"Inside Lehmann Brothers" : Drogen, Druck, Dollars

„Jemand hat ihnen einen falschen Traum verkauft“: Eine Arte-Dokumentation erzählt vom Aufstieg und Fall von Lehman Brothers.

Matthew Lee, ehemaliger Vize-Präsident von Lehman Brothers, beschreibt die Arbeitsatmosphäre dort als elektrisiert.
Matthew Lee, ehemaliger Vize-Präsident von Lehman Brothers, beschreibt die Arbeitsatmosphäre dort als elektrisiert.Foto: © KM Productions

Ein Ethikcodex bei Lehman Brothers? Matthew Lee fand die Idee ursprünglich „funny“, weil noble Grundsätze den eigenen Geschäftspraktiken doch in Wahrheit stark widersprochen hätten. „Wie eine Droge“ sei die Arbeit bei der Investmentbank gewesen, sagt Lee. Aber als dem Finanz-Vize von Lehman Skrupel kamen angesichts der Tricks, mit denen die Bilanz frisiert wurde, schrieb er mit Verweis auf den Codex einen internen Brand-Brief – und wurde gefeuert.

Wenige Monate später war Lehman pleite. „Ich wollte, ich hätte mehr getan“, sagt Lee, der heute auch nicht allzu viel tut. Er sitzt in seinem Wohnwagen im Nirgendwo, trinkt Kaffee, genießt die Aussicht. Sonst bereist er auf zwei Rädern die Welt, was dem Dokumentarfilm „Inside Lehman Brothers“ einige schöne, entspannende Reise-Bilder beschert. „Ich gehe nie wieder zurück nach New York“, sagt Lee gelassen. „Ich werde so lange mit meinem Motorrad herumfahren, wie ich nur kann.“

 Vor zehn Jahren löste die Bank-Pleite internationale Schockwellen aus. Der Film von Jennifer Deschamps, eine französisch-finnische Koproduktion, erzählt vom Aufstieg und Fall von Lehman Brothers aus der Innen-Sicht von Menschen, die wie Matthew Lee im Unternehmen Alarm geschlagen hatten, gekündigt oder aus dem Haus gemobbt wurden.

Frauen wie Linda Weekes wurden gar bedroht und sexuell belästigt. Prüferin Weekes entdeckte, dass in Kreditanträgen systematisch falsche Angaben gemacht wurden. Schließlich ging es in den Jahren vor dem Platzen der Immobilienblase in den USA darum, so viele Hypotheken wie möglich zu verkaufen – auch Kunden ohne oder mit nur wenig Eigenkapital wurden Kredite aufgeschwatzt.

Die persönlichen Schicksale verbinden sich mit dem Wirtschaftskrimi

 Die Händler kassierten Provisionen und Kreditgebühren, die Hausbewohner waren nach wenigen Monaten überfordert. Im Jahr 2007, einem Rekordjahr für Lehman Brothers, stieg die Zahl der Zwangsräumungen enorm. Menschen, die eben noch ihren amerikanischen Traum in den eigenen vier Wänden leben wollten, hausten in Zeltlagern.

„Jemand hat ihnen einen falschen Traum verkauft“, sagt Sylvia Vega-Lutfin, die von ihrer Kollegin Cheryl McNeil auf Unregelmäßigkeiten beim Verkauf von Hypotheken hingewiesen worden war, zum Beispiel auf Mitarbeiter einer Schnellimbiss-Kette, die angeblich 7000 Dollar im Monat verdienten.

 Während Ex-Vize Lee wie ein cooler Aussteiger inszeniert wird, ringen die Frauen mit existenziellen Sorgen. Cheryl McNeil verlor Haus und Auto, konnte nicht die gewünschte Ausbildung ihres Sohnes finanzieren. Sylvia Vega-Lutfin ist die Angst aus der Zeit des Mobbings bei Lehman noch ins Gesicht geschrieben – da hätte es die Szene mit der Pistole, die sie vor dem Joggen anschnallt, gar nicht gebraucht. Gemeinsam mit Linda Weekes klagen sie auf Schadenersatz, offenbar mit wenig Aussicht auf Erfolg.

 Die persönlichen Schicksale verbinden sich in dem Film mit dem Wirtschaftskrimi. Als Ergänzung zu den Archivbildern und Nachrichtenschnipseln steuern der Chicagoer Anwalt Anton Valukas, der im Gerichts-Auftrag einen 2200 Seiten starken Bericht über den Lehman-Bankrott verfasste, sowie der ehemalige Lehman-Jurist Oliver Budde, der die Börsenaufsicht vergeblich auf die von Managern verheimlichten Boni hinwies, hilfreiche Kommentare bei. In einigen Ausschnitten ist auch der illustre Lehman-Boss Dick Fuld zu sehen, der den Spitznamen „Gorilla“ trug.

Fuld wurde nie angeklagt und ist wieder in der Finanzbranche aktiv. Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite, lautet eine Einblendung im Abspann, würde der Handel mit „alternativen“ oder „nicht konventionellen“ Darlehen auf dem Hypothekenmarkt wieder rasant zunehmen. Und die Boni für die Wall-Street-Händler seien 2017 auf die Rekordzahl von 31 Milliarden Dollar gestiegen.

„Inside Lehman Brothers“, Arte, Dienstag, 20 Uhr 15

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