Arte-Reihe "Summer of Freedom" : Mach’ dein Ding!

"Summer of Freedom": Arte wirft die Frage auf, was der Kulturkanal unter Freiheit versteht.

Jan Freitag
Offensiv ins Rampenlicht. Den Arte-Sommer-Schwerpunkt könnte kaum jemand besser präsentieren als US-Sängerin Beth Ditto.
Offensiv ins Rampenlicht. Den Arte-Sommer-Schwerpunkt könnte kaum jemand besser präsentieren als US-Sängerin Beth Ditto.Foto: Rémy Grandroques/Arte

Von all den Begriffen, die seit jeher populistisch leicht auszuschlachten sind, ist Freiheit wohl der ambivalenteste. Dass die Freiheit des einen jene der anderen betrifft, zählt zwar zum Kernbestand ziviler Gesellschaften, doch spätestens, wenn es an Konsequenzen geht, wird es haarig. Wer zum Beispiel schränkt wessen Freiheit mehr ein: der SUV-Fahrer, dessen automobiler Egoismus Ausfallstraßenbewohner selbst im Sommer zum geschlossenen Schlafzimmerfenster nötigt? Oder doch die Ausfallstraßenbewohner, die dem SUV-Fahrer dafür ans Recht auf freie Fahrt für freie Bürger wollen?

Da ist sich Arte offenbar auch nicht so sicher, hat für die Fortsetzung seiner Ferienreihe „Summer of…“ aber immerhin eine Formel parat, die einem derart wesenslibertären Kulturkanal natürlich gut zu Gesichte steht: „Pfeif’ auf Konventionen und mach’ dein Ding!“ So nämlich beschreibt Programmdirektor Bernd Mütter zum Auftakt das alte Freiheitsversprechen des Rock’n’Roll, dem sich sein Arbeitgeber die nächsten sechs Wochen wie jedes Jahr um diese Zeit widmen wird.

Nach den Summers of Sixties, Eighties und Nineties, Summers of Girls, Rebels oder Lovers, of Peace, Scandals und Fish’n’Chips schmort der Sender nun also mehr als je zuvor im eigenen Saft und feiert Wochenende für Wochenende die Kraft der Emanzipation von allem, was der eigenen Entfaltung im Wege steht. Angefangen mit einer Erstausstrahlung, die dafür mehr als bloß sinnbildlich steht. Der britische Filmemacher Michael Epstein zeigt an diesem Freitag um 21 Uhr 45 am Beispiel von „John und Yoko“, wie das berühmte Paar vor fast 50 Jahren sämtliche Konventionen gesprengt hat, um Politik und Kunst, Gesellschaft und Liebe, U und E so miteinander zu verschmelzen, dass Rebellion endlich von Herzen kommt.

Damit befinden sie sich in Gesellschaft musikalischer Quergedanken und -denker von der „Marseillaise“ bis „I Will Survive“, von Billy Bragg bis Feine Sahne Fischfilet, denen Ulrike Neubecker, Bernard Wedig und Chrysanthi Goula am Sonntag drauf in ihrem Feature „Sound of Freedom“ (22 Uhr 10) ein Denkmal setzen. Filme wie „Club der toten Dichter“ (14. Juli) und „Easy Rider“ (28. Juli), Porträts von Grace Jones (2. August) oder Colin Kaepernick (25. August) sowie Dokus über Birkenstocksandalen (26. Juli) und Transmenschen (23. August) belegen die Kreativität eines Schwerpunkts, den kaum jemand besser präsentieren könnte als Beth Ditto. Als homosexuelle Frau mit Übergewicht befördert die Sängerin schließlich gleich drei benachteiligte Gruppen offensiv ins Rampenlicht.

Warum die Rolling Stones?

All dies wird jedoch frühzeitig durch ein Werk konterkariert, das den Zwiespalt programmatischer Fokussierungen auf ein derart diffuses Sujet symbolisiert: „The Rolling Stones Havana Moon“. Paul Dugdales Konzertfilm begleitet die Stadionrockveteranen am Sonntag um 23 Uhr 15 Uhr nach Kuba, wo sie offenbar allein deshalb in die Arte-Themen-Klammer passen, weil ihr Auftritt 2016 in einer Diktatur stattfand.

Angesichts der Selbstbereicherungsmaschinerie dieser veränderungsresistenten Milliardäre treibt das den Titel des Schwerpunkts fast ins Lächerliche. Auch Tina Turners Live-Gig in Holland (9. August) wirft wie die Beiträge zu Amy Winehouse (19. Juli), Depeche Mode (11. August) oder Oasis (23. August) die Frage auf, was genau Artes Redakteure unter Freiheit verstehen, so im philosophisch-semantischen Sinne.

Weil sich der „Summer of Freedom“ auf popkulturelle Aspekte individueller Selbstermächtigung konzentriert, vernachlässigt er oft, wogegen diese Selbstermächtigten an 16 Abenden bis spätnachts eigentlich genau aufbegehren. Es mangelt dem wohlgesinnten Fokus also abermals an Trenn- und Tiefenschärfe. Nur – das zu kritisieren ist gerade im gletscherspaltentief klaffenden Sommerloch irgendwie spitzfindig. Zumal sich Arte nicht nur darum bemüht, es mit mehr als Massenware zu verfüllen, sondern dabei immer noch gewissenhafter, vielschichtiger, erhellender, unterhaltsamer vorgeht als RTL an 365 Tagen im Jahr.

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„Summer of Freedom“, ab Freitag, Arte. Start: „John und Yoko, 21 Uhr 45

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