Kritik an der „New York Times“ : Frontal statt miteinander

Das Kündigungsschreiben der „New York Times“-Redakteurin Bari Weiss ist auch eine Kritik an der amerikanischen Medienlandschaft unter Trump.

"New York Times"-Meinungsredakteurin Bari Weiss bei einer Podiumsdiskussion 2019 in Austin, Texas.
"New York Times"-Meinungsredakteurin Bari Weiss bei einer Podiumsdiskussion 2019 in Austin, Texas.Foto: Brian Cahn/Imago/Zuma Press

Keine vier Monate vor der Präsidentschaftswahl befinden sich die amerikanischen Medien in Aufruhr. Längst geht es dabei nicht mehr bloß um die Frage „Demokrat oder Republikaner?“. Der Zwist, der die Medien – und die amerikanische Öffentlichkeit – entzweit, verläuft entlang kultureller Frontlinien.

Der scharfe Abschiedsbrief der konservativen „New York Times“-Redakteurin Bari Weiss ist nur die jüngste Eskalationsstufe einer Debatte, die das Land im vierten Amtsjahr von Donald Trump spaltet. Kulturelle Weltanschauungen haben politische Positionen ersetzt, was auch der (inzwischen von rechts gekaperte) Kampfbegriff der „Identitätspolitik“ nur noch unzureichend umschreibt.

Zwei Vorkommnisse der vergangenen Tage belegen die Krise der amerikanischen Überparteilichkeit nur zu gut. Weiss’ beschreibt in ihrem resignierten, dabei überaus sachlichen Kündigungsschreiben an A.G.Sulzberger, den Herausgeber der Traditionszeitung, das hasserfüllte Arbeitsklima in der Redaktion, das sich gegen jedes „falsche Gedankengut“ richte (sie benutzt den Begriff wrongthinking im Originalwortlaut).

Die Stimme junger Konservativer

Weiss kam 2017 zur „Times“, um nach der Wahl Trumps, die nicht nur die großen, traditionell liberalen Medienhäuser kalt erwischte, die Meinungsvielfalt zu stärken. Doch die „Notwendigkeit, dem Stammesdenken zu widerstehen“ sei in der Redaktion auf wenig Verständnis gestoßen. Sie sei für ihre teils kontroversen Meinungsstücke von Kolleginnen und Kollegen sozial geschnitten, sogar als „Nazi“ und „Rassistin“ beschimpft worden.

Unterstützung habe sie keine erfahren. Ihr Fazit: „Die Wahrheit ist kein Prozess einer kollektiven Entdeckungsreise, sondern Ausdruck einer Orthodoxie, die einem ausgewählten Zirkel Erleuchteter vorbehalten ist, deren Job darin besteht, den Rest zu informieren.“

Linke und rechte Vorurteile

Diese „Orthodoxie“ ist kein alleiniges Privileg der Linken. Am vergangene Freitag enthüllte CNN, dass Blake Neff, ein Autor des „Fox News“-Moderators Tucker Carlson, im Onlineforum „AutoAdmit“ jahrelang unter Pseudonym rassistische und sexistische Kommentare veröffentlicht hat. Trump-Cheerleader Carlson ist für seine rassistischen Ansichten selbst umstritten, langjährige Werbekunden boykottieren seine Sendung inzwischen.

Der inzwischen gefeuerte Nell soll sich vor Freunden damit gebrüstet haben, dass Carlsons Kommentare seiner Feder entsprungen seien. „Fox News“ ist ein Biotop für rechte Meinungen; fair and balanced lautet das Sendermotto. Auch dort hält man sich gemäßigte Journalisten wie Chris Wallace oder Bret Baier, aber Quotentreiber (und gern gesehene Stichwortgeber für den Präsidenten) sind rechte Primetime-Populisten wie Carlson und Sean Hannity.

Selbstverständnis der Traditionsmedien

Diese Frontalstellung der Medien steht beispielhaft für das kulturelle Klima in den USA. Vergangene Woche erzürnte ein offener Brief im „Harper’s Magazine“ die Gemüter, in dem sich 150 prominente Intellektuelle, darunter auch Weiss, gegen ein Klima der „Intoleranz gegenüber gegensätzlichen Ansichten“ aussprachen.

Zu den Unterzeichnern gehörte auch Joanne K. Rowling. Die „Harry Potter“-Autorin hatte zuvor mit dubiosen Aussagen über die Genderidentität von trans Frauen in den sozialen Medien einen Shitstorm ausgelöst.

Das Gebäude der "New York Times" ist das Sinnbild der liberalen amerikanischen Medienöffentlichkeit.
Das Gebäude der "New York Times" ist das Sinnbild der liberalen amerikanischen Medienöffentlichkeit.Foto: Johannes Eisele/AFP

Weiss’ Vorwurf geht noch tiefer als die narzisstische Kränkung einer Bestsellerautorin, er greift das Selbstverständnis der Traditionsmedien direkt an. Sie macht in ihrem Schreiben die Hörigkeit vor den sozialen Medien mitverantwortlich für die Risikoscheu ihrer Kolleginnen und Kollegen vor kontroversen Meinungen.

Die Angst, dass unliebsame Stücke im Netz Shitstorms auslösen könnten, verleite zu einem konformen Meinungsbild, schreibt Weiss. „Twitter ist zum ultimativen Redakteur geworden.“

Ein kleiner Zirkel Erleuchteter

Implizit meint das: Indem man einem kleinen, aber umso lauteren Zirkel das Wort rede, entferne man sich von einer Leserschaft, die die 36-jährige Weiss als konservativer Millennial vertrete. „Die Zeitung wird mehr und mehr zum Dokument von Menschen in einer weit entfernten Galaxie“, schreibt sie. Dieses Urteil trifft natürlich genauso auf rechte Meinungsfabriken wie „Fox News“ oder „Breitbart“ zu.

Der Fall Weiss ist bereits die zweite umstrittene Personalie in der „New York Times“ binnen weniger Wochen. Anfang Juni war der Leiter des Meinungsressorts James Bennet, der Weiss in sein Team geholt hatte, nach einem Gastbeitrag des republikanischen Senators Tom Cotton zurückgetreten.

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Cotton hatte den Einsatz des Militärs gegen die teils gewalttätigen Proteste gefordert, die als Reaktion auf die Ermordung George Floyds entstanden waren. Der Beitrag „erfülle nicht unsere Standards“, hieß es nach zwei Tagen aus der Chefredaktion.

Das Ende der Überparteilichkeit

Die Verweigerung, noch miteinander zu reden, scheint der neue Standard in den amerikanischen Medien zu sein. Die Verhältnisse geraten dabei in Schieflage. Gerade sieht sich der hispanische Unternehmer Robert Unanue, Chef des Lebensmittelkonzerns Goya Foods, nach einer Lobrede auf Donald Trump mit massiven Boykottaufrufen konfrontiert. Und bei den demokratischen „Primaries“ weigerten sich die linken Kandidatinnen Kamala Harris und Elizabeth Warren, bei „Fox News“ aufzutreten – und damit potentielle neue Wählerschichten zu erreichen.

Die Strategie, sich in der eigenen Echokammer etwas zu sicher zu fühlen, kann auch nach hinten losgehen. Weil sie die standesgemäß demokratischen Hochburgen Michigan, Wisconsin und Pennsylvania 2016 als sichere Beute betrachtete, verzichtete Hillary Clinton dort auf Auftritte während des Präsidentschaftswahlkampfs. Und verlor alle drei Bundesstaaten an Trump.

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