Berlinale-Doku auf Arte : Kosslicks letzte Runde

„I can’t bear it anymore“: Thomas Schadts Berlinale-Doku „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ mit Hauptdarsteller Dieter Kosslick.

„I can’t bear it anymore“. Kulturstaatsministerin Monika Grütters bedankt sich beim langjährigen Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.
„I can’t bear it anymore“. Kulturstaatsministerin Monika Grütters bedankt sich beim langjährigen Berlinale-Direktor Dieter...Foto: picture alliance/dpa

Schöner Vergleich. Thomas Hailer, in den Jahren von Dieter Kosslick als Berlinale-Kurator in der Kommandozentrale des Festivals tätig, kommt auf den Drachen Malzahn aus dem Kinderbuchklassiker „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ zu sprechen. Auch die Berlinale sei übers Jahr so ein schlafendes Monster. Aber kaum, dass jemand es wachpiekst, spuckt es eine 30 Meter hohe Feuersäule und alle rufen „Wow, toll!“.

Feuersäule, die 70.: An diesem Donnerstag wird die erste Berlinale unter neuer Leitung eröffnet. Bei der 69. Ausgabe, der letzten unter Kosslick, konnte der Dokumentarfilmer Thomas Schadt einen Blick hinter die Kulissen werfen [ „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“, Mittwoch, Arte, 23 Uhr 55 und Sonntag, RBB, 23 Uhr 05].

Für die Ufa-Produktion „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ harrte er als Zaungast am roten Teppich aus, beobachtete backstage die Gala-Moderatorin Anke Engelke oder auch Wettbewerbs-Regisseurin Nora Fingscheidt, befragte die Jury-Präsidentin Juliette Binoche und begleitete „Mr. Berlinale“ Kosslick von Termin zu Termin.

„Ich bin ein Hands-on-Direktor“, sagt Kosslick. Der Festivaldirektor zum Anfassen trägt grünen Pulli, Schal und offiziell den notorischen Hut, plauscht mit der Friseuse, betreibt vor den Pressekonferenzen Lockerungsübungen mit den manchmal bangen Filmteams, führt Krisentelefonate nach der Absage des chinesischen Wettbewerbsfilms von Zhang Yimou, leitet Lagebesprechungen. Ein Teamworker, auf Augenhöhe mit seinem Stab. Und mit dem Publikum natürlich.

Auch in Schadts Film spielen die Zuschauer eine Hauptrolle. Warum Schlange stehen, wenn man gemütlich zu Hause per Streamingdienst Filme gucken kann? Da schlaf’ ich doch ein, sagt eine Kartenjägerin vor dem Ticketcounter in den Potsdamer Platz Arkaden. Festivals sind Wachmacher, Wachhalter in Zeiten von Netflix.

Berlinale-Stammgast Georg Krömer, neben Kosslick der zweite Protagonist der Dokumentation, schläft höchstens mal im Bus oder der U-Bahn, wenn er zwischen Berlinale Palast, Haus der Kulturen der Welt und Friedrichstadtpalast pendelt. Berlinale-Fan ist er seit bald 40 Jahren. Rund 50 Filme schafft er in zehn Tagen.

Die Extreme markieren die Bandbreite

Wer die Berlinale kennt, wird in dieser Hommage wenig Neues erfahren. Den anderen bietet sie einen kurzweiligen Schnelldurchlauf durch den Festivalalltag. Dieter Kosslicks badischer Humor. 1600 Mitarbeiter. 14 Sektionen mit 400 Filmen (dieses Jahr sind es „nur“ 13 Sektionen mit 340 Titeln), voilà.

Die Extreme markieren die Bandbreite: hier die Christian-„Batman“Bale-Autogrammjägerinnen, dort der Kuratorensprech des Forum-Expanded-Mitarbeiters. Die Berlinale, das sind viele Festivals unter einem Dach.

Auch die Rückblenden in die Festivalgeschichte fördern keine Überraschungen zutage. Die Sommer-Berlinale am Ku’Damm, Amüsierlust in der Trümmerstadt. Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida, wie sie 1986 den Goldenen Bären für „Stammheim“ verkündet, sich davon distanziert und darauf besteht, dass der Dolmetscher auch ihren Satz „I was against this film“ übersetzt. Highlights, Turbulenzen, Skandale. Auch Gründungsdirektor Alfred Bauer tritt auf, es sind unverschuldet verschenkte Szenen: Thomas Schadts Film entstand vor dem Bekanntwerden von Bauers ranghoher NS-Funktionärstätigkeit.

Den Schluss hat der Regisseur allerdings ohne Not verschenkt. Das Publikum im Friedrichstadtpalast hatte Kosslick zum Abschied mit einem kollektiv gesungenen „For He’s a Jolly Good Fellow“ gefeiert.

Aber als er zur finalen Bären-Gala mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters über den roten Teppich läuft und sie sich das „Danke, Dieter“Schild eines Kosslicks-Fans stibitzt, passt ihm das gar nicht. Eine Verstimmung, die im Film höchstens zu sehen ist, wenn man von ihr weiß. Auf der Bühne schenkt Grütters ihm dann die Patenschaft für einen Brillenbären im Zoo. Der scheidende Direktor hatte stattdessen auf einen Repräsentationsposten für die Zukunft gehofft, vergeblich. „I can’t bear it anymore“, rief Kosslick in den Saal. Der Satz hat es nicht in den Film geschafft.

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