MEDIA Lab : Ein Spotify für Journalismus?

Eine Studie hat sich mit erfolgreichen Paid-Content-Strategien beschäftigt. Ein Ergebnis: gedruckte Medien können dabei Türöffner und Identitätsstifter sein.

Marlis Prinzing

Die Pandemie-Krise machte es unübersehbar: Relevanter und professioneller Journalismus ist vielen Menschen etwas wert, aber es braucht neue Geschäftsideen.

Christian-Mathias Wellbrock und Christopher Buschow haben im Auftrag der Landesanstalt für Medien in Düsseldorf aktuelle digitale Geschäftsmodelle untersucht, die Medienhäuser und journalistische Neugründungen entwickelt haben. Ihr Fokus liegt ausschließlich auf der Variante der privaten Zahlungsbereitschaft beziehungsweise -verweigerung. Basis der Studie sind eine repräsentative Befragung mit 6000 Teilnehmenden sowie acht vertiefende Gruppendiskussionen.

[Christian-Mathias Wellbrock, Christopher Buschow (2020): „Money for Nothing and content for free - Paid Content, Plattformen und Zahlungsbereitschaft im digitalen Journalismus“, herausgegeben von der Landesanstalt für Medien NRW. Nomos: Baden-Baden.]

Nutzerinnen und Nutzer möchten demnach Inhalte von gesellschaftlicher Relevanz und mit persönlichem oder generell praktischem Nutzwert, also bei Kauf- und Lebensentscheidungen oder Einschätzungen bestimmter Aktien. Zudem suchen sie Orientierung bezogen auf Inhalte, aber auch auf Handhabung, sowie Vielfalt. Dies alles, so die Forscher, spiegelt sich wider in dem von ihnen nachgewiesenen hohen Zuspruch für das „Bezahlmodell Plattform“: also für eine Art Netflix oder Spotify für Journalismus, wo vorausgewählte Medienangebote zugänglich sind. Die Schmerzgrenze des von den Nutzern akzeptierten Monatsbeitrags liegt bei zehn Euro. Beispiele für solche „One-Stop-Shops“ mit gebündelten Angeboten sind Steady, Readly oder – bezogen auf eine Themennische – RiffReporter.

Großes Vertrauen in Printangebote

Solche Plattformen zu gründen, lautet eine der sechs Handlungsempfehlungen, die die Autoren aus der Studie für Erfolg versprechende Paid-Content-Strategien ableiten. Eine weitere ist, den gedruckten Journalismus „als Türöffner und Identitätsstifter“ zu nutzen. Denn die Gruppendiskussionen ergaben eine deutlich höhere Wertschätzung und Zahlungsbereitschaft für Printangebote im Vergleich zu digitalen Angeboten. Das legen Experimente mit gedruckten Ausgaben eigentlich digitaler Journalismus-Marken nahe, vielleicht – an die Plattformidee anknüpfend – auch als vierteljährliches Kooperations-Produkt mehrerer Anbieter.

Die Studie erinnert zudem daran: Die Menschen sind zwar tendenziell bereit, für vertrauenswürdigen, relevanten Informationsjournalismus etwas zu bezahlen. Aber natürlich nur, wenn sie ihn als solchen erkennen, ihnen also der Unterschied zum Beispiel zu beliebigem, unseriösem „Journalismus“ klar ist. Hier können zwar beispielsweise Plattformmodelle Vertrauen aufbauen und Orientierung liefern, indem sie die professionelle Vorauswahl treffen. Entscheidend wäre aber, eine eigentlich uralte Forderung umzusetzen: die systematische Schulung von Medienkompetenz, die zugleich ein Training sein müsste für eine selbstbestimmte gesellschaftliche Teilhabe als digitale Bürgerinnen und Bürger.

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