Skandinavien-Krimi "Hanna Svensson" : Alphafrau vorm Rentenalter

Ein starkes Signal in die alternde Gesellschaft: Das ZDF bringt mit "Hanna Svensson" eine erstaunliche Polizistin aus Schweden.

Jan Freitag
In die Mafia-Familie eingeschleust. Hanna Svensson (Marie Richardson, M.) ermittelt gegen Drogenboss Mimica (Alexej Manvelov, r.). Ihr Sohn (Adam Pålsson) mischt mit.
In die Mafia-Familie eingeschleust. Hanna Svensson (Marie Richardson, M.) ermittelt gegen Drogenboss Mimica (Alexej Manvelov, r.)....Foto: ZDF und Peter Cederling

Endlich! Endlich eine unprätentiöse, bodenständige, normalbegabte Fernsehkommissarin aus Skandinavien Ende 50, statt all der Alphafrauen unter 40 wie Maria Wern und Katrine Jensen, Saga Norén oder Sarah Lund, die von (männlichen) Führungskräften als „mein bester Mann“ vorstellt werden. Also stets klug, tough und athletisch sind, aber oft irgendeinen Hau haben, von Heiliger bis Hure folglich die telegensten Charakterzüge ihres Geschlechts in sich vereinen. Also endlich: Hanna Svensson.

So heißt die Titelfigur eines Fünfteilers, der auch sonst ein bisschen anders ist als vieles, was aus Europas Norden ins ZDF schwappt. Gleich zu Beginn der Serie nämlich wird die schwedische Wirtschaftsermittlerin von ihrer (weiblichen) Führungskraft in den vorzeitigen Ruhestand gedrängt. Sparmaßnahmen, „du verstehst?“ Sie versteht nicht, verzichtet mürrisch auf zwei extra Jahresgehälter bei voller Pension und begibt sich lieber mit dem eigenbrötlerischen Björn (Magnus Krepper) auf die Spur verfeindeter Motorradgangs, die augenscheinlich Hannas Kollegen Sven verschleppt, gefoltert und ermordet haben.

Zuvor jedoch erfahren wir noch, dass sie nicht nur ein Verhältnis mit dem verheirateten Opfer hatte. In einer Rückblende bringt die alleinerziehende Ermittlerin den eigenen Sohn Christian (Adam Pålsson) wegen Drogenhandels in den Knast. Weil sie zudem nicht mehr die Schnellste ist, aber durchaus routiniert, ein wenig einsam, aber relativ viril, weil sie ab und zu raucht und trinkt und auch sonst ohne viel Trara fehlbar, statt fehl am Platze wirkt, ist diese ungewöhnlich gewöhnliche Kommissarin in der an außergewöhnlich ungewöhnlichen Kommissaren unermesslich reichen Krimi-Industrie Skandinaviens eine angenehme Ausnahme, mit der sich nicht nur Gleichaltrige identifizieren.


Bleibt ein größeres Rätsel


Das belegt auf bedächtige Art, wie durchlässig das männerdominierte Fernsehen langsam auch für Frauen jenseits jugendlicher Anforderungsprofile wird – selbst im klischeeanfälligen Krimi. Besonders hierzulande durften TV-Polizistinnen von Hannelore Hoger bis Hannelore Elsner ja mitunter grau und gebrechlich werden, aber nur, da sie zuvor bereits jung erfolgreich waren. Wenn „Hanna Svensson“ nun erst so richtig einsteigt, wo andere bald aussteigen, ist das demnach ein starkes Signal in die alternde Gesellschaft.

Umso mehr hätte man der natürlich schönen Marie Richardson („Spezialeinheit Göteborg“) und ihren durchweg jüngeren Mitspielern daher nicht nur weniger artifizielle Synchronisation gewünscht, sondern auch mehr erzählerischen Zug (Regie: Simon Kajser). Mit stattlichen 540 Minuten zieht sich Hanna Svenssons epischer Kampf gegen Schwedens organisierte Kriminalität definitiv zu sehr in die Länge.

Dass er trotzdem sehenswert bleibt, liegt am Drehbuch. Anders als im Scandi Noir üblich, verfangen sich Niklas Rockströms Charaktere schließlich mal nicht im Netz politischer, wirtschaftlicher, medialer, gar kirchlicher und kultureller Intrigen, um das Ganze bloß krass und komplex genug fürs Fegefeuer der Aufmerksamkeit zu inszenieren.

Den einzigen Link in die Komplexität zeitgenössischer Serien bildet ein russisches U-Boot, mit dem kroatische Drogendealer asiatischen Stoff nach Skandinavien schaffen. Auch auf lokaler Ebene kann das Publikum durcheinander geraten, wer gerade als Täter, Opfer, Maulwurf infrage kommt. Doch ein Notizblock auf den Knien ist nicht nötig, um den Überblick zu behalten.

Bleibt ein größeres Rätsel: Warum wird die deutsch-schwedische Koproduktion als „Neoriginal“ beworben, das vorab online und sonntags beim Muttersender, nicht jedoch auf Neo zu sehen ist?“ Dieses Label“, so das ZDF, „bündelt besondere und ausgewählte Serien für die Nutzer und Nutzerinnen in der ZDFmediathek und bezieht sich nicht allein auf ZDFneo.“ Typischer Fall von Etikettenschwindel. Hanna Svensson, ermitteln Sie!

„Hanna Svensson“, Sonntag, ZDF, 22 Uhr

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