funk-Moderatorin Esra Karakaya im Interview : „Mein Auto ist mein Safe Space“

Die Journalistin Esra Karakaya moderiert ihre Fernsehsendungen mit Kopftuch. Im Interview spricht sie über allgegenwärtige Vorurteile, Stigmatisierungen und Alltagsrassismus.

David Bedürftig
Esra Karakaya wurde 1991 in Berlin geboren. Sie ist Redaktionsleiterin und Moderatorin des „Karakaya-Talk“ im Jugendprogramm funk von ARD und ZDF.
Esra Karakaya wurde 1991 in Berlin geboren. Sie ist Redaktionsleiterin und Moderatorin des „Karakaya-Talk“ im Jugendprogramm funk...Foto: Meklit Fekadu Tsige

Frau Karakaya, die Corona-Pandemie wirkt sich auf jede Branche aus: Wie arbeiten Sie in dieser schwierigen Zeit?

Für meine Sendung „Karakaya Talk“ (im öffentlich-rechtlichen Jugendkanal funk) hatten wir die nächsten Folgen glücklicherweise schon abgedreht. Für die Youtube-Serie „Datteltäter“ schreibe ich Skripts und mache den Schnitt von zu Hause, wir drehen dafür auch noch. Aber fast alle anderen Aufträge sind weggefallen, sodass ich nicht so viel Arbeit habe. Langsam wirkt das eigene Heim etwas einengend. Aber was muss, das muss.

Kein Mensch in Deutschland darf, laut Grundgesetz, wegen Abstammung, Sprache, Herkunft oder Glauben benachteiligt werden: Gilt das für People of Color, Hijabis und andere marginalisierte Gruppen in den deutschen Medien?
Ich muss mich als Hijabi, als Frau mit Kopftuch, in Deutschland weitaus öfter bewerben, um eine Stelle zu bekommen, als jemand, der keine Diskriminierungserfahrungen macht. Das zeigt ganz klar, dass die Gesellschaft dem Grundgesetz in diesem Fall nicht gerecht wird. Sowohl mir als auch Kolleginnen und Kollegen mit Diskriminierungserfahrungen fällt es schwer, im Journalismus Fuß zu fassen. Der Zugang fehlt. Egal, wo ich stehe und was ich mache, ich habe immer mit Stigmatisierungen zu kämpfen.

"Als Hijabi werde ich als Gegenstück zu Toleranz und Freiheit gesehen"

Wie sehen diese Stigmatisierungen aus?
Ich bin, soweit ich weiß, derzeit die einzige Journalistin mit Kopftuch, die vor der Kamera arbeitet. Wenn man mich sieht, werden automatisch viele Kategorien von Vorurteilen aufgemacht. Zum Beispiel das Vorurteil der unterdrückten Frau, die nicht selbstbestimmt entscheiden kann und immer unter der Macht eines patriarchalen, muslimischen Mannes steht. Eine Frau, die ganz bestimmt nicht verstanden hat, was es heißt, in einer freiheitlichen, progressiven und demokratischen Welt zu agieren. Ich als Hijabi werde gerne als Gegenstück zu Toleranz und Freiheit gesehen. Ich wusste schon vor dem Beginn meiner journalistischen Karriere, dass ich aufgrund meiner Religiosität und meines Aussehens viele negative Reaktionen abbekommen würde. Von Anfang an habe ich daher ein Team eingespannt, um die ganzen Kommentare und Zuschriften zu bearbeiten.

Ihre Sendung behandelt Themen, die Menschen mit Diskriminierungserfahrung wichtig sind. Soll damit auf die nicht vorhandene Repräsentation von marginalisierten Menschen in den Medien hingewiesen werden?
Ich würde auf diese Frage total gerne antworten, dass die Sendung keine Reaktion auf irgendetwas ist. Aber ich kann nicht so tun, als würde ich mit dem Thema Ausgrenzung nicht andauernd konfrontiert. Ich werde in meiner Arbeit ständig daran erinnert, dass ich nicht einfach nur die Journalistin sein kann, die ich sein möchte. Weil ich immer wieder im Kontext meiner Religiosität hervorgehoben werde. Ein Teil von mir hat davon die Faxen dicke und will nicht mehr nur diese Inhalte machen.

Trotzdem spielen Rassismus und dessen Erfahrung eine übergeordnete Rolle in Ihrer Sendung.
Wie soll ich über solche gesellschaftlichen und politischen Themen reden und den Rassismuskontext rauslassen? Rassismus bestimmt für uns Marginalisierte alles: unseren Alltag, wie wir die Straße hinunterlaufen, wie wir unsere Kinder nennen, welchen Job wir annehmen, wer unsere Freunde sind. Ich wollte nie in irgendeine typische Integrationsdebatte hinein. In meiner Sendung versuchen wir daher, für die Menschen mit Diskriminierungserfahrungen relevantere Fragen zu stellen, die aus der Perspektive von Marginalisierten kommen. Und Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Realitäten in die Sendung einzuladen, um die Themen mit Stimmen zu besetzen, die man sonst nur wenig oder nur in bestimmten Narrativen in den deutschen Medien sieht.

Welche Rolle spielen wiederkehrende rechtsextreme und rassistische Gewalttaten und eine verstärkte Enttabuisierung gegenüber Marginalisierten für Ihre Sendung?
Die Intention hinter „Karakaya-Talk“ ist, zu normalisieren, dass unsere Themen und Gäste nicht mehr hinterfragt werden. Wenn es einer Person sauer aufstößt, dass in unserer Sendung wenig weiße Personen sitzen, zeigt das genau, wo wir in Deutschland heute stehen. Dass es nicht normal ist, dass so viele Menschen, die normalerweise unterrepräsentiert sind, auf einmal ihre Meinung sagen und laut und präsent sind.

"Döner-" und "Shisha-Morde": Wir leben in einem rassistischem System

Wie haben die rassistischen Morde in Hanau Ihre Arbeit verändert?
Deutschland hat immer noch nicht wirklich gecheckt, was in Sachen Rassismus im Land los ist. Ich glaube leider nicht, dass Hanau einen großen Unterschied machen wird. Die Taten der NSU hießen „Döner-Morde“ und nach Hanau titelt Focus Online „Shisha-Morde“. Was mir fehlt, ist die Anerkennung, dass wir einfach in einem rassistischen System leben. Und dann die Fragen, wo wir da ansetzen können.

Als Rassismus werden in den Medien oft nur die Taten und Worte von extrem Rechten bezeichnet, während Ausgrenzung und Alltagsrassismus kaum Platz finden.
Ich schaue jeden Tag genau, wie ich mich im öffentlichen Raum bewege. Ich fahre selten mit der Bahn, weil dort besonders viele rassistische Anfeindungen passieren: Mein Auto ist mein Safe Space. Bevor ich in ein Restaurant gehe, schaue ich genau, wer drinnen sitzt und wie die Atmosphäre ist. Ich bin ununterbrochen am Analysieren. Einerseits sollten Medien natürlich mehr drüber berichten, andererseits wollen wir Marginalisierten auch nicht dauernd in die Opferposition gesteckt werden. Wir müssen dahin kommen, dass Marginalisierte ganz natürlich verschiedenste Rollen in den Medien innehaben können, genauso wie Weiß- Deutsche, und dass es selbstverständlich ist, dass ich eine Moderatorin mit Kopftuch bin.

Und wie kommen wir dahin?
Medienunternehmen sollten ihre Redaktionen vermehrt diversifizieren. Aber ein Medienhaus muss in der Lage sein, über unterschiedliche Realitäten zu berichten, auch wenn in der Redaktion niemand mit Rassismuserfahrung sitzt. Fortbildungen über sensible, gerechte und transparente Berichterstattung müssten fortwährend angeboten werden, das ist mit einer Sitzung nicht getan. Es müsste ein Regelwerk geben, das Konsequenzen mit sich bringt, wenn es solch eine Berichterstattung nicht gibt. Sie darf nicht einfach nur eine Option sein.

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