#MeToo beim WDR : Übergriffe und Fehlgriffe

Joachim Huber fragt nach Aufarbeitung und Verantwortung beim Westdeutschen Rundfunk. Ein Kommentar

Sender mit Sünder? Der WDR hat seine eigene #Wetoo-Debatte.
Sender mit Sünder? Der WDR hat seine eigene #Wetoo-Debatte.Foto: WDR/Herby Sachs

Will man erst nicht glauben, ist aber so. Die größte und mächtigste Anstalt im ARD-Verbund, der Westdeutsche Rundfunk, ist verunsichert. Weil das aber mit dem Selbstbewusstsein zu Köln nicht vereinbar, wird die erste Gelegenheit zum Beweis des Gegenteils genutzt. Also wird der ARD-Nachbar, wird der Norddeutsche Rundfunk rangenommen. Dort wird „Zapp“ produziert. In seiner vergangenen Ausgabe hat das mutige Medienmagazin über die laufende #MeToo“-Affäre beim WDR berichtet. Dabei wurde eine Stellungnahme aus Köln übersehen, vergessen, die Mitteilung war nicht in den Beitrag eingearbeitet.

Jetzt entfaltete der WDR seine Macht und seine Herrlichkeit – er machte massiv Druck. Der „Zapp“-Beitrag wurde aus der ARD-Mediathek entfernt, der NDR zum Eingeständnis eines „gravierenden Fehlers“ motiviert, in der „Zapp“Ausgabe am nächsten Mittwoch wird eine Richtigstellung gesendet.

Der WDR, insbesondere die Senderspitze wird mit derartigen „Miniaturerfolgen“ nicht viel erreichen in der fortgesetzten Affäre um sexuelle Nötigung und Missbrauch. Gerade hat der „Spiegel“ von drei neuen Fällen berichtet, in denen Mitarbeiter des Senders gegenüber Mitarbeiterinnen des Senders aufdringlich, wenn nicht zudringlich geworden sein sollen. Ob es die letzten Fälle sind?

Der Westdeutsche Rundfunk, mit einem Jahresetat von einer Milliarde Euro einer der größten Rundfunksender Europas, beschäftigt allein 4000 feste Mitarbeiter. Diese Zahl und die Zahl der übergriffigen Mitarbeiter lassen den Schluss nicht zu, dass im WDR durchwegs ein Klima derartiger männlicher Überlegenheit und Dominanz geherrscht haben muss (oder noch immer herrscht?), dass Frauen bis nur Nötigung bedrängt werden konnten.

Wer sich in anderen Sendern, anderen Medienhäusern umhört, dem vermittelt sich der Eindruck: der WDR ist nur die sichtbar gewordene Spitze des Eisberges. Womit keiner ein weiteres Mal an der Erkenntnis vorbeikommt, dass „MeToo“ ein generelles, weil gesellschaftliches Phänomen und Problem ist. Das ist es und das bleibt es, wie es eines des WDR ist und bleibt.

Plan für die Zukunft - auch einer für die Vergangenheit?

Der Sender, vorneweg sein Intendant Tom Buhrow will mustergültige Aufarbeitung des Geschehenen und einen zweifelsfreien Aktionsplan für die Zukunft. „Wir dulden sexuelle Nötigung nicht“, hat Buhrow als Handlungsmaxime dekretiert. Was nach vorne gilt, hat nach hinten nicht gegolten. Und weil das so ist, muss von der WDR-Spitze aus eine eisenharte Aufklärung ausgehen, scheiden, was Vorwurf, was Verfehlung war. Was Intendanten, Direktoren und Chefredakteure, männlich wie weibliche, davon wussten, was sie taten, was sie nicht taten. Denn offensichtlich gab und gibt es weder die Bereitschaft, die eigene Verantwortung anzuerkennen, noch den Willen, eigene Versäumnisse zu benennen.

Es waren Vorgesetzte, die einen Reporter, der die Beschwerden von Kolleginnen wegen sexueller Belästigung ernst genommen und der damaligen Intendantin Monika Piel gemeldet hatte, abmahnten, und den Beschuldigten beförderten. Womit der damalige Chefredakteur und heutige Fernsehdirektor Jörg Schönenborn ins Spiel kommt.

Wie geht das, schonungslose Transparenz? Der WDR hat eine externe Anwaltskanzlei ins Boot geholt, die jene Kanzlei ist, die den Sender in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen vertritt. Da steht die Objektivität schon mal in Frage. Dann sollte die Revision einen Überblick über die bislang bestehenden Vorwürfe erstellen. Ausgerechnet die Revision, in der ein Beschuldigter arbeitet.

Der WDR hat noch keinen Weg zur umfassenden Wahrheitsfindung erkannt. Muss er aber. Wie andere Medienhäuser auch liefert der Westdeutsche Rundfunk in Hörfunk und Fernsehen selbstgewisse Berichte über Fehlverhalten und Versäumnisse hier, dort und überall aus. Da muss das eigene Haus von der aufgedeckten und beklagten Fehlerkultur frei sein. Es geht um das hohe Gut der Glaubwürdigkeit nach draußen – und um das hohe Gut der Gerechtigkeit nach innen.

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