"Polizeiruf 110" : Adel, Adiletten und ein Abschied von Matthias Brandt

Großer Dampfbügeleisenblues: Nach acht Jahren und 15 Folgen ist Matthias Brandt ein letztes Mal als Hanns von Meuffels im BR-„Polizeiruf“ zu sehen.

Nikolaus von Festenberg
In der ständig wachsenden Riege der TV-Kriminalkommissare blieb Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) ein charmanter Außenseiter.
In der ständig wachsenden Riege der TV-Kriminalkommissare blieb Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) ein charmanter Außenseiter.Foto: BR/Christian Schulz

Adel verzichtet. Nach acht Jahren, 15 Folgen und jeder Menge Lob fällt für den Münchner „Polizeiruf“-Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) der Vorhang. Erschöpft vom Ermittlungseinerlei zieht sich der nervöse Nobelbeamte aus dem Hause Arthouse (Buch und Regie: Christian Petzold) samt Liebesgefährtin Constanze (Barbara Auer) zurück. Eine wunderliche, hochironische und glänzend gespielte Helden-Entrückung.

Von Fernsehen bist du genommen, zu Fernsehen sollst du wieder werden. Eine mediale Begräbnisfloskel, die zu diesem „Polizeiruf 110 – Tatorte“ wortwörtlich passt. Ein gegen die allgemeinen Krimiklischees erfundenes Blaublut durchschreitet ein letztes Mal die ordinären Ergüsse des roten Mörderbluts. Was bleibt? Ein wenig Schwermut, viel Ironie und die Erinnerung an Unterhaltung durch Schauspielerintelligenz. TV-Herz, mehr konntest du nicht verlangen, auch zum Finale nicht.

Erfunden (von der BR-Redakteurin Cornelia Ackers) wurde dieser wunderliche Meuffels wie schon sein Vorgänger, der einarmige Kommissar Tauber (Edgar Selge, 17 Folgen), um die Zuschauer mit Selbstbeobachtung zu überzeugen, nicht nur mit Überwältigung. Auch um Klischees zu verfremden, um Lachen, Heiterkeit und Ironie ins Morden zu mischen. Um mit schwachen Helden die leisen Momente lauter zu machen.

Vom Fernsehen genommen bedeutet: Nicht die äußere Welt, irgendwelche repräsentativen Bedürfnisse gar, gebären einen guten Krimi. Ein guter Krimi gebiert sich aus dem, was ihn von anderen Krimis unterscheidet. Im Fall Meuffels die charmante Außenseiteridee einer widerständigen Gentrifizierung des sich hoffnungslos vergröbernden TV-Polizeitheaters, einer Refeudalisierung womöglich, der Abwendung von der Realität zur Selbstreferenzialität ...

Mord im Autokino

Schon gut, wir steigen ja schon theorieverkatert in die Autos ein, in denen die Zuschauer am Beginn des letzten Meuffels-„Polizeiruf“ Platz nehmen sollen. In dem einen sitzt eine Mutter mit Tochter und erreicht ein verlassenes Autokino. Es geschieht, ganz krimierwartbar, Schreckliches. Ein mit ihr verabredeter Mann erschießt die Frau, das Kind flieht, eine Mappe fällt zu Boden. Der Täter ist schrecklich, das Opfer ist schrecklich, die Aufklärung der Tat wird es dann auch.

Dann steigen wir bei Kommissar Meuffels ein. Gleich muss ihn doch die Pflicht anrufen, denkt man. Aber der hört am Steuer, schluchz, „Trauermusik aus drei Jahrhunderten“ und gondelt, den Dienst mit der Lüge einer zahnärztlichen Wurzelbehandlung schwänzend, Richtung Nürnberg zu seiner dort als Polizeidozentin arbeitenden Sehnsuchtsfreundin Constanze (Barbara Auer). Der listige Drückeberger weiß um den Abwehrzauber des Wortes Zahnwurzel, es unterdrückt schmerzauslösend jede kritische Nachfrage. Zur Sicherheit hat der säumige Kavalier sein Handy für dienstliche Nachfrage auf Unerreichbarkeit geschaltet.

In Constanzes Polizeilehrdozentur zu Nürnberg, behelligt die kriminelle Wirklichkeit das hohe Paar nur in ihrer reflektorischen Form. Die Meuffels-Angebetete prüft, durch eine Glasscheibe getrennt, Polizeistudenten, wie die sich an einem Kulissen-Tatort verhalten. Wehe, jemand der Jungen benutzt bei seinen Erklärungsaufgaben das Wort ergo. Das können die Herrschaften Constanze und der inzwischen eingetroffene Hanns irgendwie nicht leiden. Also sprach ja schließlich auch Nietzsches Herrenmensch Zarathustra, nicht ergo. Abgedrehte Speacharroganz.

Was nun folgt, ist die Sabotage der Krimierwartungen. Regisseur und Autor Petzold gibt den liebesverzauberten Polizei-Donquiote Meuffels, endlich zum Einsatz im Autokino gerufen, nicht frei. Er zeigt seinen Helden konsequent als Gefangenen seiner privaten Spleens. Da tobt Meuffels, weil er zu Hause sein Dampfbügeleisen nicht findet, sein Selbstberuhigungsinstrument. Der Alte befindet sich außerdem im Kampf mit moderner Technik.

Meuffels Handy muss dran glauben, weil ihm Antworten seiner Constanze nicht gefallen. Schlimmer, dieses egozentrische Blaublut wird zum Blutsauger. Die junge Kommissarin Nadja Micoud (herzzerreißend: Maryam Zaree, Grimme-Preis für die Hauptrolle in der Serie „4 Blocks“) muss unter der Abgelenktheit Meuffels leiden. Dabei hat sie den zu Anfang des Films gezeigten Mord mit aller Tüchtigkeit vorgeklärt. Sie bewundert Hanns, den Edelpolizisten mit den affigen zwei nn’s im Vornamen, sie will von ihm lernen. Aber sie wird vom beruflichen Ennui des Älteren zurückgestoßen.

Genervte Ego-Verächter

Der nörgelt herum, weil die enthusiastische Nadja ihre Erklärungen nicht so abgibt, wie es dem genervten Ergo-Verächter gefällt. Weil sie, wie sie es gelernt hat, einen „Powerdialog“ mit Meuffels führt, eine Berichtsart mit eingebauten Fragen, um den Zuhörer gespannt zu halten, eigentlich genau das Richtige für den dauerabgelenkten Alten im Liebesrausch und Dampfbügeleisenblues. Aber der findet: Wir sind hier nicht um 20 Uhr 15 im Fernsehen. Und Nadja sagt: Ich schau kein Fernsehen. Selbstreferenzialität gegen Wirklichkeit.

Es gibt brüllend komische Szenen im Kampf zwischen Krimieifer und Krimiüberdruss. Die Ermittlung in einem Swingerclub zum Beispiel sind solche, wo der Hanns und die Nadja (Verzeihung, solche Ansprache empfindet Meuffels als zu Ikea like) sich von puffigen Szenarien wie dem eines Geschichtenerzählers auf einem Tennisstuhl vor maskierten Rammelnden berichten lassen und wo verdächtige Adiletten entdeckt werden. Adel und Adiletten – wo man so hinkommt, wenn man die Komik im Genre ausspielt.

Und es gibt tragische Momente, in denen der Dienstvorgesetzte seine junge Untergebene entsetzlich im Stich lässt. Dann hat die Melodie aus „300 Jahren Trauermusik“ (Samuel Barbers „Adagio for Strings“) viel mehr Wirkung, als bloß eine Trostpille für ein dienstvergessenes Fossil zu sein. Dann gehören Ironie und Schwermut zusammen. Petzold ist nicht nur ein Meister für die Augen, sondern auch einer für die Ohren.

Ja, und der Schluss? Verratbar gnadenhofgnädig für das scheidende Paar. Heimholungsfreundlich. Fernsehen zu Fernsehen, Asche zu Asche. Letztere ist bekanntlich ein guter Dünger für Neues.

„Polizeiruf 110 – Tatorte“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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