Ulrich Tukur im Gespräch : "Der Mensch ist ein Auslaufmodell"

Der Schauspieler Ulrich Tukur zelebriert die Nostalgie. Ein Gespräch über Technik und warum schlechtes TV-Programm mit Gefängnis bestraft werden sollte.

Markus Lücker
Ulrich Tukur, Schauspieler und Musiker.
Ulrich Tukur, Schauspieler und Musiker.Foto: Mike Wolff

Herr Tukur, wie geht es eigentlich dem Esel?

Dem Esel?

Sie haben vor ein paar Jahren angekündigt, Sie wollen sich einen anschaffen.

Ach ja! Der Kontrabassist meiner Band und ich hatten den Plan, uns einen Esel in Anatolien zu kaufen. Mit dem wollten wir durch die ehemaligen Sowjetrepubliken bis zum Kaukasus ziehen. Andere Leute gehen den Jakobsweg, aber das finde ich zu langweilig. Deshalb dachte ich: Esel. So eine Reise führt auch wieder zu dir selbst. Ich kenne das von Wanderungen mit meinen Hunden. Es hat etwas Archaisches, wenn sich Mensch und Tier auf einer Wegstrecke verbinden. Die Reise war ein großartiger Gedanke, ist aber leider bis jetzt ein Gedanke geblieben.

Bei all diesen skurrilen Geschichten: Wie vertrauenswürdig sind Sie eigentlich?

Ich flunkere und lüge, dass sich die Balken biegen, aber wenn es um die Sache geht, bin ich da.

Ich frage, weil ich kürzlich Ihren neuen „Tatort“ gesehen habe, der im Februar ausgestrahlt wird. Wie in „Täglich grüßt das Murmeltier“ hängt Ihr Kommissar Murot in einer Zeitschleife fest und lernt, dass Stillstand sinnlos ist. Sie selbst inszenieren sich hingegen gerne als in den Zwanzigerjahren festgefahrener Dandy. Da passt doch was nicht zusammen.

Man lebt ja nie ausschließlich im Damals. Ich will aber die Dinge, die wertvoll sind, die mir viel bedeuten, weitertragen. Ich will nicht, dass dieses Feuer erlischt. Das mögen Werte aus der Vergangenheit sein, aber die zählen ja auch für die Zukunft. Ich sage Ihnen jetzt mal was ganz Schlimmes…

…ja bitte?

Wir erleben jetzt eine Generation, die sich in ihrer überwiegenden Mehrheit von der digitalen, virtuellen Welt ohne nennenswerte Gegenwehr ausleuchten, manipulieren, ausbeuten und verschlucken lässt. Dieser moderne Mensch verliert seine geschichtliche Bindung und wird geformt von einer Industrie, die jede Autonomie zersetzt und alles Innere nach außen kehrt. In den Achtzigern sind wir auf die Straße gegangen wegen einer blöden Volkszählung. Eigentlich lächerlich, aber es ist wenigstens etwas passiert! Man hatte genügend Würde, um nicht alles mit sich machen zu lassen. Ich hoffe für die Zukunft auf eine Jugend, die sich gegen diesen Anschlag großer Konzerne zur Wehr setzt oder sich ihm wenigstens entzieht, wenn es schon keinen Weg mehr zurück zum Analogen gibt. Die erkennt, dass die sozialen Netzwerke im Endeffekt nur dazu da sind, Menschen seelisch und wirtschaftlich auszuräumen. Statistisch gesehen dauert das Leben etwa 75 Jahre lang, also was soll der ganze Humbug?

Das Altern fiel Ihnen ja schon immer schwer.

Ich finde es furchtbar.

Kann ich nachvollziehen. Bei mir geht es im kommenden Jahr auf die Dreißig zu.

Da hatte ich allerdings auch schon meine erste Krise! Es ist schon beeindruckend, wie zerbrechlich das Leben ist. Wir haben neulich einen alten Freund verabschiedet, der sehr krank ist. Er ist für ein paar Stunden dem Krankenhaus entkommen, um seinen Geburtstag zu feiern. Sein behandelnder Arzt, ein emeritierter Professor, saß mir gegenüber. Er kenne ein Gedicht, hat der gesagt, das all das auf den Punkt bringe. Das einzige, das er jemals auswendig gelernt habe: Theodor Storm, „Beginn des Endes“. Herr Professor, habe ich gesagt, ich kenne es auch. Und dann haben wir die drei Strophen gemeinsam aufgesagt.

Worum geht es darin?

Um das Paradies der Jugend und die Vertreibung daraus. Dass der Mensch an einem bestimmten Punkt aus der vermeintlichen Unsterblichkeit kippt und plötzlich auf der anderen, der sterblichen Seite landet und weiß: Es geht vorbei. Es wird vielleicht noch 20 oder 30 Jahre so weiterlaufen, aber ihm ist jetzt klar und er fühlt zutiefst, dass alles endlich ist. Man kann nur lachen über all das, denn aufhalten können wir es ja nicht.

Bei Ihrer großen Technik-Ablehnung gehe ich nicht davon aus, dass Sie ein Smartphone haben.

Richtig, ich habe nur so ein fünfzehn Jahre altes Handy. Ist auch ordentlich abgeschrammt. Mich beunruhigen Dinge, die ich nicht verstehe. Elektrizität zum Beispiel. Da kommt was aus der Steckdose und bringt mich entweder um oder lässt die Lichter leuchten. Kann mir das jemand erklären? Ich verstehe Taschenuhren, Klaviere, Grammophone, all diese mechanischen Kunstwerke. Aber Strom? Das ist Zauberei aus einer anderen Dimension.

Momentan wird ja wieder die Behauptung populär, die Erde sei eine Scheibe.

Wie schön!

Unter Verschwörungstheoretikern auf YouTube ist das ein riesiger Trend.

Na ja, aber der Mond ist natürlich auch nicht der Mond, sondern wie die Sterne nur ein Loch in einer gewaltigen Kuppel und dahinter brennt ein ewiges, gleißendes Licht.

Abgesehen davon, was hinterm Mond ist, besitzen Sie eigentlich einen Netflix-Account?

Was ist das? Ein Netflix-Account?

Ich meine einen Netflix-Zugang, ein Konto.

Nein. Habe ich nicht, ich habe eine Schellackplatten-Sammlung. Ich dachte bloß, weil sich die ganzen epischen Serien-Erzählungen zu den Streaming-Anbietern verlagern. Das Einzige, was ich in dieser Art gesehen habe, war „Breaking Bad“. Hochspannend. Fast schon unheimlich, wie gut das war. Wie funktioniert so etwas? Wie schaffen es diese medialen Unternehmen, Menschen nach ihrem Zeug so süchtig zu machen? Ich habe das bei meiner eigenen Frau gesehen. Die hat manchmal sechs Folgen irgendeiner Serie am Stück geguckt, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Ich finde das verstörend – dass Netflix und Konsorten jetzt überall sind und eine Serie nach der anderen produzieren, die auch noch gut gemacht sind.

Haben Sie schon mal ein Rollen-Angebot bekommen? Fahri Yardim vom Hamburger Tatort hat ja kürzlich bei „Dogs of Berlin“ mitgespielt.

Ich habe mit diesem Universum nichts zu tun. Ich bin auch nie gefragt worden.

Sie erinnern mich an die Stars des Stummfilms, von denen viele nach Einführung des Tonfilms als depressive Alkoholiker in Vergessenheit gerieten. Haben Sie Angst, von der Technik verdrängt zu werden?

Das wird am Ende doch uns allen passieren. Wir können eine Weile mitlaufen, aber irgendwann werden wir von dieser exponentiellen Entwicklung überrollt. Der lebendige Künstler aus Fleisch und Blut ist ein Auslaufmodell wie übrigens auch der Mensch selbst. In 30 Jahren werden wir keine Filme mit echten Menschen mehr haben. Das wird alles animiert und interaktiv ablaufen. Damit muss man vermutlich seinen Frieden schließen. Ich habe das große Glück, meine Karriere in der alten, analogen Welt gemacht zu haben. Ich spiele jetzt Musik mit meiner Band, das geht auch ohne Strom, und wenn das niemandem mehr passt, mache ich noch ein bisschen Theater oder baue Salat in der Toskana an. Dann können mich die Konzerne und ihre tätowierten Avatare am Arsch lecken.  

Der erfolgreichste YouTuber der Welt ist ein achtjähriger Millionär, der Spielzeug testet. Das muss doch auch Sie neidisch machen.

Lascialo perdere, wie der Italiener sagt. Vergiss es. Ich habe das vor Kurzem bei den Dreharbeiten zu unserem übernächsten „Tatort“ erlebt. Da war ein Kleindarsteller – ein zwei Meter Mann, Bodybuilder, eher still, ein eigenartiger, nicht unsympathischer Typ. Der spielte einen Strafgefangenen. Später habe ich meinem jungen Neffen von ihm erzählt. Und der fiel vor Begeisterung fast tot um. Ich hatte nicht die geringste Ahnung davon gehabt, einen der erfolgreichsten Internet-Stars vor mir zu haben, der vermutlich viel mehr Geld verdient als wir alle zusammen und in seiner Welt eine absolute Berühmtheit ist. Unsere altmodische Wirklichkeit wird von etwas Unsichtbarem erdrückt, das nach ganz anderen Gesetzmäßigkeiten funktioniert. Völlig gaga das Alles.

Was muss sich denn beim Fernsehen ändern, damit es bei dieser Konkurrenz zumindest noch das nächste Jahrzehnt übersteht?

Nicht immer nur Brei abliefern, sonst verlernt der Zuschauer das Kauen. Und nicht immer auf diese verdammte Quote gucken. Wie ich das hasse! Wenn ich der Masse gefalle, muss ich mich mittlerweile fragen, was ich falsch gemacht habe. Denn der allgemeine Geschmack ist inzwischen so verwahrlost, dass fast nur noch Dreck konsumiert wird. Ist es nicht eigentlich ein Zeichen für Qualität, wenn man eine niedrige Einschaltquote hat? Ich hatte damit nie ein Problem. Die Wahrheit ist aber auch, dass viele Sender, allen voran die privaten, die Latte immer noch tiefer legen und damit eine atemberaubende Politik der Verblödung betreiben. Weil in den wichtigen Positionen fantasievolle und querdenkende Menschen abgezogen und durch Personal ersetzt wurden, das nur noch an Geld denkt und seinen Job erhalten will.

Vielleicht haben wir einfach kein besseres Programm verdient? Die Masse will, was die Masse will.

Nein! Ich glaube nicht, dass die Menschen so dumm sind, wie sie von diesen Fernsehmachern gehalten werden. Es ist zynisch, mit voyeuristischen Sendungen, in denen Menschen unablässig in ihrer Würde gedemütigt werden, Gelder zu generieren. Es ist ein Verbrechen. Eigentlich gehören diese Leute in den Knast.

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