zum Hauptinhalt
Russland

© IMAGO/SNA

Tagesspiegel Plus

Die große Illusion von Normalität: Wie ich den 9. Mai in Moskau erlebte

Moskaus Mittelschicht ist bis heute stolz darauf, dass sie „außerhalb der Politik“ steht. Beobachtungen einer russischen Journalistin an Putins „Tag des Sieges“.

Von Anna Beres

Am Morgen des 9. Mai ging ich mit meinem Hund aus dem Haus. Wie immer an diesem Tag war das Zentrum Moskaus für Autos gesperrt, um diese Zeit gab es nur wenige Passanten. Auf dem Boulevard, auf dem wir normalerweise spazieren gehen, war es ganz leer. Nur ein Mensch stand von einer Bank auf und trat mir entgegen. „Frau“, rief er mir zu, „haben Sie 100 Rubel für mich?“ Es war offensichtlich, dass er auf dieser Bank schon länger geschlafen hatte – seine Kleidung und sogar das Gesicht waren mit einer beeindruckenden Schmutzschicht bedeckt. Nur auf der Brust stach ein leuchtender Fleck hervor, eine brandneue, saubere Schleife aus dem gestreiften Georgsband.

Die Verteilung dieser Bänder (die Streifen in Orange und Schwarz gehen auf das Design der sowjetischen Medaille „Für den Sieg über Deutschland“ zurück) ist ein wichtiger Bestandteil der Propagandakampagne, die den Kult um den alleinigen Sieg der Sowjetunion über den Faschismus zum Grundelement der neuen russischen Ideologie gemacht hat. Immer im Frühjahr wird eine unendliche Zahl dieser Bänder mit staatlichen Mitteln gekauft.

Sie müssen von allen Mitarbeitern staatlich finanzierter Organisationen getragen werden: Sie sind befestigt an Schaffnern in Zügen, an Kassierern in der Metro, an Verkäufern in den großen Supermärkten, und sie werden einfach auf der Straße verteilt. Gemeinsam mit dem Slogan „Wir können das wiederholen!“ symbolisieren diese Bändchen die Kontinuität von Russlands Kampf gegen den „Nazismus“ in der ganzen Welt. Heute demonstrieren die Bänder auch das Vertrauen in einen baldigen Sieg über den ukrainischen „Nazismus“, den die russische Propaganda erfunden hat, um den Überfall auf die Ukraine zu rechtfertigen.

In Formation marschieren traditionell russische Soldaten auf, um den „Tag des Sieges“ zu feiern.
In Formation marschieren traditionell russische Soldaten auf, um den „Tag des Sieges“ zu feiern.

© IMAGO/SNA

Ich holte tief Luft und sagte: „Wissen Sie, für mich ist das Georgsband ein Zeichen des Krieges und nicht des Friedens, und deshalb möchte ich demjenigen, der es trägt, kein Geld geben.“ Daraufhin lächelte mein Gegenüber breit und antwortete: „Wollen Sie, dass ich es abnehme? Und wenn ich es abnehme, geben Sie mir was?“ Er fing an, das Bändchen schnell abzureißen.

Dieser Mann trug also ein Propagandasymbol in der Hoffnung auf diejenigen, denen das gefällt, und war bereit, es sofort abzunehmen, um Menschen mit anderer Ansicht zufriedenzustellen. Dieses Verhalten fasst sehr gut die gegenwärtige Stimmung in der russischen Hauptstadt zusammen. Die Vertreter der Moskauer Mittelschicht sind bis heute stolz darauf, dass sie „außerhalb der Politik“ stehen. Sie tun so, als würde die äußere Erfüllung der ideologischen Forderungen des Staates sie nicht daran hindern, sie selbst zu bleiben.

Seit einigen Tagen feiert Moskau. Nein, nicht den Sieg, sondern den Frühling. Die Boulevards sind voll von jungen Leuten, die beliebten Restaurants sind überfüllt. Wegen der Bemühungen des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin, der es bisher schafft, sich irgendwie von der „Spezialoperation“ zu distanzieren, gibt es in der Stadt sehr wenige Transparente mit dem Buchstaben „Z“, der zum offiziellen Symbol des russischen Einmarsches in der Ukraine geworden ist. Wer will, kann also leicht so tun, als ob nichts Besonderes passiert.

Während die Soldaten marschieren, feiern die Moskauer seit Tagen den Frühling.
Während die Soldaten marschieren, feiern die Moskauer seit Tagen den Frühling.

© IMAGO/SNA

Daran, dass das Leben trotzdem nicht mehr so ist wie früher, erinnern nur die dunklen Fenster von McDonalds und großen Geschäften, die in Russland in den ersten Tagen des Krieges schlossen. Doch das Moskau der Hipster hat gelernt, auch damit, wie es scheint, elegant umzugehen: Eine trendige Bar begann Sandwiches zu verkaufen, die den Big Mac kopieren, eine beliebte Stadtzeitschrift druckt Geschichten wie: „Nespresso hat den russischen Markt aus bekannten Gründen verlassen – hier eine Liste von Marken, deren Kapseln noch besser sind als das Original.“

Die Stimmung der Moskauer Mittelschicht lässt sich etwa so zusammenfassen: „Ja, wir billigen das nicht, was Russland in der Ukraine tut. Aber das heißt nicht, dass wir deswegen aufhören müssen, Freude am Leben zu empfinden.“ Einige sehen in den Geschehnissen sogar einen Vorteil für sich. Ein Bekannter, der für die PR-Abteilung einer großen Bank arbeitet, sagte mir kürzlich: „Natürlich gefällt es mir nicht, wie Putin sich verhält, aber andererseits spielt mir die mit dem Krieg verbundene Auswanderungswelle in die Hände – für die Verbliebenen ist es leichter, Karriere zu machen.“

Im Gegensatz zu Menschen aus kleinen Städten in der Provinz, die die russische Aggression oft aufrichtig unterstützen, können die privilegierten Einwohner der Moskauer Innenstadt nicht damit entschuldigt werden, dass sie keinen Zugang zu Informationen aus unabhängigen Quellen haben oder dass sie Jahr für Jahr einer Gehirnwäsche durch Fernsehpropaganda unterzogen wurden.

Viele Russen haben keinen Zugang zu unabhängigen Informationen. Und vertrauen auf die Staatsmedien, die Putins Lügen verbreiten.
Viele Russen haben keinen Zugang zu unabhängigen Informationen. Und vertrauen auf die Staatsmedien, die Putins Lügen verbreiten.

© IMAGO/SNA

Die meisten sprechen ausgezeichnet Englisch und haben Zugang zu verschiedensten Medien, russisches Fernsehen schauen sie gar nicht. Es gibt kein Missverständnis der Lage, jedoch den Wunsch, dass diese das eigene Leben nicht beeinflusst.

Dafür ist es notwendig, die Ereignisse so weit wie möglich aus dem Diskursgebiet herauszudrängen und überhaupt weniger zu reflektieren. Es ist unbequem, über Butscha zu sprechen, während man in einer Schlange für Austern ansteht (eine solche Schlange gibt es jeden Abend vor einem Restaurant in der Nähe meines Hauses). Das bedeutet, dass es besser ist, überhaupt nicht über Butscha zu sprechen, über die Kriegsverbrechen der russischen Armee.

Eine solche Haltung löst jeden kleineren Protest auf, macht ihn unsichtbar und gleichsam unwichtig. In einer Provinzstadt wird ein Mensch mit dem Plakat „Nein zum Krieg“ sicher mit Einwänden und Streit konfrontiert (dann wird ihn die Polizei abführen). Doch auf dem Moskauer Boulevard werden alle einfach vorbeilaufen – weil der Krieg natürlich nicht gut ist, aber ein Geschäftsmeeting zum Frühstück wichtiger.

Als mein Gesprächspartner auf dem Boulevard seine helle Schleife abgenommen hatte, war auf den Straßen deutlich mehr los. Die Cafés begannen sich mit eleganten und entspannten Menschen zu füllen. Irgendwo wurde Jazz aufgedreht, und diese Klänge zeigten irgendwie die Theatralik der Atmosphäre noch deutlicher. Das heutige Moskau ist eine Stadt, die normales Leben spielt.

Mein Hund und ich gingen nach Hause.

Aus dem Russischen von Claudia von Salzen.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false