ZDF-Serie "Blochin" : Regen da, Sicht weg

Die ZDF-Serie „Blochin“ endet vier Jahre nach den ersten fünf Folgen mit dem „Letzten Kapitel“. Das ist das Gute daran.

Wer war es, wer bin ich? Blochin (Jürgen Vogel) sucht den Mörder seiner Tochter und er sucht sich selbst. Im „Letzten Kapitel“ wird er beide finden.
Wer war es, wer bin ich? Blochin (Jürgen Vogel) sucht den Mörder seiner Tochter und er sucht sich selbst. Im „Letzten Kapitel“...Foto: ZDF und Stefan Erhard

Das Sommerfernsehen taugt für einiges, was ins quotenstärkere Fernsehjahr offensichtlich nicht passen will. So wird in den Zeiten erhöhter Temperaturen gerne ins Regal der wieder und wieder aufgeschobenen Ausstrahlungen gegriffen.

Das ZDF also nutzt den 5. August 2019 für das Finale von „Blochin“. Fünf Folgen wurden 2015 gezeigt, die Abschlussepisode, 2017 gedreht, wurde bis zum heutigen Datum aber nie ausgestrahlt. Immerhin war der öffentlich-rechtliche Sender so schlau, vor dem finalen Termin alle fünf bisher gezeigten Folgen zu wiederholen. Bitter notwendig, welcher Serienjunkie kann sich en gros, gar en détail ans Geschehen um den namensgebenden Berliner Polizisten, gespielt von Jürgen Vogel, erinnern? Zumal sich die Produktion von Matthias Glasner, Regie und Drehbuch, nicht wirklich ins Gedächtnis eingebrannt hatte.

„Blochin – Das letzte Kapital“ dauert 110 Minuten. Es regnet, nein, schüttet ununterbrochen. Damit und mit den grau-blauen Bildern ist die Tonlage gesetzt. Auch wenn sich weder der Himmel noch die Stimmungen aufhellen, kann der Zuschauer mit der Verknüpfung all der herumhängenden Handlungsfäden aus den vorausgehenden Episoden rechnen. Das geht erwartungsgemäß nicht ohne großes Drama, große Verzweiflung und einer großen Zahl an Toten ab.

Blochins Plan geht wieder schief

Auch in der Schlussepisode ist Blochin von dem Wunsch besessen, den brutalen Mord an seiner Tochter zu rächen. Endlich sieht er eine Chance, den Mörder Kyrill (Alexander Scheer) nach Berlin zu locken. Er nimmt dessen Geliebte Pheline (Jasna Fritzi Bauer) als Geisel. Der Plan geht schief, Pheline wird erschossen aufgefunden. Der Polizist und sein Vorgesetzter Dominik Stötzner (Thomas Heinze) geraten unter Mordverdacht und werden von der Internen Ermittlung, die die beiden, längst Borderliner zwischen Recht und Unrecht, festsetzt. Es beginnt ein Hase-und-Igel-Wettrennen, an dem sich die gesamte Corona des eingeführten Pesonals – Polizei, Politik, Russenmafia, Dealer – beteiligt. Und die Auflösung mündet in die Erlösung mancher Figur.

Und weil das Ende einer Geschichte eben ein Ende bedeutet, wird das Rätsel um Blochins camouflierte Identität Stück für Stück zusammengesetzt. Er wird zu sich selbst geführt. Da ist für den Zuschauer, der der Handlung sehr konzentriert folgen muss, wenn er nicht selbst vor manches Rätsel gestellt sein will, manche Überraschung drin.

Die Serie hat über die ersten fünf Episoden gemischte Resonanz erfahren. Dieses Zwischenergebnis wird mit dem Finale als Gesamtbilanz Bestand haben. „Blochin“, schreibt die Produzentin Lisa Blumenberg im ZDF-Presseheft, „geht unter die Haut“. Sicher, die Spannung wird (mit Mühe) gehalten, weil sie sich eben erst in den Schlussminuten löst, das angeblich fesselnde Drama um Rache und Schuld, Abbitte und Vergebung leisten die sechs Serienteile nicht. „Blochin“ bietet Geschehen, wo Inhalt geboten wäre.

Wimmelbilder an Stereotypen

Nur in der Zwangsgemeinschaft von Blochin und seinem „Lieutenant“ Stötzner geht es um die Grundsatzfrage, was einer in der Tiefe seiner Persönlichkeit und zugleich in deren Alltag sein will, doch reicht das zu einer emotionalen, aufwühlenden Geschichte von den „Lebenden und den Toten“? Tut es nicht, es gibt zu viele Wimmelbilder an Stereotypen, zu viele großspurige Sätze („Das ist das Fegefeuer“), ein Übermaß an hintereinander geklebten Szenen – „Blochin“ ist nicht so groß, wie „Blochin“ groß sein will. Die Serie mag für das Serienschaffen des ZDF eine Großtat sein, doch in der Vergleichsperspektive der Streaming-Pretiosen wie „Breaking Bad“ oder „The Wire“ wird das Urteil sogleich schärfer: „Blochin“, gewollte Großstadtserie, versuchter Berlin-Film ist Durchschnitt.

Liegt es mehr am Autoren oder mehr am Regisseur Glasner? An beiden. Die Handlung ist ausgreifend verwickelt statt überzeugend konstruiert, es wird Schwere promoviert, wo Tiefe nötig wäre, es regiert die Dramaturgie der Szenen-Inflation; die Regie hilft der Story nicht auf, es dominiert die Schnitzeljagd, die Figuren gewinnen nicht an Dimension, sondern an Fläche.

Die Schwächen machen auch beim exquisit gecasteten Ensemble – darunter Jördis Triebel, Maja Schöne, Rainer Bock – nicht halt. Hier gilt, was für Jürgen Vogel und Thomas Heinze gilt: Vogel ist zu sehr leidgeprüftes Gesicht, Heinze agiert und spricht wie der smarte Hai aus „Findet Nemo“. Schauspiel und Serie aus dem 3D-Drucker.

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„Blochin – Das letzte Kapitel“, ZDF, Montag, 22.15 Uhr