Die Kunstversessenheit erreicht auch das Umland

Seite 2 von 3
Kunst in Kapstadt : Afrikanische Moderne
Street-Art im Stadtteil Woodstock.
Street-Art im Stadtteil Woodstock.Foto: Daniel Fernandez Campos

An Mauern

Hinter einer zum Kreativzentrum umgebauten Nähfabrik, der Woodstock Exchange (66 Albert Road), haben Dutzende Street-Art-Künstler ihre Spuren hinterlassen. Ist das Will Smith im blauen Krankenhausdress, der auf der Rückseite des Gebäudes prangt? Behaupten jedenfalls die Verkäufer in der Exchange. Prachtvoll schiebt sich ein buntes Nashorn an der Wand viktorianischer Häuser entlang, mächtig ragt ein riesiger Zeigefinger auf die Straße herunter, futuristisch wirken die Comic-Figuren an manchen Wänden, und alles vor der Kulisse des Tafelbergs.

Der sichtbare Unterschied zu Europa: Sicherheitsleute bewachen das Straßenkarree und sollen potenzielle Taschendiebe abschrecken. Die Kriminalität ist im Vergleich zu europäischen Großstädten hoch. Geführte Gruppentouren durch das Woodstock der Open-Air-Kunst bietet Coffeebeans Routes an (coffeebeansroutes.com), vier Stunden kosten etwa ab 100 Euro pro Person.

Im Studio

Ansonsten ist es nicht einfach, auf einen Künstler in Kapstadt zu treffen – außer man bucht ihn. Diesen besonderen Service bietet das Belmond Mount Nelson Hotel an. Dort gibt Cyril Coetzee Zeichenunterricht und porträtiert Kurzentschlossene. Der 59-Jährige hat jahrelang in Johannesburg gelebt, wo er einige Berühmtheit erlangte, weil er das offizielle Porträt von Nelson Mandela malte. Dem ehemaligen Präsidenten folgten etliche Minister, die ihrem Vorbild nicht nachstehen wollten. Das Einkommen war für Coetzee so lange gesichert, bis selbst der ehrgeizigste Beamte seinen Ölschinken besaß.

Nun sind die Posten alle verteilt, und Coetzee zog vor einigen Jahren nach Kapstadt. In dem rosafarben getünchten Hotel arbeitet er als Künstler auf Abruf. Weiße Haare, weißer Bart, weißes Hemd, die Schwierigkeit, so erzählt Coetzee bei einem Kaffee im Garten, bestehe darin, den Gästen klarzumachen, dass eine mehrstündige Sitzung pro Tag nicht ausreiche. Schon gar nicht, wenn die vierköpfige Familie mit auf das Bild soll. Deshalb Zeit und Geld mitbringen. Ein Porträt kostet ab 15000 Rand (890 Euro), je nach Größe.

Auf dem "Neighbourgoods Market" in der alten Keksfabrik verkaufen Kreative und Gastonomen ihre Produkte.
Auf dem "Neighbourgoods Market" in der alten Keksfabrik verkaufen Kreative und Gastonomen ihre Produkte.Foto: Hillary Fox

Am Tisch

Die goldene Regel jedes Künstlers: Lass dich von deinem Galeristen zu einem üppigen Mahl einladen. In Kapstadt am liebsten in das kürzlich eröffnete Janse (75 Kloof Street), ein Restaurant für gehobene Lokalküche, das fünf Minuten Fußweg vom alten Galerienviertel der Bree Street entfernt liegt. Man kann natürlich darüber reden, wie schwer es ist, den gebürsteten Stahl zu bearbeiten, aber will man nicht lieber über die Kreationen aus der Küche schwärmen? Über den Oktopus mit Erdbeeren, japanischen Salzpflaumen und Pfefferminze.

Oder die Hühnchenbresaola mit Fenchel und Rhabarber. Laden Sie doch einen Künstler ein, ein Fünf-Gänge-Menü kostet 585 Rand, das sind dank des günstigen Wechselkurses nur 30 Euro. Oder über den Rücken des Lion’s Head ins La Perla fahren (209 Beach Road), die einzige Entschuldigung für sonnenlichtscheue Künstler, mal an die Atlantikpromenade in Sea Point zu gehen. Das italienische Restaurant gehört Baylon Sandri, der auch die Smac Gallery betreibt. Künstler dürfen hier anschreiben, möglicherweise sogar mit Gemälden bezahlen, wenn man sich die Wände ansieht. Dafür nehmen sie den schnippischen Service in Kauf. Livrierte Kellner, die einem Gast das Gefühl geben, sie gehörten eigentlich eher an die Amalfiküste, aber doch nicht an dieses Ende der Welt.

Aus einem Getreidesilo am Hafen entstand mit dem Mocaa und dem aufgesetzten Silo Hotel ein neues Wahrzeichen.
Aus einem Getreidesilo am Hafen entstand mit dem Mocaa und dem aufgesetzten Silo Hotel ein neues Wahrzeichen.Foto: The Silo

Auf dem Land

Die Kunstversessenheit erreicht auch das Umland, die Weingüter mit ihren schnieken Resorts. La Residence in Franschhoek beeindruckt mit einer meterhohen Haupthalle voll üppiger Malereien. Normalerweise schalten Elton John und Richard Gere auf diesem Anwesen ab, für ein Mittagessen können sich Normalsterbliche den oberen 10000 nahe fühlen. Allerdings bitte vorher anmelden.

Auf halbem Weg dorthin liegt das Delaire Graff Estate in Stellenbosch. Das Gut ist neben dem beliebten Restaurant für seinen großzügig angelegten Skulpturengarten bekannt. Bronze-Geparden des Bildhauers Dylan Lewis zieren Weinberge, Park und Ausflugsterrasse. Am Fuße der schroffen Hottentots Holland Mountains die Statuen bewundern und einen Chardonnay probieren – es gibt schlechtere Plätze, um alle Sinne zu befriedigen.

Seite 2 von 3 Artikel auf einer Seite lesen