„Messiah“ bei Netflix : Was tust du, wenn dir der Messias erscheint?

Die Netflix-Serie „Messiah“ stellt eine spannende, spirituelle Frage. Eine Mischung aus Gesellschafts-, Religions- und Medienkritik.

Ein Rätsel. Ist Al-Masih (Mehdi Dehbi) wirklich der Messias oder nur ein Betrüger oder gar ein verkappter Terrorist?
Ein Rätsel. Ist Al-Masih (Mehdi Dehbi) wirklich der Messias oder nur ein Betrüger oder gar ein verkappter Terrorist?Foto: Hiba Judeh/Netflix

Er selbst nennt sich schlicht Botschafter, nicht Messias, nicht Gottes Sohn. Aber von seinen Anhängern, deren Zahl immer größer wird, wird er so genannt und so verstanden. Ob in Syrien, Israel, Texas – Wunder säumen seinen Weg, und spätestens als er über den Reflecting Point, das Wasserbecken vor dem Lincoln Memorial in Washington, zu gehen scheint, hat er die volle Aufmerksamkeit der Menschen, der Medien, der Verzweifelten, der Zweifelnden, von CIA und FBI.

Allesamt sind sie von der Frage herausgefordert: Was tust du, wenn der Messias gekommen ist?

„Messiah“, die zehnteilige Netflix-Serie, bewegt sich zwischen Religion, Glauben und Politik. Kreiert von Michael Petroni („Das Ritual“, „Die Bücherdiebin“), kann sie ins Thriller- oder Drama- oder Mystery-Genre eingeordnet werden. Was sehr unentschieden klingt, reflektiert nur die Perspektiven, unter denen Wesen und Wirken von Al-Masih (Mehdi Dehbi) wahrgenommen wird.

Für den agnostischen Shin-Beth-Agenten Aviram Dahan (Tomer Sisley) ist er schlichtweg eine Gefahr für sein Land, die CIA-Mitarbeiterin Eva Geller (Michelle Monaghan) vermutet (wie weiland Carie Mathison in „Homeland“) düstere, gegen die USA gerichtete Disruption, Reverend Felix Iguero (John Ortiz) erhofft die Rettung seines Glaubens, seiner Tochter Anna (Melinda Page Hamilton) und seiner Gemeinde in dem Texas-Nest Dilley.

Irritationen auf allen Seiten

Die Geheimdienste, seine Anhänger, die Skeptiker, selbst der US-Präsident zeigen sich irritiert von dem, der sagt, er wolle nur seines Vaters, also Gottes Arbeit tun. Diese Aussage, diese Haltung zieht sich durch die zehn Episoden. Und weil die Protagonisten ihrerseits stets darauf reagieren, hat die Serie in der dienenden Regie von James McTeigue („Sense8“) und Kate Woods („Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D.“) ihre sehr unterschiedlichen Schauplätze und Handlungsstränge.

„Messiah“ wird seit Jahresanfang gestreamt. Die Reaktionen bis hin zu den Kritiken spreizen sich. Von „einer verzweifelt nach Aufmerksamkeit schreienden Eigenproduktion der VoD-Plattform“ schreibt Bjarne Bock bei serienjunkies.de, gekontert beispielsweise von Alltagsheld auf derselben Homepage: „Schaut euch die Serie an, die ist der absolute Hammer!“

Was hier entweder nach null oder nach zehn auf der Bewertungsskala klingt, ist ein spirituelles, auf jeden Fall spannendes Experiment für das Publikum, das vom Mystery-, Drama- und Thriller-Mainstream genug hat. „Messiah“ mischt Gesellschafts-, Religions- und Medienkritik zu einem vielfältigen Menschheitsbild, wo jeder auf der Suche ist – nach Standpunkten, ja Sicherheiten. Wie aus der Interpretation des Messias eine Handlungsanweisung wird, immer mit der Herausforderung versehen, dass der Wegweiser selbst nicht dorthin geht, wohin er weist.

Imposante Personen-Legenden

Serienschöpfer Petroni und sein Autorenteam sind zwar von der Grundlinie beseelt, zugleich emsig bemüht, die wichtigsten Figuren mit umfassender Legende imposant aufzupäppeln, was die Balance und das Tempo der Story öfters ins Schwanken bringt. CIA-Agentin Geller ist dann verwitwet, erleidet eine Fehlgeburt nach der anderen bei dem Versuch, mit dem Sperma ihres verstorbenen Mannes schwanger zu werden. Und die Beziehung zum Vater, vergiss es! Das hat auf die Dauer etwas angestrengt Anstrengendes.

Und Al-Masih? Er spricht in Rätseln, er handelt in Rätseln, er rettet Menschen, er rettet sie nicht. Mehdi Dehbi spielt diese Figur mit Passion, Charisma und Leidenschaft. Die Diskussionen in der Serie über den Typen und seine Tricks, über Massen und Massenphänomene und beider Manipulation enden nicht am Bildschirmrand, sie gehen weiter. Das ist der besondere Wert des Originals mit noch nicht entschiedener Fortsetzung.


„Messiah“, zehn Folgen, Netflix

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