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Wie wär's mit einem Aviation? Der feine Cocktail wird in der Bijou Bar kredenzt.
© Monbijou Hotel

Hotelkolumne: In fremden Federn: Eine Zeitreise in die 20er Jahre

Britisches Interieur und Drinks für echte Gentlemen: Im Monbijou Hotel findet man den Charme vergangener Tage.

Drüben auf der anderen Straßenseite stand einst das Hohenzollern-Schloss Monbijou. Lange her. Doch den Charme vergangener Tage findet man auch beim Namensvetter, dem Monbijou Hotel. Eine Zeitreise in die 20er Jahre, britisches Interieur. Zumindest erinnert die Lounge, die sich langsam aus der konzeptuellen Schummrigkeit abhebt, an Landhausstil von der Insel: dunkle Farben, offener Kamin mit Messingverkleidung, hölzerne Vertäfelung, Schirmlampen und schwere Polstermöbel. Eine Bibliothek darf natürlich nicht fehlen. Selbst im begrünten Innenhof der ehemaligen Seidenspinnerei haben sich englische Landschaftsgärtner ausgetobt. Zurückhaltend und klassisch.

Die 1920er waren die Hochzeit der Cocktail-Kultur in den Weltfeiermetropolen. Folgerichtig gibt es drei Bars im Haus. „Einen echten Gentlemen’s Drink“ empfiehlt der Barkeeper. Den Aviation. Gin, Maraschino, Veilchenlikör. Silbrig-graue Färbung, die an den Himmel erinnern soll, der zu seiner Entstehungszeit von der Luftfahrt erobert wurde.

Dem Himmel kommt man im Monbijou Hotel aber auch nüchtern nahe. Mit dem Fahrstuhl hinauf auf die Dachterrasse. Wo die Bienen im Sommer fleißig den Honig für das Frühstück sammeln und man des Nachts die gestresste Stadt aufatmen hört. Der Blick fällt auf den Dom, der später bei einer Abendrunde ebenso schnell erlaufen ist wie die Museumsinsel oder die Neue Synagoge.

Auf der Oranienburger Straße hat sich viel verändert

Direkt um die Ecke liegen auch die Hackeschen Höfe, an deren Jugendstil-Fassaden sich im Sommer die amüsierwütigen Touristenscharen vorbeischieben. Auf der Suche nach authentischen Orten, die in Reiseführern versprochen werden. Das Kunsthaus Tacheles steuern sie seit einigen Jahren vergebens an. Viel hat sich auf der Oranienburger Straße verändert. Im noch kalten Frühling allerdings wirkt der Ausgangspunkt für das touristische Nachtleben wie ein verschlafener Dorfplatz. Sogar die Sexarbeiterinnen merken sich die Gesichter der Passanten: „Du schon wieder. Jetzt vielleicht doch?“

Bezeichnend, dass hier im Nachtverkehr die Straßenbahnlinien enden. In der Wendeschleife gleich neben dem Hotel löschen sie das Licht, scheinen einzunicken. Ein Anblick vor dem Fenster, der ansteckt. Also barfuß vom Bad mit Marmormosaik über das Echtholzparkett zum Boxspringbett mit der himmelweichen Matratze. Die man am Morgen nur wegen des Versprechens auf das beste Bircher Müsli der Stadt verlässt. Kurze Zeitungslektüre im Ohrensessel. Dann öffnet sich die Zeitkapsel wieder und spuckt den Reisenden hinaus ins 21. Jahrhundert.

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