Debüt von Alina Levshin im ZDF-Krimi : Im Reich der Brecheisen

„Ich kann nicht gut mit Menschen, ich mag sie nicht": Alina Levshin steigt in die ZDF-Serie „Die Spezialisten“ ein. Es wird Zeit.

Jan Freitag
Überraschung – aber was für eine? Während sich Dr. Julia Löwe (Alina Levshin, rechts) mit den menschlichen Überresten des Mordopfers befasst, steht plötzlich dessen Frau Marie (Theresa Scholze) im Obduktionssaal.
Überraschung – aber was für eine? Während sich Dr. Julia Löwe (Alina Levshin, rechts) mit den menschlichen Überresten des...Foto: ZDF und ZDF / Hardy Spitz

Dass Augen mehr als Worte sagen, ist eine Binsenweisheit, aber gewiss nicht die schlechteste. Besonders Schauspieler beherrschen die Kunst, mit einem Blick Drehbuchbände sprechen zu lassen. Der von Julia Koschitz zum Beispiel kann den Raum fast geräuschlos mit dem Gefühl zerbrechlichen Trotzes füllen. Wenn Ulrich Matthes' Iris zusticht, gefrieren im Sichtfeld selbst Tränen. Und der Mix aus Angst und Abscheu, mit dem Alina Levshin ihr Gegenüber am Bildschirm oft auf Distanz hält, würde auch im Stummfilm funktionieren. Dummerweise arbeitet auch die vierte Staffel der „Spezialisten“ mit Text.

Nach der vorhersehbaren Partitur von Autor Kai Gero Lenke nämlich kämpft das mimische Kammerspiel der neuen Nebenhauptdarstellerin von heute an vergebens im ZDF gegen das Karnevalsorchester von „Cobra 11“-Regisseur Kai Meyer-Ricks an. Im zweiten Teil der Vorabendserie ergänzt sie als Gerichtsmedizinerin Julia Löwe die forensische TV-Einheit IEK, um darin alte Kapitalverbrechen aufzurollen.

Zum Auftakt geht es um den Tod eines Berliner Polizisten, dessen skelettierter Leichenfund neun Jahre nach dem Verschwinden bei einer Mai-Demo auf ein Gespinst aus häuslicher, politischer, gesellschaftlicher Gewalt hindeutet. Und da die kompetente, aber kontaktscheue Julia Löwe dabei ständig mit dem kernigen Henrik Martens (Matthias Weidenhöfer) und dessen robuster Chefin Dr. Lehberger (Katy Karrenbauer) kollidiert, ist das Feld ambivalenter Fernsehunterhaltung bereitet. Eigentlich.

Soziopathisches Genie im Clinch mit dem geerdeten Berufspöbel: von „Dr. House“ bis „Professor T“, von „Dr. Psycho“ bis „Psych“ war das bekanntlich schon öfter mal Inhalt drolliger Kriminalserien. Nur, dass diese hier gar nicht so drollig gemeint zu sein scheint. Im Gegenteil. Dass Levshin als menschenscheue Rechtsmedizinerin Löwe nach Feierabend Tiere präpariert, ist daher eher unfreiwillig komisch und beileibe nicht der einzige Moment von öffentlich-rechtlicher Brecheisenmetaphorik, mit der „Die Spezialisten“ auch in neuer Zusammensetzung Esprit durch Stereotype ersetzen. Umso mehr macht die Neue Hoffnung auf frisches Potenzial dieser Erfolgsserie.

Keine Spur von der Mischung aus Arroganz und Abwehrimpuls

Und das liegt – wie erwähnt – auch am virtuosen Minenspiel von Alina Levshin. Mit der kann die Mittdreißigerin aus Odessa fast zehn Jahre nach ihrem Durchbruch in Dominik Grafs Gangster-Epos „Im Angesicht des Verbrechens“ schließlich jede Kameraeinstellung zum Kunstwerk der Ausdruckskraft adeln.

Ob als irritierend realistische „Kriegerin“ der ostdeutschen Neonazi-Szene, Partisanin im weltweit gefeierten Weltkriegsdrama „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder unterforderte Polizeipraktikantin am „Tatort“ Erfurt – stets kriecht ihr sprachlich reduziertes Spiel tief ins Unterbewusstsein des Publikums und hinterlässt dort auch jenseits ihrer berückenden Attraktivität bleibenden Eindruck.

Trotz einiger Ausflüge in Rollenprofile ihrer osteuropäischen Herkunft darf die Ukrainerin 29 Jahre nach ihrem Umzug ins frisch wiedervereinte Berlin damit längst auch Filmfiguren ohne russischen Akzent verkörpern – für Schauspielerinnen und Schauspieler mit Migrationshintergrund keine Selbstverständlichkeit im Reich der Schubladen.

„Ich liebe das Klima, das Meer, meine Verwandten", sagte sie Ende 2013 zum Start des zügig aufgelösten „Tatort“Teams über ihre alte Heimat und fügte zur neuen hinzu: „Aber ich liebe auch Deutschland, verstehe dieses System hier und wertschätze es.“ Alina Levshin blickte dabei sehr freundlich drein, fast fröhlich. Keine Spur von der Mischung aus Arroganz und Abwehrimpuls, die fortan Julia Löwes Umgang mit anderen prägt.

Es ist ein Umgang, der zum Glück auch dann beeindruckt, wenn sie spricht. „Ich kann nicht gut mit Menschen, ich mag sie nicht, und das beruht auf Gegenseitigkeit“, sagt die Charité-Ärztin Löwe alias Levshin zum Fortbildungswechsel in den Polizeidienst. Es klingt fast zum ersten Mal in dieser Serie nicht aufgesagt, sondern glaubhaft. Hoffentlich bleibt die krimiserienerfahrene Alina Levshin noch eine Weile Spezialistin.

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„Die Spezialisten“, ZDF, Mittwoch, um 19 Uhr 25

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