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Mauer ohne Mauer. Scharfschützen auf den Dächern links und rechts der Damaskus-Straße trennten die Stadt ab 1975 nach Konfessionen. Ob man auf die andere Seite gelangte, war Glückssache.

© AFP/Nabil Ismail

Ost-West in Nahost: Beirut, die unsichtbar geteilte Stadt

9. November, Checkpoint Charlie, East Side Gallery: Berlin zelebriert seine einstige Teilung. Auch durch Beirut im Libanon zog sich bis 1990 ein Todesstreifen. Nur ist davon heute wenig zu sehen. Dafür umso mehr zu spüren. Ein Grenzgang.

Edeltraud Milani geht vom Gas. Die Straßenbeleuchtung ist mal wieder ausgefallen. Vor ihr huschen Scheinwerfer hin und her, ihr Auto nähert sich der Kreuzung mit der Damaskus-Straße. Links ist frei, rechts auch, Milani schaltet hoch, fährt geradeaus über die Straße, biegt in eine der dunklen Gassen ab. Licht am Wegesrand: eine Marienstatue, Ost-Beirut.

Die Grenzerfahrung hat nur ein paar Sekunden gedauert, Lebensgefahr bestand keine. Wie schon seit 25 Jahren nicht mehr.

Damals, von 1975 bis 1990, führten unter anderem christliche und muslimische Milizen im Libanon gegeneinander einen Bürgerkrieg, der etwa 100 000 Opfer forderte, rund eine Million Libanesen zu Flüchtlingen machte und der Beirut in einen christlich dominierten Osten und einen hauptsächlich muslimischen Westen teilte.

Das Abkommen von Taif, das den Krieg und damit die Teilung der Stadt offiziell beendete, auch wenn danach weiter gekämpft wurde, ratifizierte das Parlament am 5. November 1989 – vier Tage, bevor in Berlin die Mauer fiel.

So entstand der grüne Todesstreifen

Beirut hatte keine Mauer. Beirut hatte die Damaskus-Straße, die Ost von West trennte. Während des Bürgerkriegs hieß sie „Grüne Linie“. Wer hier unterwegs war, den nahmen die Heckenschützen auf beiden Seiten unter Feuer. Also blieb die Straße leer, Unkraut und Bäume sprossen. Ein grüner Todesstreifen.

Nur an drei Stellen – am Hafen im Norden, beim Stadtring und im Süden am Nationalmuseum – konnte man sie überqueren. Manchmal, in Gefechtspausen, mit Glück, wenn die Milizionäre einen guten Tag hatten, oder wenn sie nicht aufpassten. Morgens war es am einfachsten, da schliefen die Scharfschützen oft noch. Edeltraud Milani sagt: „In den ersten Kriegsjahren wurde es am Ende des Monats ganz still. Da sind dann alle hin und her, um ihre Gehälter zu holen.“

Mauerblume: Edeltraud Milani lebte im Schatten der Grünen Linie
Mauerblume: Edeltraud Milani lebte im Schatten der Grünen Linie

© Hasan Shaaban

Milani, 82, in Deutschland geboren, lange vor dem Bürgerkrieg nach Ost-Beirut gezogen, der Liebe wegen, war unmittelbar von der geteilten Stadt betroffen: Weil sie „da in erster Reihe auf dieser verflixten Linie“ lebte, im Osten, zwei Querstraßen vom Museum entfernt. Als sie während des Kriegs an Krebs erkrankte, traute sich die Gynäkologin aus West-Beirut nicht, für die Operation ins Ost-Beiruter Krankenhaus zu kommen. Ein Urologe vor Ort musste den Eingriff übernehmen.

Keine Grenz-Folklore in Beirut

Heute ähnelt das Rauschen vor dem Museum dem nahen Mittelmeer, doch es ist nur der Verkehr, der Tag und Nacht über den Platz und durch den neuen Tunnel darunter rollt; dann und wann jault ein Motorroller, hupt ein Taxi, flucht sein Fahrer. An Beiruts Checkpoint Charlie drängen sich keine Touristen, gibt es keine Ost-West-Folklore, verkleidet sich niemand als Kämpfer dieser oder jener Miliz und lässt sich für Geld fotografieren. Nur vor einem Straßencafé gegenüber des Museums schraubt sich ein knorriger Olivenbaum in den Himmel. Eine kleine Erinnerung an die Grüne Linie.

Im Schatten des Baumes sitzt eine Frau mit blondierten Haaren und tätowierten Augenbrauen, wie sie viele hier tragen, und trinkt frisch gepresste Limonade. Noël Abi-Sleiman, 48, ist ein Kind des Krieges, aufgewachsen in Bunkern im Ostteil der Stadt, mit Dosenfleisch, Zucker, Reis, stets zu wenig Wasser und nur selten mal Strom. Eine Kindheit, in der sie oft nicht wusste, ob es draußen hell oder dunkel war.

Ihr Mann war Milizionär, er kämpfte auf der christlichen Seite der Grünen Linie. Die Hochzeit wurde ein Desaster: Die Gäste, Milizenfreunde ihres Mannes, schossen mit Maschinengewehren zur Feier des Tages in die Luft, die Kämpfer in West-Beirut fühlten sich angegriffen und feuerten zurück. „Ich will heiraten, nicht sterben!“, rief Abi-Sleiman damals. Heute lacht sie, wenn sie davon erzählt.

Eine unsichtbar geteilte Stadt

Ihre älteste Erinnerung an West-Beirut stammt etwa aus dem Jahr 1990. Da hat sie, die Christin, ihren Cousin zum ersten Mal gesehen, einen Schiiten, der „bei denen“ lebte. „Bei denen“ ist im Westen, „bei uns“ im Osten, immer noch. Als die Barrikaden abgebaut wurden, verspürte Abi-Sleiman Angst. Und wenn ihre Tochter eines Tages in den Westen ziehen sollte? Eigentlich kein Problem. Aber ein paar Stadtteile fallen ihr doch ein, „die nicht unbedingt sein müssten“. Viele Gebiete hätten eben eine christliche oder muslimische Identität, das sei auch vor dem Krieg schon so gewesen. „Beirut ist einfach eine geteilte Stadt.“

Eine unsichtbar geteilte Stadt. Den Gebäuden sieht man es nicht an, nur, dass im Osten mehr Kirchen stehen und mehr Heiligenstatuen am Straßenrand, und im Westen mehr Moscheen. Von oben betrachtet ist Beirut ein Flickenteppich, der sich vom Gebirge hinunter in Richtung Meer wälzt: Betonklotz an Betonklotz, Wassertanks auf den flachen Dächern, Baukräne, Bauruinen; in Ost und West das gleiche Bild.

Die Indizien der Teilung sind versteckt. Abi-Sleiman würde danach gehen, ob viele Frauen ein Kopftuch tragen. Wenn ja, ist sie vermutlich in West-Beirut.

Paris des Nahen Ostens

Vom Museum aus in Richtung Innenstadt steigt die Damaskus-Straße, die ehemalige Grüne Linie, zunächst leicht an und fällt kurz darauf steil ab, zum Meer hin. Erst ein-, dann zwei- und am Ende sogar dreispurig rasen Autos, Minibusse und Mopeds entlang. Ein frisch verputztes 18-stöckiges Hochhaus, ein Parkplatz, ein Fast-Food-Restaurant säumen den Weg. In Berlin sind an solchen Stellen zum Gedenken Pflastersteine neben metallenen Plaketten eingelassen. Hier erinnert nichts daran, dass diese Straße einmal eine Grenze war. Bis plötzlich rechts hinter Bäumen und Büschen die Ruine eines einst herrschaftlichen Hauses im Art-déco-Stil durchschimmert, mit Säulen, Torbogen, geschwungenen Balkonen, übersät von Einschusslöchern. Selbst im Innern des Hauses wachsen mittlerweile Bäume.

Vor dem Krieg hatte Beirut vor allem in Europa den Ruf als „Paris des Nahen Ostens“: schicke Boutiquen, gute Restaurants, lässiger Lebensstil und nicht zuletzt einzigartige Architektur. Mit den wenigen pittoresken Häusern, die nach dem Bürgerkrieg noch standen, ist kein Geld mehr zu verdienen, Denkmalschutz spielt bei den derzeit enormen Preisen für Bauland kaum eine Rolle; die Besitzer lassen die Gebäude verfallen und reißen sie ab. An ihrer Stelle wachsen Betontürme und verglaste Einkaufszentren in den meist blauen Beiruter Himmel.

Beirut kommt nicht zur Ruhe - auch nicht 25 Jahre nach dem Krieg

Das Abkommen von Taif beendete den Krieg: das Parlament ratifizierte es am 5. November 1989 – vier Tage, bevor in Berlin die Mauer fiel.
Das Abkommen von Taif beendete den Krieg: das Parlament ratifizierte es am 5. November 1989 – vier Tage, bevor in Berlin die Mauer fiel.

© AFP

Und doch hat Beirut seinen Charme vielerorts behalten. Die kilometerlange Strandpromenade Corniche, die studentisch geprägte Barlandschaft rund um die Amerikanische Universität im Westen, das in der arabischen Welt einzigartige Kulturleben mit Straßenfestivals, Kneipenkonzerten und etlichen Galerien, die zahlreichen Clubs im Osten. Beirut „kommt aus den Seelen der Menschen, aus Wein, aus Brot und aus Jasmin, und schmeckt nach Feuer und Rauch“, singt die libanesische Sängerin Fairuz.

Feuer und Rauch kennt Hiba Kanj. Erst vergangenes Jahr saß sie in ihrer Wohnung in West-Beirut, als auf einmal die Erde bebte. Eine Bombe explodierte im Nachbarviertel, tötete fünf Menschen und verletzte 128. Beirut kommt nicht zur Ruhe, auch nicht 25 Jahre nach dem Krieg, den die 24-jährige Kanj nur von den Häusern in ihrem Viertel kennt, die seine Narben tragen. In der Schule hat sie nichts darüber gehört, der libanesische Geschichtsunterricht endet mit der Unabhängigkeit des Landes 1943.

Die jungen Leute wollen auswandern

Sie ist Schiitin, aufgewachsen in West-Beirut, zur Schule gegangen im Osten, mit christlichen und drusischen Freunden. Sie könnte eine Vertreterin der Nachkriegsgeneration sein, für die Konfession keine Rolle mehr spielt. Eigentlich. „Ich habe nie versucht, mit Freunden anderen Glaubens über Politik zu sprechen. Das ist heikel“, sagt sie.

Um ihren Hals hängt die Hand der Fatima, ein segenspendendes Symbol aus dem islamischen Volksglauben, obwohl sie sich als nicht religiös bezeichnet.

„Politisch ist Beirut immer noch gespalten“, sagt Kanj. Es gebe viele Menschen in ihrer Generation, die etwas ändern wollen, die gegen das korrupte politische System aus früheren Warlords und Kriegsgewinnlern kämpfen, doch Kanj glaubt nicht, dass das funktioniert. Wie viele in ihrem Alter träumt sie stattdessen davon, eines Tages auszuwandern, in Richtung Golf zum Beispiel. „Es ist so stressig, hier zu leben.“

Downtown sollte das Zentrum werden

Kurz bevor die Damaskus-Straße im Norden auf das Meer trifft, weitet sich die Häuserschlucht plötzlich nach links: der Märtyrerplatz, Arena zahlreicher Demonstrationen nach dem Krieg, die meiste Zeit aber eine Baustelle. Dahinter erhebt sich sandsteinfarben „Downtown“, das Zentrum. Downtown gehörte weder zu Ost- noch richtig zu West-Beirut, im Krieg geriet es zwischen die Fronten und wurde komplett zerstört. Noch immer nennen viele diesen Bereich hier Altstadt, auch wenn die meisten Gebäude keine 25 Jahre alt sind. Downtown steht wieder, möglichst originalgetreu. Eines der neuen, alten Gebäude hier ist die National Evangelical Church, ursprünglich eine der ersten Kirchen der Stadt. Ihr Pfarrer Habib Badr hat alles miterlebt. Die Vorkriegszeit, die Zerstörung und den Wiederaufbau von Downtown.

Wenn Badr über den heutigen Libanon spricht, vermeidet er das Wort Frieden. „Wir haben keinen Krieg. Trotz der Lage in Syrien. Vielleicht sind die Libanesen müde.“ Beirut hält er, anders als viele, für eine wiedervereinigte Stadt. „Zumindest zu Beginn war sie das, als die Straßen geöffnet wurden.“ Downtown sollte einen Beitrag zum Zusammenwachsen leisten, als zentraler Treffpunkt, wie vor dem Krieg. Badr glaubte an diese Vision. Früher beneideten seine Freunde ihn für diese Wohngegend. „Die sagten: ,Oh, hast du es gut, mitten in der Stadt, die Konzerte, die Einkaufsgelegenheiten.’ Und jetzt ist es ein Fluch.“

Beirut ist nun wieder geteilt - aber anders

Ein Fluch der Einsamkeit. Der Glockenturm beim Parlament, vor dem Krieg ein Ort der Begegnung, liegt still in der Mittagssonne. Vor dem Grand Café nebenan stehen 17 leere Tische, säuberlich gedeckt, mit weißer Tischdecke. Der Kellner wartet in der Tür, die Hände hinter dem Rücken gefaltet – allein, kein einziger Gast ist da. In den Schaufenstern hängen Schilder: „Wir sind umgezogen“, „Ortswechsel“, „Sie finden uns jetzt…“. Die Verkäuferin in einem Souvenirladen unterdrückt ein Gähnen. „Es ist furchtbar“, sagt sie, „vor allem, weil wir nicht wissen, wie lange das noch weitergeht."

Sie meint den Stacheldraht, der in drei übereinanderliegenden Reihen den angeblichen Begegnungsort Downtown vom Rest der Stadt trennt, sie meint die Plexiglasscheibe, die nur einen Durchgang von einem halben Meter lässt, und hinter der Soldaten die Ausweise der Besucher kontrollieren.

Auch wer zu Habib Badr möchte, muss an mehreren Reihen Stacheldraht und Straßensperren aus Beton vorbei und einem Offizier mit nervös zuckenden Augen erklären, was er will. Denn in dem Viertel liegen Parlament, mehrere Ministerien, der Regierungssitz. Die Regierung hat ihr Volk ausgesperrt. 25 Jahre nach dem Krieg ist Beirut wieder geteilt.

Vor allem jugendliche Demonstranten versuchten sich hier in den vergangenen Monaten immer wieder zu versammeln, ursprünglich gegen den Müll, der über Wochen nicht abgeholt wurde. Später richtete sich ihr Protest gegen die ständigen Stromausfälle, gegen die korrupten Eliten und gegen das politische System insgesamt.

Trotz brutaler Auseinandersetzungen mit der Polizei und willkürlichen Verhaftungen zogen sie während der Parlamentssitzungen vom Märtyrerplatz aus los, nicht durch West- und nicht durch Ost-Beirut, sondern tatsächlich die Damaskus-Straße hinauf, und riefen im Sprechchor des Arabischen Frühlings: „Das Volk will den Sturz des Regimes!“

Für einen kleinen Moment war Beirut zusammengewachsen – mitten auf der Grünen Linie.

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