"Tatort" aus Frankfurt : Töten und talken

Dem Fernsehen ist nicht zu trauen: Die Frankfurter „Tatort“-Kommissare fahnden nach dem „Monster von Kassel“.

Das "Monster" von Kassel.
Das "Monster" von Kassel.Foto: HR/Degeto

„Das Monster von Kassel“ geht einen überraschenden „Tatort“-Weg. Quasi im Vorspann wird das Publikum über den Mord informiert – und über den sehr wahrscheinlichen Mörder. Die weiteren 85 Minuten sind der spannenden Frage gewidmet, ob es Hauptkommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) und ihrem Kollegen Paul Brix (Wolfram Koch) gelingen wird, den schwerverdächtigen Maarten Jansen (Barry Atsma) zu überführen. In einem überaus bizarren, verwirrenden, schier unfassbaren Fall: Jansen soll seinen Stiefsohn Luke getötet, zerstückelt, die Leichenteile in Frankfurt und in Kassel verteilt haben.

Dieser „Tatort“ sucht ein Motiv und er sucht die Aufklärung der Tat und die Festsetzung des Täters. Das Drehbuch von Stephan Brüggenthies und Andrea Heller konzentriert auf die haarfeine Polizeiarbeit und auf den charismatischen Täter. Weil die Leichenteile zu einem Menschen in Kassel gehören, verlassen die Kommissare Frankfurt und fahren – die Mundwinkel zeigen abwärts – nach „Hessisch-Sibirien“. Kassel wird dann aber in so attraktive Panoramabilder gepackt, dass sich mancher „Tatort“-Gucker fragen wird: Und morgen Kassel?

Die nordhessische Stadt beherbergt die Produktionsfirma von Maarten Jansens. Sein „Talk Jansen“ ist ein Hit, der Talkmaster ist ein Ladies Man. Verliebt in seinen Job, noch mehr verliebt in sich selbst: Als er, nachdem der Tote als sein Stiefsohn identifiziert wurde, sich wieder dem Fernsehpublikum stellt, dopt er seine Augen, auf dass die Tränen beim Auftritt auch herzzerreißend fließen. Das wahre Sein und der mediale Schein liegen weit, weit auseinander. Und dem Fernsehen ist nicht zu trauen, lautet die Medienkritik am Rande.

Maarten Jansen ist ein Ego-Shooter, einer, dem die Fernsehsonne jeden Selbstzweifel und das Gewissen weggebrannt hat – nicht aber die Raffinesse. Der Mord ist so angelegt, dass er dem parallel wütenden „Monster von Straßburg“ in die Schuhe geschoben werden kann.

Maarten Jansen gegen den Rest der Welt

Nicht Who-Dunit, nicht ein Reigen von Verdächtigen, sondern das How-Dunit eines Verdächtigen ist der rote Faden. Die Ermittlungen werden sehr präzise dargestellt, und es entsteht ein enormer Sog daraus, wie sich die Indizien erst finden und dann fügen. Das finale Verhör im Polizeipräsidium ist zermürbend, großartig orchestriert und inszeniert: Maarten Jansen gegen den Rest der Welt, konfrontiert mit all den Groupies, mit denen er geschlafen hat, konfrontiert mit seiner Frau, die seiner Sage vom heilen Familienleben nicht widersprochen hatte. Und die Beweise, reichen sie wirklich aus?

Regisseur Umut Dag stellt den Wahrnehmungsfilter immer enger. Hier eine Szene im Talkstudio, dort seine Sequenz im Jansenschen Anwesen, Spurensuche, schließlich die Verhöre, insbesondere das Gespräch zwischen Verdächtigem und Kommissarin Janneke. Der Krimi wird zur intensiven Kreisbewegung um ein Rätsel, das Maarten Jansen heißt: erfolgreich, populär, wohlhabend lebt er mit seiner attraktiven Frau und den beiden Söhnen in einem noblen Haus. Die Inszenierung wird zum Krimidrama, die Kamera von Carol Burandt von Kameke dokumentiert quasi, sie hält auf Distanz, sie verlässt sich darauf, dass das famose Ensemble, darunter auch Christina Groß als Kasseler Kommissarin Constanze Lauritzen, den „Tatort“ trägt.

Barry Atsma kann in beeindruckender Manier an seinen Investmentbanker aus der ZDF-Krimiserie „Bad Banks“ anschließen. Er hat das Kapital für das Doppelwesen aus Charismatiker und Soziopath, den TV-Star stellt er aus, den anderen Maarten Jansen markiert und präzisiert er nur mit Nuancen und Gesten. Der Talkmaster ist es gewohnt, jede Situation zu kontrollieren und zu manipulieren.

Selbst das Verhör verwandelt er in eine Talkshow-Situation. Hier hat der „Tatort“ eine Schwäche: Das für so zahlreiche Frauen Verführerische dieser Vexier-Gestalt bleibt zu schemenhaft, desgleichen dünn die angehängte MeToo-Debatte.

„Das Monster in Kassel“ stellt Kommissarin Janneke vor Kommissar Brix. Er ist der Spurensucher und Indizienfinder, sie jedoch ist die Polizeipsychologin, die ein ums andre Mal hinter die Fassade des Maarten Jansen vordringen will. Margarita Broich gibt dabei gerne die Überfragte und Unterlegene und Bescheidene, ein probates Mittel, über den Talkmaster, der in seiner Show genau diese Rolle spielt, den wahren Jansen zu identifizieren. Es ist ein subtiler Ringkampf, den die Figuren, den Schauspielerin und der Schauspieler da ausfechten. Feinkost.

Warum auch immer, offenbar wollten Redaktion und Produktion auch noch eine Prise Hessen-Humor in den Krimi bringen. Fosco Cariddi (Bruno Cathomas), der Anti-Chef der Frankfurter Polizeitruppe, tanzt durch sein Büro. Welchen verderblichen Einfluss hat Äppelwoi auf den Charakter eines Menschen?

„Tatort: Das Monster von Kassel“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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