Wer wohnte im Dorf der Mächtigen?

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Der tapfere Schneider von Mülheim : Helge und wie er die Welt sieht
Niklas Hofmann
Mag Schneider nicht: Ausflugsdampfer.
Mag Schneider nicht: Ausflugsdampfer.Foto: Joe Kramer

Ein „Dorf der Mächtigen und Klugen“ hat die WAZ, die es schließlich wissen muss, Mülheim mal genannt. „Wegen mir und Wim Thoelke“, vermutet Helge Schneider. Für Klugheit, und sei sie noch so verdreht, hat Mülheim in seiner Durchschnittlichkeit immer viel Raum gelassen. Auch Schneiders Freund Christoph Schlingensief hat lange hier hier gelebt. Die beiden haben die Stadt zu einem der meist gefilmten Orte des deutschen Independent-Films gemacht. Mülheim, hat Schneider immer wieder gesagt, ist so wie alle Städte: Wer im Mülheim seiner Filme Tristesse erblickt, der finde es wohl bei sich zu Hause auch trist.

Helge Schneider schlendert nun vom Stadthafen einige hundert Meter am Fluss entlang nach Süden, zur Ruhrschleuse. Hier halten die Schiffe der Weißen Flotte („kann ich nicht leiden“), mit denen Tagesbesucher den Fluss hinaufschippern. Hier steht der Wasserbahnhof, ein revierweit seit Menschengedenken beliebtes Ausflugslokal („konnten wir uns früher gar nicht leisten“), und davor seit den 50er-Jahren die große Blumenuhr. Noch so ein Mülheimer Wahrzeichen. Seit ebenfalls 60 Jahren scheint sie hartnäckig falsch zu gehen. Helge Schneider klettert in die Rabatten. Die Uhr zeigt 14.10 Uhr an, dabei ist es 13.30 Uhr.

„Können wir mal ein Bild mit den Kindern machen?“, fragt die Familie aus dem Sauerland, die eine Radtour die Ruhr entlang macht. „Ja sicher, mach ich“, sagt Schneider.

Vor kurzem ist Helge Schneider wieder umgezogen, wieder nur innerhalb Mülheims. Er deutet hinüber auf die vom Wasserbahnhof gesehen andere Ruhrseite, wo der Schornstein eines alten Fabrikgeländes aufragt. „Ich bin jetzt da, wo ich eigentlich auch vor 30 Jahren schon gewesen bin. Und da fühle ich mich eigentlich auch wohl. Merkwürdig, also das ist ein Zuhausegefühl.“ Er schiebt jetzt das Fahrrad auf die Fußgängerbrücke, die ihn über einen Seitenarm der Ruhr in Richtung Zuhause führt. Ein Reiher steht unbeweglich am Ufer, ein Schwarm Wildgänse flattert auf. Idyllisch ist das, mitten im Zentrum einer Großstadt, man kann es gar nicht anders sagen. Und Mülheim ist ja voller schöner Orte wie diesem. Am Kloster Saarn, an den Ruhrauen, in Mintard, wo sich die hochaufgestelzte Autobahnbrücke über den Fluss spannt, im städtischen Kunstmuseum mit der wichtigsten Zille-Sammlung außerhalb Berlins.

Ein Lichtblick: In Almeria erkennt ihn keiner

Dass man stattdessen an leeren Kaufhäusern und leeren Marinas vorbeigelaufen ist, das hat sich Helge Schneider so ausgesucht. Man wird es als Liebesbeweis für Mülheim verstehen müssen. Er mag’s eben nicht, wenn Sachen zerstört werden, wenn es keinen Respekt gibt für die Kaffeebuden, die Eislokale und Eckkneipen, die die Urbanität der kleinen Leute ausmachen. „Manche machen das so, indem sie sogar in die Politik gehen, um ihre Heimatstadt ins rechte Licht zu rücken. Manche haben das nur so gefühlsmäßig eben in sich. Und das bin ich. Das ist meine Heimatstadt.“

Kurz zögert ein Radfahrer, ob er dem Fotografen durchs Bild rollen soll. „Kannz ruhig durchfahren“, ruft Helge Schneider. „Helge!“, ruft der Radfahrer.

Er ist jetzt aber auch öfter in Almería, in Andalusien. Da erkennt ihn keiner.