstücken.

Mir gegenüber sitzt meine Freundin und betrachtet argwöhnisch, wie sich auf einmal alles nur noch darum zu drehen scheint, dass ich mein Programm erfülle. Ich überrasche sie (und mich) mit dem schwer vermittelbaren Satz: „Ich wünsche, das Frühstück schweigend einzunehmen!“ Sie schaut mich an, als sei ich verrückt geworden.

Nach zwei Wochen habe ich vier Kilogramm abgenommen, was gar nicht meine Absicht war, aber offenbar nicht so leicht zu verhindern ist bei der Ernährungsweise. Denn in meinem neuen Essensrhythmus verzichte ich auf alles, was ich sonst viel zu schnell und oft nebenbei zu mir nehme.