Arte-Doku : Die zwei Seiten der Julie Andrews

Nicht allein Mary Poppins. Eine neue Doku über die britische Schauspielerin und Sängerin.

Die andere Julie Andrews. Durch ihre Rolle in „Victor/Victoria“ wurde die Schauspielerin zur Queer-Ikone. Foto: Getty Images
Die andere Julie Andrews. Durch ihre Rolle in „Victor/Victoria“ wurde die Schauspielerin zur Queer-Ikone. Foto: Getty ImagesFoto: arte

„Supercalifragilistischexpialigorisch“ – das ist 1964/65 unter Kindern in aller Welt das Zauberwort der Stunde. Ein Londoner Kindermädchen beschwört es singend und tanzend, mit einer alle bezaubernden Leichtigkeit. Diese Nanny wird von einer Sängerin und Tänzerin verkörpert, die zumindest in den USA bisher kein Mensch kannte: Julie Andrews wird zu einer Symbolfigur der unbeschwerten Zeit der Kindheit.

Es ist Walt Disney, der aus der Sopransängerin ein Idol formt: der Mann, der die Maus erfand, lässt die Britin in dem aufwendigen Musical-Film „Mary Poppins“ besetzen. Fortan scheint sie festgelegt zu sein auf den Typus der anmutigen, etwas androgyn wirkenden, vor allem aber unschuldigen Musical-Ikone mit Stupsnase und bezauberndem Lächeln. Für die Darstellung der Mary Poppins erhält sie sowohl den Golden Globe als auch den Oscar. Es ist der Beginn einer Weltkarriere.

Später wird sie allerdings ganz andere Besetzungsangebote annehmen, um aus diesem Rollentypus auszubrechen. Eines ist das zu Alfred Hitchcocks Spionage-Thriller „Der zerrissene Vorhang“ von 1966, wo sie an der Seite von Paul Newman zu sehen ist. Ehemann Blake Edwards, Regisseur etwa der Pink-Panther-Reihe, besetzt seine Frau 1982 in „Victor/Victoria“. Julie Andrews, umjubelter Star nicht zuletzt aus „The Sound of Music“ (1965), bricht endgültig mit allem Musical-Zuckerguss und wird zur neuen Queer-Ikone.

Die Karriere der am 1. Oktober 1935 in Walton-on-Thames geborenen Julie Andrews beginnt nicht erst mit der Begegnung mit Walt Disney, wie die neue Dokumentation „Julie Andrews“ von Filmautor Yves Riou mit schönem, teils seltenem Archivmaterial unter anderem aus den 1940er Jahren erzählt („Julie Andrews“, Sonntag, Arte, 22 Uhr).

„Starlight Roof“ oder „Humpty Dumpty“

Bereits im Alter von zwölf Jahren tritt die junge Julie in London öffentlich auf – darunter in Musicals wie „Starlight Roof“ oder „Humpty Dumpty“ –, wird für eine Radioshow der BBC engagiert und als neues Wunderkind mit einem Stimmumfang von über vier Oktaven regelrecht gefeiert.

Der bewegendste Moment in ihren jungen Jahren ist ihrer eigenen Aussage nach der, als sie am 1. November 1948 mit 13 Jahren in London singt und ihr von der Ehrenloge aus das britische Königspaar, King Georg VI. und seine Frau Elizabeth, spätere Queen Mum, zuhören.

Dann geht alles Schlag auf Schlag: Mit 17 kommt der Ruf an den Broadway, sie spielt die Hauptrolle in dem Musical „The Boy Friend“, das ist 1953. Drei Jahre später wird sie in der Rolle der Eliza Doolittle in „My Fair Lady“ besetzt. Als es 1964 um die Verfilmung geht, entscheidet sich Produzent Jack Warner für die wesentlich bekanntere Audrey Hepburn, deren Gesangspartien allerdings von Marni Nixon eingesungen werden.

Neue Gespräche hat Filmautor Yves Riou mit der in der Schweiz lebenden und etwa mit Synchronarbeiten zu den vier zwischen 2001 und 2010 entstandenen „Shrek“-Animationsfilmen immer noch beschäftigten, agilen Julie Andrews – sie wird dieses Jahr 85 – leider nicht geführt. Die meisten Interviewausschnitte stammen aus einer legendären BBC-Gesprächsreihe, in der Andrews 1974 bei Michael Parkinson zu Gast ist. Es ist vor allem dieser Retro-Blick, der die sonst etwas konventionell gehaltene Doku sehenswert macht.

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