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Schröder und Putin in herzlicher Umarmung auf einem Bild an der Berliner East Side Gallery
© Reuters/Anne Barth

Deutsche Wortschöpfung wird international: „Putin-Versteher“ ist jetzt ein englischer Wikipedia-Eintrag

Wer eine Nähe zum russischen Präsidenten hat, wird in Deutschland abwertend „Putin-Versteher“ genannt. Die Neuschöpfung wird nun auch international bekannt.

Auch das noch, möchte man aufstöhnen. Der Begriff des „Putin-Verstehers“ oder „Putinverstehers“ findet sich auch im englischsprachigen Wikipedia-Lexikon wikipedia.org.

Also heißt es in dem Eintrag: „Putinversteher or Putin-Versteher“ ist ein deutscher politischer Neologismus, sprich eine Neuwort-Schöpfung als Schlagwort; gemeint sei eine pejorative, sprich abwertende Verbindung zu Politikern, Fachleuten und Fans, die ihre Empathie für Wladimir Putin, den Präsidenten Russlands, ausdrücken, „Who say yes, but you have to understand Putin’s position“, was auf ein „Ja, aber“ hinausläuft. Es gebe „Putin-Versteher“ vornehmlich in der rechten AfD, der sozialistischen Linken und in der SPD.

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Ein wesentlicher Faktor in der „Putin-freundlichen Attitüde“ sind die „legitimen Interessen Russlands“ in den postsowjetischen Staaten, ein anderer Faktor ist „Anti-Amerikanismus“. Und es bleibt in dem Artikel nicht beim „Putin-Versteher“, weitere typische Links sind „Russland-Versteher“ oder die Übersetzung vom „Putin-Versteher“ als „Putin-Empathizer“, sprich Putin-Verehrer.

Zahlreiche deutsche Lehnwörter im Englischen

„FAZ“-Autorin Sandra Kegel ist so freundlich darauf hinzuweisen, dass in das angloamerikanische Sprachvokabular zahlreiche Lehnwörter aus dem Deutschen Eingang gefunden haben, allein das Oxford English Dictionary verzeichnet beinahe 3500, darunter „zeitgeist“, „leitmotiv“ oder „angst“. Und es mag Trost bereiten, dass der „Putin-Versteher“ in wikipedia.org auftaucht, aber noch nicht im Oxford English Dictionary.

Spätestens mit dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine, ist der Begriff ein Unwort geraten, ein Schimpfwort, ein Prädikat zur Verurteilung einer Person. In Folge sind die „Putin-Versteher“ in Deutschland deutlich in die Minderheit gedriftet, wenn nicht in der Versenkung verschwunden.

Der Eintrag nennt als ein Beispiel „of Putinversteher“ den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt, der die Annexion der Krim 2014 durch Russland zwar illegitim, aber verständlich nannte. Weitere Zitate betreffen den früheren Ministerpräsidenten von Brandenburg, Matthias Platzeck, Hamburgs ehemaligen Bürgermeister Klaus von Dohnanyi („Ich sehe bei Putin keine Radikalisierung“) und – kann es überraschen? – Ex-Kanzler Gerhard Schröder, wahrscheinlich der beste von allen „Putin-Verstehern“.

Auch bei der CDU "Putin-Versteher"

Aber nicht nur SPD-Politiker gehören in diese Reihe, auch der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) wird mit einem Interview aufgeführt, das am 25. Februar 2022, also einen Tag nach dem Beginn der russischen Aggression, veröffentlicht wurde. De Maizière betonte, dass der Westen Putin nicht zugehört hätte. Und: „Wide circles of Russian society think in such a way that Russia with its world view deserves more respect and must also defend its way of life.“

Dürfen in dieser Riege Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, die Feministin Alice Schwarzer oder der frühere EU-Kommissar Günter Verheugen fehlen, der einige Mitglieder der ukrainischen Regierung 2014 als „Faschisten“ bezeichnet hatte? Die Liste der zitierten „Putin-Versteher“ ist lang, sie enthält nicht nur Politikerinnen und Politiker, sondern auch Publizisten oder Wissenschaftler. Sie alle würden wahrscheinlich ihre Worte zu gerne aufessen wollen, aber gesagt ist gesagt, und in der Massivität der Äußerungen kann es nicht verwundern, dass wenn schon nicht die Deutschen, dann doch genug Deutsche als „Putin-Versteher“ identifiziert werden konnten und der Begriff seine Welttournee antreten konnte.

Keine englische Übersetzung für den Begriff

Interessant ist es dabei schon, dass Nordamerikaner und Engländer bisher keine adäquate Übersetzung gefunden - oder nicht finden wollten, weil sie „Putin-Versteher“ für eine so deutsche Haltung befinden, die deutscher gar nicht sein kann.Die Erläuterungen fallen in der englischen Version übrigens erkennbar kürzer aus, was insbesondere daran liegt, dass die Zahl der aufgenommenen deutschen „Putin-Versteher“ kleiner ist. Der Kabarettist Uwe Steimle fehlt in der englischsprachigen Version – but who the fuck is Uwe Steimle?

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der als Außenminister die deutsche Russland-Politik mitbestimmte, taucht in dem englischsprachigen Wikipedia-Beitrag nicht auf. Sollte er aber, weil er wie andere seine Position korrigiert hat vom „Putin-Versteher“ zum „Nicht-mehr-Putin-Versteher“. Einmal „Putin-Versteher“ immer „Putin-Versteher“, diese Gleichung geht in diesen Tagen nicht auf. Wikipedia, deutsch- oder englischsprachig, sollte mal über den Begriff „Nicht-Putin-Versteher“ nachdenken.

Auch in den russischen Sprachschatz wurde der „Putin-Versteher“ aufgenommen. Ein Unternehmen, so steht es bei Wikipedia.org,, mit dem Namen „Putinversteher“ verkauft Memorabilien wie Ringe oder Kleider, auf denen Putin-Bilder zu sehen sind. Das Motiv des Präsidenten mit nacktem Oberkörper liegt vorne. Vom „Putin-Versteher“ zum „Putin-Pornographen“ ist es nur ein kleiner Schritt.

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