"Alarm für Cobra 11" : Bunt und laut

Immerhin keine breitbeinigen Machos: Warum RTL auch nach 22 Jahren an der Polizeiserie „Alarm für Cobra 11“ festhält.

Kein Risiko scheuen, um andere rauszuhauen. Offenbar befriedigt die Serie mit Daniel Roesner (li.) und Erdogan Atalay die Sehnsucht nach einem traditionellen Rollenbild.
Kein Risiko scheuen, um andere rauszuhauen. Offenbar befriedigt die Serie mit Daniel Roesner (li.) und Erdogan Atalay die...Foto: dpa

Der Hubschrauber sieht arg gerupft aus auf dem Dach des Firmengebäudes, die zahlreichen unbeschilderten Autos auf dem Hof lassen erhebliche Zweifel an ihrer Fahrtüchtigkeit zu. Aber Materialverschleiß gehört nun mal zum Kern der Unternehmensphilosophie von Action Concept. In Hürth bei Köln ist die Produktionsfirma des RTL-Dauerbrenners „Alarm für Cobra 11“ zu Hause.

Seit 22 Jahren strahlt der Marktführer des Privatfernsehens die Polizeiserie aus. Am vergangenen Donnerstag begann mit der zum großen Teil in Budapest gedrehten Folge „Most wanted“ Sende-Staffel 33 mit elf frischen Episoden. Und Staffel 34 für das Frühjahr 2019 ist in Arbeit.

Während also die Kanzler Helmut Kohl und Gerhard Schröder Geschichte sind und heute Streamingdienste, TV-Sender und Web-Portale mit neuen Serien-Stoffen auf den Markt drängen, schrottet Autobahnkommissar Semir Gerkhan (Erdogan Atalay) immer noch tonnenweise Blech, als wäre nichts geschehen. Ein Anachronismus? „In diesen unruhigen Zeiten wollen die Leute auch eine Konstante haben“, sagt Produzent Heiko Schmidt. Es brauche „auch eine Alternative zu den Hypes“.

Diese Alternative ist „bunt und laut“, und genau das verbinde man ja mit RTL, erklärt Redakteur Nico Grein. Da haben sich zwei gefunden. Weil der Sender jahrelang vergeblich versucht hat, eine ähnlich erfolgreiche Serie für den Sendeplatz im Anschluss zu finden, folgen auf die neue Episode von „Alarm für Cobra 11“ drei alte. Wiederholungen gibt es auch bei Nitro und RTL Crime, sodass über eine Woche verteilt stolze 16 Episoden zum Teil mehrfach ausgestrahlt werden. Auch so lassen sich Programm-Kosten drücken. Zudem wurden von „Alarm für Cobra 11“ Ausstrahlungsrechte in 120 Länder verkauft.

Die teuerste Serie im deutschen Privatfernsehen

Insofern mag die Serie ein RTL-Aushängeschild sein, doch die Zahlen der Frühjahrsstaffel 2018 dürften den kühlen Rechnern bei der Bertelsmann-Tochter weniger gefallen haben. Mit 2,39 Millionen Zuschauern insgesamt und einem Marktanteil von zwölf Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen war das „Cobra“-Team gerade so im grünen Bereich. Wenn Quote und Rendite nicht mehr stimmen, ist man bei RTL nicht zimperlich. Aber nach der Auftaktfolge am vergangenen Donnerstag (13 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 59-Jährigen) war RTL positiv gestimmt.

Wie soll es weiter aufwärts gehen? Mit noch mehr Krawumm und Spektakel sicher nicht, das haben die vielfach ausgezeichneten Stunt-Experten von Action Concept ausgereizt. Produzent Schmidt spricht angesichts gestiegener Produktionskosten von einem „Riesendruck“. Eine 45-Minuten-Folge koste über eine Million Euro. Damit sei „Alarm für Cobra 11“ die teuerste Serie im deutschen Privatfernsehen.

So hatte das Special zu Beginn der neuen Staffel keine 90 Minuten mehr, sondern nur noch die Länge einer normalen Episode. Doch Schmidt reklamiert für die Serie, dass sie sich inhaltlich weiterentwickle: „Wir haben eine klare Verabredung mit den Zuschauern: Action, Spannung, ein bisschen Humor. Aber wir versuchen immer mal etwas Neues, mal in Richtung Mystery, mal Abenteuer oder Comedy.“

Oder einen Ausflug ins sonnige Budapest – natürlich ging es zum Auftakt nicht um die gesellschaftliche Realität im Ungarn des Viktor Orbán. Schießereien, Explosionen und eine Verfolgungsjagd entlang des Donau-Ufers. In die Serie zurück kehrte Jenny Dorn (Katrin Heß), die erst kürzlich zur New Yorker Polizei gewechselt war und der in Budapest ihre Ex-Kollegen Semir Gerkhan und Paul Renner (Daniel Rösner) zu Hilfe eilten. In Folge zwei ist es Gerkhans Tochter Dana, die beschützt werden muss.

Die beiden Hauptfiguren sind immerhin keine breitbeinigen Machos, sondern eher Kumpeltypen und zugleich das, was man landläufig „echte Männer“ nennt – zwei Jungs, die kein Risiko scheuen, um andere rauszuhauen. Offenkundig befriedigt die Serie, die von mehr Frauen als Männern gesehen wird, die Sehnsucht nach einem überwiegend traditionellen Rollenbild. Die Kehrseite der Medaille: Semir Gerkhan mal eine Kommissarin als Actionheldin an die Seite zu stellen (statt mittlerweile den achten männlichen Partner) – diesen Schritt in die Moderne scheuten die Macher bisher.

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„Alarm für Cobra 11“, RTL, Donnerstag, 20 Uhr 15

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