Nach Enthüllung im „Spiegel“ : Reporter nimmt Stellung zum Tod von Marie Sophie Hingst

Martin Doerry deckte auf, dass die Bloggerin Hingst ihre jüdische Familiengeschichte erfunden hatte. Der „Spiegel“-Journalist verteidigt die Berichterstattung.

Die Bloggerin Marie Sophie Hingst wurde Mitte Juli tot in ihrer Wohnung in Dublin aufgefunden.
Die Bloggerin Marie Sophie Hingst wurde Mitte Juli tot in ihrer Wohnung in Dublin aufgefunden.Foto: dpa

Im aktuellen "Spiegel" äußert sich Reporter Martin Doerry knapp eine Woche nach dem Bekanntwerden des Todes von Bloggerin Marie Sophie Hingst zur Recherche, mit der er die 31-Jährige Ende Mai als Lügnerin überführt hatte. Seine "Erklärung" trägt den Titel "Die Verhöhnung der Opfer" und will begründen, warum der "Spiegel" über den Fall Marie Sophie Hingst berichten musste.

Doerry schreibt, dass ihn der Tod der jungen Frau "Tag und Nacht" beschäftigt, und er schildert die Vorgeschichte seines am 1. Juni veröffentlichten Artikels. Einem eher zufällig zustande gekommenen Rechercheteam, darunter eine Historikerin, ein Ahnenforscher und ein namhafter deutscher Historiker, hätten Unstimmigkeiten in Hingsts Blog "Read on my dear" entdeckt und hätten die Bloggerin vergeblich dazu aufgerufen, die Geschichte über ihre erfundene jüdische Familiengeschichte nicht mehr zu verbreiten.

Erst als nichts half, sei Doerry ins Spiel gekommen. Er schreibt, sein Text wäre in der vorliegenden Form nicht erschienen, hätte Hingst eine öffentliche Korrektur ihrer Lügen angekündigt – was sie nicht tat.

Martin Doerry arbeitet als Autor beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel"
Martin Doerry arbeitet als Autor beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel"Foto: Spiegel

Martin Doerry zeichnet das Bild von einer Frau, die "souverän, kämpferisch und entschlossen" auftrat und für ihre Sache stritt. Der Berlin-Korrespondent der "Irish Times", Derek Scally, der zuerst über Hingsts Tod berichtet hatte, erlebte sie nach den Enthüllungen als verwirrt und hilflos – und warf Doerry vor, Hingsts seelische Verfassung übersehen zu haben.

Der "Spiegel"-Journalist" schreibt dazu: "Wir haben zwar dieselbe Person getroffen, aber in zwei völlig unterschiedlichen Lebenssituationen."

Doerry nimmt auch die Reaktionen auf Scallys Bericht in den sozialen Netzwerken auf. Er schreibt, "in vielen Kommentaren wird ihre von ihm (Scally, die Red.) kolportierte Aussage, sie habe sich durch den Spiegel ,wie bei lebendigem Leibe gehäutet' gefühlt, als Beleg seelischer Grausamkeit gesehen."

Die von Hingst sechs Jahre lang systematisch verbreiteten Lügen über ihre angeblich im Holocaust umgekommenen Vorfahren würden dagegen häufig als lässliche Sünde oder gar nicht thematisiert. "Die Legenden von Frau Hingst müssen jedoch von allen wirklichen Holocaust-Überlebenden und ihren Familien als Verhöhnung der Opfer empfunden werden", erklärt Doerry. Zudem lieferten diese Fiktionen den Holocaust-Leugnern gefährliche Argumente. "Es verstört mich, dass man darauf immer wieder hinweisen muss", schreibt Martin Doerry.  

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