Preußischer Poker : Entschädigen? Enteignen?

Alter Adel, neuer Streit: Eine 3sat-Dokumentation schildert die heftige Auseinandersetzung um das Erbe der Hohenzollern.

Manfred Riepe
Die Linke bekämpft mit einer Volksinitiative die Forderungen der Hohenzollern.
Die Linke bekämpft mit einer Volksinitiative die Forderungen der Hohenzollern.Foto: ZDF und Sven Müller

Es ist ein Aufreger sondergleichen: Prinz Georg Friedrich von Preußen, Ururenkel des letzten deutschen Kaisers, beansprucht Entschädigungen für enteignete Schlösser und Kunstschätze. Sein millionenschwerer Forderungskatalog wurde geleakt. Seither machen Komiker und Politiker mobil gegen die Hohenzollern. Eine 3sat-Dokumentation zeichnet nach, wie der alte Adel einen neuen Historikerstreit entfacht hat. [„Wem gehören die Schätze des Kaisers“, 3sat, Samstag, 19 Uhr 20]

In ihrem Film spannen Janin Renner und Tita von Hardenberg einen Bogen zurück vom Zeitalter der schnelllebigen Internetkommunikation bis hin zum Niedergang des deutschen Kaiserreichs. Damals, im Jahr 1918, stellte sich mit dem Abdanken Wilhelms II. auch die Frage nach den adligen Besitzverhältnissen. Ein Teil ihrer Ländereien und Kunstschätze wurde den Hohenzollern im Jahr 1926 als „bürgerlich privates Vermögen“ zuerkannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden jedoch die im Osten gelegenen Besitztümer des Fürstengeschlechts allesamt verstaatlicht. Diese Güter stellen den Zankapfel dar: Mit seinen Forderungen bezieht Georg Friedrich von Preußen, Oberhaupt des Hauses Hohenzollern, sich auf das das „Ausgleichsleistungsgesetz“ von 1994. Dieses Abkommen sieht Entschädigungen für die Enteignungen durch die sowjetischen Besatzer zwischen 1945 und 1949 vor.

Polemisch aufgeladene Debatte

Um die Legitimität dieser Ansprüche ist eine zum Teil polemisch aufgeladene Debatte entbrannt. „Die Familie Hohenzollern“, so die Linke-Vorsitzende Katja Kipping, „muss lernen, dass die Zeit der Reiterstandbilder für Adelssprösslinge vorbei ist.“ Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse fordert, dass der Staat „nicht einknickt“ vor den Restitutionsforderungen der kaiserlichen Nachfahren. Vertreter der Gegenposition pochen auf Rechtsstaatlichkeit. Der Prinz, argumentiert der frühere Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, sei Bürger der Bundesrepublik. Für ihn gälten die gleichen Rechte wie für jeden anderen auch. Seine Ansprüche müssten „juristisch geklärt“ werden.

Diese Klärung hängt von einer problematischen Zusatzklausel im „Ausgleichsleistungsgesetz“ ab. Gemäß diesem Vorbehalt erlöschen die Ansprüche der Hohenzollern, falls sich herausstellt, dass Kaiser Wilhelms Sohn, der letzte Kronprinz Wilhelm, „dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub geleistet“ habe. Der Film zeigt, wie der Kronprinz in Uniform mit Hakenkreuz posierte: Partizipierte er auch an Hitlers Machtergreifung? Vier zurate gezogene Spezialisten, darunter der Historiker Christopher Clarke, beantworten diese Frage überaus kontrovers.

Zur Farce wurde die Auseinandersetzung durch das Eingreifen Jan Böhmermanns. Der TV-Satiriker veröffentlichte die vertraulichen Gutachten der Historiker im Internet und forderte mit satirischem Ernst dazu auf, „die alte verbrecherische Adelsfamilie“ zu enteignen.

Mit Blick auf diese erhitzte mediale Kontroverse, deren Beiträge sich „teilweise nicht mehr von Hatespeech unterscheiden“, schnürt der Film ein ausgesprochen heterogenes Themenpaket. Das mit betulicher Musik unterlegte Schwelgen in Erinnerung an Schlösser und Prunk der Hohenzollern mutet ein wenig wie Adels-TV an.

Dagegen schneidet der Rückblick auf die Übergangsepoche zwischen dem Kaiserreich und dem Nationalsozialismus eine komplexe historische Problematik an. Nach zwei Weltkriegen, dem Nationalsozialismus und einem sozialistischen Unrechtssystem werden Ansprüche eines überkommenen Herrschergeschlechts formuliert: Wie geht ein Rechtsstaat mit diesen Forderungen um, ohne seinen Prinzipien untreu zu werden? Die Dokumentation rekonstruiert eine hitzige politische Debatte, die Züge eines Klassenkampfes trägt.

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