"In meinem Heimatort tummelten sich die Menschenhändler"

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Menschenrechtlerin Jihyun Park aus Nordkorea : „Mein Leben glich dem eines Tieres“
Jhyun Park, aus Nordkorea geflohene Autorin
Jhyun Park, aus Nordkorea geflohene AutorinFoto: Mike Wolff

Nein. Etwa vom Jahr 1994 an gab es die große Hungersnot …
... bedingt durch den Zusammenbruch des Ostblocks, Misswirtschaft und Naturkatastrophen ...
… bei der insgesamt drei Millionen Menschen starben. Ich arbeitete damals als Mathematiklehrerin, und von Tag zu Tag kamen weniger Schüler. In meiner Familie hatten wir uns nie richtig satt essen können. Als ich klein war, gab es vor allem Mais und billigen Reis, selten mal Kimchi oder Fleisch. Nun wurden vom Staat nicht mal mehr Reisrationen ausgegeben. Morgens bin ich ans Meer, wo die Leute Tintenfische fangen – normalerweise isst man die Tinte nicht, aber etwas anderes konnte ich nicht bekommen. Alles brach auseinander. Meine Mutter verließ die Familie, mein Onkel verhungerte, und mein Vater wurde schwer krank. Keiner verdiente mehr Geld, deshalb musste ich nach China gehen.
Die meisten Flüchtlinge erreichen China auf dem Landweg. Sie auch?
Ja. Ich habe im Februar 1998 das erste Mal illegal den Grenzfluss Tumen überquert, der war in dieser Jahreszeit natürlich zugefroren. Ein Schleuser hat mir geholfen. In meinem Heimatort, einer Provinzhauptstadt im Nordosten, tummelten sich die Menschenhändler regelrecht. Besonders die Frauen, die oft nur im Haushalt arbeiteten und die deshalb weniger unter staatlicher Beobachtung standen, rissen nach China aus, um Geld heranzuschaffen. Meine ältere Schwester war schon im Jahr zuvor getürmt, und ich brach nun zusammen mit meinem Bruder auf.
Jang Jin-sung, einst in der nordkoreanischen Gegenspionage tätig, berichtet im Buch „Dear Leader“ von seiner Flucht – und davon, wie modern und fröhlich ihm China im Vergleich zu Nordkorea erschien. Ging es Ihnen genauso?
Ich habe schon bemerkt, dass die Menschen wohlhabender sind. Aber das hatte mit mir nichts zu tun. Ich wurde an einen Mann der koreanischen Minderheit in China verkauft, für 5000 Yuan.
Das entspricht etwa 700 Euro.
Ich ging die Ehe ein, weil der Schleuser versprach, dass dafür meinem Bruder nichts geschehen werde. Das Haus meines neuen Mannes stürzte langsam ein, ich musste auf dem Feld schuften. Er schlug und vergewaltigte mich. Zu allem Überfluss wurde ich schwanger. Man empfahl mir, das Kind abzutreiben, aber ich hatte meine ganze Familie verloren, deshalb empfand ich das Baby als Hoffnung. Ich habe meinen Sohn vom ersten Tag an geliebt.
Was passierte mit Ihrem Bruder?
Er wurde nach einem Jahr zurück nach Nordkorea verschleppt, was danach geschehen ist, habe ich nie erfahren. Etwa 200 000 Nordkoreaner leben derzeit in China – und sind dort immer in Gefahr, entdeckt und zurückgeschickt zu werden. Im Jahr 2004 hat auch mich jemand angezeigt. Die Chinesen bekommen dafür eine Belohnung: 500 Yuan pro Flüchtling, mehr als ein Monatsgehalt. Meinen Sohn musste ich in China lassen. Aufgegriffene Flüchtlinge werden als Volksverräter betrachtet. Deshalb kam ich in ein Arbeitslager. Die anderen Häftlinge und ich gruben im Wald oder auf den Hügeln Wurzeln aus. Schuhe durften wir dabei nicht tragen, es hieß, sonst würden wir wegrennen. Mein Leben glich dem eines Tieres.
Der 32-jährige Flüchtling Shin Dong-hyuk wurde angeblich im schlimmsten Lager Nordkoreas geboren. Ein deutscher Filmemacher hat über ihn die Doku „Camp 14“ gedreht, die viele Zuschauer tief bewegte. Doch Anfang des Jahres musste Shin Teile seiner Geschichte widerrufen.
Ich möchte nicht über ihn richten. Lange Zeit habe ich selbst nicht alles erzählt, weil ich Scham, ja Schuld empfand für das, was mir widerfahren ist. Seine Erfahrungen sind noch schlimmer als meine: Seine Mutter und sein Bruder wurden im Lager hingerichtet, weil er sie angezeigt hat.
Nordkoreas Gesellschaft fußt auf Lügen. Auch auf der Flucht muss man sich verstellen. Frau Park, woher wissen wir, dass Ihre Geschichte stimmt?
Ich will und muss nichts beweisen.

Für uns ist es fast unmöglich, nachzuprüfen, was Sie uns erzählen.
Ich vertrete keine politische Richtung, ich berichte einfach ehrlich, was ich erlebt habe. Mich zu erinnern, tut weh. Kürzlich habe ich an einem Film von „Amnesty International“ mitgewirkt, die Reaktionen darauf waren sehr positiv. Wenn ich merke, dass die Leute dank meiner Geschichte etwas über die Situation in Nordkorea erfahren, dann weiß ich, dass ich das Richtige tue. Weil Sie skeptisch sind, zeige ich Ihnen etwas. Schauen Sie, wenn ich meine Hose hochkremple …
An Ihrem Bein sieht man eine Narbe.
Im Lager habe ich mich verletzt und mit Tetanus infiziert. Zwischenzeitlich war das Bein nicht mehr durchblutet. Weil ich fast tot war, kam ich aus dem Lager raus. Zuerst bin ich wieder in meine Heimatstadt, aber dort fand ich keine Hilfe. Mein Vater lebte nicht mehr, und unter den Menschen gab es keine Wärme. Ich wäre auf der Straße gestorben, hätte ich nicht ein Militärkrankenhaus gefunden, wo man mich behandelte. Nach zwei Monaten ging es mir besser und ich flüchtete erneut nach China.