"Männer haben Netzwerke, Frauen nicht"

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Interview mit Autorin Sophie Passmann : „Krawallige, sich selbst überschätzende Frau? Here I am!“
Passmann arbeitet als Autorin beim „Neo Magazin Royal“ von Jan Böhmermann (im Bild).
Passmann arbeitet als Autorin beim „Neo Magazin Royal“ von Jan Böhmermann (im Bild).Foto: Oliver Berg/dpa

Äh, Frau Passmann, Ihr Handy klingelt.

Das ist mein Reminder für Oma. Die bekommt jeden Tag eine WhatsApp-Nachricht.

Gab es eine Beleidigung, die Sie getroffen hat?

Der erste Shitstorm hat mich in seiner Masse an Hass mitgenommen. Ein Typ hatte mich auf Tinder gefragt: „Wenn du einen Tag ein Mann sein könntest, was würdest du machen?“ Meine Antwort: „Den vollen Lohn für meine Arbeit bekommen.“ Den Screenshot habe ich getwittert und darüber geschrieben „Flirten kann ich“. Das wurde sehr oft geteilt. Aber es haben mich auch viele Männer beschimpft: „Such dir halt einen richtigen Job, dann wirst du auch bezahlt“.

Sie imitieren die Stimme eines Höhlenmenschen.

Ich habe tagelang Nachrichten bekommen von Kerlen, die mir vermeintlich sachlich gesagt haben, dass ich keine Ahnung von Statistik habe. Das hat mich getroffen, weil ich zu der Zeit noch Statistik-Tutorien gegeben habe. Erklärst du 47-jähriger Karlheinz ohne Anstellung und Hochschulabschluss mir gerade, dass der Gender Pay Gap nicht stimmt? Ein anderes Mal bekam ich ein beängstigendes Video von einem Mann. Ich will echt nicht sterben wegen eines lustigen Tweets. Irgendwann verloren die Beleidigungen ihren Reiz. Mal ehrlich, ich habe selber keine Ahnung, wo ich übermorgen bin. Mein Kalender ist super gegen Stalker.

Einer Ihrer vielen Jobs: Sie arbeiten gelegentlich als Autorin beim „Neo Magazin Royal“ von Jan Böhmermann. Wie sind Sie dazu gekommen?

Jan hat mich gefragt. Auf Twitter.

Sie raten Frauen und Mädchen, Leute anzuschreiben, die sie toll finden: Lass mal Kaffee trinken.

Männer haben Netzwerke, Frauen nicht. Chefredakteure, Staatssekretäre, Aufsichtsräte. Sogar die Jugendorganisationen von Parteien. Ich nehme da explizit die linken nicht aus. Alles Dudes, die Dudes einstellen. Ein Mann fördert tendenziell einen Mann, weil man das nimmt, was man kennt. Kein Vorwurf. Männer haben Netzwerken gelernt. Die fragen sich nicht, ob es angemessen ist, mit der Abteilung angeln zu gehen. Frauen denken schnell: „Ich kenn die doch gar nicht ...“ Wenn Julia Klöckner, Ursula von der Leyen, Annalena Baerbock und Claudia Roth zusammen beim Italiener essen würden, würde sogar ich denken: Hä, was machen die da? Und dann kämen natürlich sofort Kommentare wie: Oh, gibt’s gerade 50 Prozent bei Reno?

Sie klingen jetzt sehr wütend.

Ich werde immer verbitterter, wenn ich auf die deutsche Unterhaltungsindustrie gucke. Lanz kam neulich schon wieder ohne Frauen aus. Die Seh- und Hörgewohnheiten sind auf Männer gepolt. In Dokumentationen sprechen Männer den Off-Text, denen glaubt man ja eher. Wenn Frauen in Talkshows laut werden, ist das hysterisch, wenn Heribert Prantl sein Gegenüber zusammenschreit, wird er gefeiert. Schön, dass da mal jemand die Sprache der kleinen Leute spricht. Und das kann sich nur ändern, wenn es ein paar krawallige, sich selbst überschätzende Frauen gibt: Here I am!

In einem Beitrag für das „Neo Magazin“ haben Sie Schauspieler zu #MeToo befragt. Jürgen Vogel hat Ihnen als Antwort die Hand auf die Hüfte gelegt. Können Sie noch Filme mit ihm schauen?

Klar. Ich finde Jürgen Vogel weiterhin toll. Am Ende des Tages ist nicht die Hand auf der Hüfte das Problem, das das weibliche Geschlecht hat, sondern, die Hälfte der Gage zu bekommen. Alle sagen nach #MeToo mit ernster Miene: Es ändert sich ja auch die Wahrnehmung gerade. Keiner sagt: Hier spiele ich nicht mehr. Keiner fordert eine Transparenz für Gagen! Es kann nicht sein, dass immer nur Frauen mitbekommen, wenn irgendwo Machtmissbrauch stattfindet. Also, Männer, hört entweder auf, so pathetische Interviews zu geben, und seid gleich unpolitisch, weil das besser zum schönen Gesicht passt. Oder tretet mal einen Schritt zurück, damit eine Frau in die ganz kleine Lücke kann!

Bis kürzlich waren Sie Kolumnistin der „Jolie“. Auf deren Webseite: Maße der Stars, Analsexmythen, Rezepte. Nicht gerade feministische Avantgarde.

Natürlich sind diese Magazine Kapitalismus pur: Man kauft sie, um noch mehr zu kaufen. Aber ich will keine Systemkritik üben, sondern nur, dass junge Frauen ab und zu, wenn sie im Schwimmbad die Sommertrends durchblättern, einen klugen Gedanken abbekommen. Manchmal ist schon der Zweifel an einem Gedanken wertvoller als ein ganzes politisches Manifest. Einfach auch, weil politische Manifeste nicht so aufmerksam gelesen werden von Mädchen im Schwimmbad.

Schreiben Sie eigentlich in einem Café – so wie man sich das vorstellt?

Meistens eher daheim, aber neulich habe ich mich ertappt, wie ich im Belgischen Viertel in Köln sitze, im „Salon Schmitz“, mir einen Frozen Lemon Margarita bestelle und eine Kolumne in mein MacBook mit den ironischen Stickern drauf hacke. Ich bin das Abziehbild eines Klischees geworden!

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