Media Convention Tag 2 : Treffpunkt Internet

Wie muss sich der Journalismus verändern?, fragt die Media Convention. Dazu haben öffentlich-rechtliche und private Medien höchst unterschiedliche Antworten.

Gut besucht. Bei den Vorträgen und Diskussionen der Media Convention müssen die Besucher teilweise auf dem Boden Platz nehmen.
Gut besucht. Bei den Vorträgen und Diskussionen der Media Convention müssen die Besucher teilweise auf dem Boden Platz nehmen.Foto: Ulf Büschleb/MCB

Zerreißprobe des dualen Systems, Reichweitenverluste, Printkrise: Obwohl die Digitalmesse re:publica und die begleitende Media Convention Berlin ein überwiegend junges Publikum anziehen, haben einige Themen, die die Branche umtreiben, schon einen grauen Bart. „Den Öffentlich-Rechtlichen bläst der Wind hart ins Gesicht“, erklärte RBB-Intendantin Patricia Schlesinger bei dem Panel mit dem vielsagenden Titel „Der Medienmarkt vor der Zerreißprobe – von Public Value und Monopolen“. Auf dem Podium diskutierte sie mit dem interimistischen ProSiebenSat1-Chef Conrad Albert über die Zukunft des dualen Systems angesichts des Erfolges von Facebook, Google und Netflix, die nicht nur mit ihren Angeboten, sondern auch auf dem Werbemarkt eine Konkurrenz darstellen.

Die öffentlich-rechtlichen Sender versuchen dieser Entwicklung mit kostenfreien Online-Angeboten zu begegnen, etwa mit dem Jugendangebot Funk, der „Tagesschau“-App oder die Podcast-App ARD Audiothek. Ein weiterer Konfliktpunkt mit den Privaten, die regelmäßig die Frage aufwerfen, wie umfangreich das Angebot von ARD und ZDF im Netz sein darf.

Das duale System "kernsanieren"

Conrad Albert plädierte für eine „Kernsanierung“ des dualen Systems. Er schloss dabei auch staatliche Mittel für private Angebote nicht aus, wie es sie bereits bei der Filmförderung gibt, wies jedoch von sich, Rundfunkgebühren zu fordern. 2010 verkaufte ProSiebenSat1 den Nachrichtensender N24, eine Entscheidung, die aus damaliger Sicht in der Finanzkrise richtig gewesen sei, so Albert. In Zukunft wolle man sich stärker auf lokale Themen und Informationen konzentrieren. Doch mit diesen Formaten könne man kein Geld verdienen, sie müssten durch andere Programme querfinanziert werden. Die Senderchefs dachten auf dem Podium über eine gemeinsame digitale Content-Plattform von öffentlich-rechtlichen Sendern, privaten Sendern und Verlagen nach. Zugleich betonten sie die besondere Bedeutung des dualen Systems, um die Deutschland andere Länder beneiden würden. “

Wohin geht die Reise? Diese Frage stellen sich nicht nur die Fernsehmacher, sondern auch die Lokaljournalisten. Nachdem in den vergangenen Jahren aus Kostengründen Lokalangebote eingedampft und Redaktionen zusammengelegt wurden, versuchen einige Redaktionen nun, die entstandenen Lücken zu schließen.

„Die Leute wollen wissen, was vor ihrer Haustür stattfindet“, erklärte Hannah Suppa, Chefredakteurin der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“. „Wenn zum Beispiel ein Unfall stattfindet, dann wollen sie wissen, was passiert ist. Das können die überregionalen Medien nicht beantworten, das machen wir.“ Viele Leser würden die Redaktion auch in sozialen Netzwerken auf Themen hinweisen, die bei ihnen vor Ort eine Rolle spielen.

Auch Jörg Quoos, Chefredakteur der „Funke Zentralredaktion Berlin“, hält den Kontakt zu den Menschen für notwendig: „Ich glaube auch, dass Mitmachen wichtig ist für die Leser. Die ,Braunschweiger Zeitung‘ hat eine App, „Alarm 38“, bei der Anwohner melden können, dass zum Beispiel eine Fußgängerampel ausgefallen ist. Diese Meldungen werden dann abgearbeitet.“ Es sei wichtig, dass Menschen involviert würden und merken, dass sie etwas bewegen können.

Menschen, keine Maschinen

Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt warb auf dem Podium für das Format des Newsletters. Mit dem „Checkpoint“- und den „Leute“-Newslettern beliefert der Tagesspiegel seine Leser werktags mit Berlin-Themen. Für die Geburtstagsglückwünsche im Checkpoint- Newsletter habe er in der Redaktion kämpfen müssen: „Es ist einer der großen Erfolge, dass man darin Erna Kasupke am gleichen Tag gratulieren kann wie Michael Müller.“ Auch damit gebe man den Lesern das Gefühl, dass in der Redaktion Menschen arbeiten und keine Maschinen. Das Format des Newsletters sei praktisch, da die Leser darauf sofort reagieren könnten.

Maroldt bescheinigte dem Journalismus in Deutschland Rückständigkeit in Sachen Innovation. Im Vergleich zu den Verlagen in den USA hinke Deutschland hinterher, etwa bei Podcasts. Seit März produziert die Berlin-Redaktion des Tagesspiegels den „Fünf Minuten Berlin“-Podcast zu aktuellen Lokalthemen. Doch die Frage von „Digital First“ sei auch von der Finanzierung abhängig. Dafür brauche es vernünftige Paymodelle.

Quoos verwies auf Fehler der Vergangenheit: „Die Verlage haben es definitiv versaut, als sie angefangen haben, ihre Inhalte ins Netz zu kippen.“ Es sei „sauschwer“, die Menschen dazu zu bringen, für Online-Journalismus zu bezahlen. Ein Bezahlmodell sei am Ende „der einzig richtige Weg, denn guten Journalismus sollte man nicht verschenken.“

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