Wie Senegals wichtigste Designerinnen erfolgreich wurden

Seite 2 von 3
Mode-Metropole Dakar : Afrikas letzter Schrei

Saliou Falls Werkstatt liegt im Innenhof eines betongrauen Wohnhauses, die Ausstattung: Tischchen und Nähmaschine, Stuhl. Wände gibt es keine. Fünf Jungs spielen jetzt, am frühen Vormittag, zwei Meter von Fall entfernt Fußball, kreischen und wirbeln feinen Sand vom Boden durch die Luft.

Der Schneider-Designer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Gerade arbeitet er an seinem Meisterstück für den anstehenden Feiertag: ein eng geschnittener, bodenlanger, unten ausgestellter Rock aus rot-weißem Satinstoff, dazu eine taillierte Bluse mit Puffärmelchen aus demselben rot-weißen Stoff mit glitzernden Steinen am Dekolleté. Extrem taillierte Schnitte sind gerade der letzte Schrei in Dakar.

Seit vier Jahren arbeitet Fall selbstständig. Davor war der 35-Jährige bei einer Designerin angestellt. Von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends verwandelte er die Entwürfe seiner Chefin in Kleider, für die sie zwischen 200 und 400 Euro bekam, und träumte von der Selbstständigkeit. Im Senegal sind die meisten erfolgreichen Designer Frauen und die meisten Schneider Männer.

Fünf Jahre machte Fall den Job, so lange dauerte es, bis er genug Geld gespart hatte, um sich die zwei gebrauchten Singer-Nähmaschinen – eine fürs Nähen, eine fürs Sticken – kaufen zu können, die er brauchte, um selbst ins Designgeschäft einzusteigen. Sie kosteten jeweils 150 Euro. Für ein Kleid verlangt er heute zwischen zehn und 20 Euro, mehr können die Bewohner von La Médina nicht zahlen. Im Monat entwirft er etwa zehn Kleider, seine kleine Familie kann er damit gerade so ernähren. Fall träumt jetzt davon, eine Boutique in der Innenstadt zu eröffnen, wo die Kundinnen deutlich mehr für einen Entwurf bezahlen.

So lange er sich erinnern kann, wollte Saliou Fall Frauen einkleiden. Sein großer Bruder war Schneider, der brachte ihm das Nähen bei und nahm ihn an den Feiertagen mit, die neuesten Modelle zu begutachten. Den kleinen Saliou Fall faszinierten Glitzer und Schimmer – und die Entwürfe der Designerin Oumou Sy, die Frauen meterhohe Federn auf die Schultern steckt, ihnen schallplattengroße Strohkreisel um Ellbogen und Handgelenke bindet und sie in regenbogenfarbene Chiffongewänder hüllt.

Die 61-jährige Sy hat viel damit zu tun, dass Dakar als afrikanische Modehauptstadt gilt. Anfang der 90er Jahre gründete sie die Modeschule Les Ateliers Leydi, wo bis heute der Designernachwuchs der Stadtausgebildet wird. 1997 rief sie die „Semaine Internationale de la Mode de Dakar“ ins Leben, ein Vorläufer der Fashion Week.

Oumou Sy wuchs als eines von 17 Kindern auf dem Land auf, ohne Vater, in die Schule ist sie nie gegangen. Mit fünf begann sie, Stoffreste zu Kleidern zu nähen, mit 13 eröffnete sie ein Atelier in Saint Louis, im Norden von Senegal, mit 20 hatte sie einen Laden in Dakar. Sys Entwürfe sind bei Schauen in Paris zu sehen, dort und in Genf besitzt sie Geschäfte, und sie kleidet sogar Stars wie den Sänger Youssou N’Dour ein. Für ihre Filmkostüme wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Diouma Dieng Diakhaté, die zweite große senegalesische Designerin hat einen ähnlichen Aufstieg hingelegt. Mit 33 schneiderte sie noch in ihrer Garage. Heute, mit 65, ist sie die Lieblingsdesignerin der afrikanischen Politikelite – und seit der Wahl im vergangenen Jahr selbst Politikerin: Der neue Präsident ernannte sie zur Sonderbotschafterin.

Diakhatés Atelier liegt am Boulevard du Général de Gaulle, einer breiten Straße im Stadtzentrum mit Bürgersteigen und großen Bäumen. Dort wird seit 1959 der Jahrestag der Unabhängigkeit gefeiert. In einem zweistöckigen, verglasten Gebäude sind Diakhatés Kreationen ausgestellt. Die Desigerin hat eine Vorliebe für den Grand Boubou, ein knöchellanges, rechteckiges senegalesisches Männergewand, das traditionell gedeckte Farben hat und an einen Sack erinnert. Sie hat das Kleidungsstück auch für Frauen salonfähig gemacht, allerdings knallbunt oder zumindest schimmernd.

„Ich komme nicht aus einer reichen Familie, auch mein Mann ist nicht reich. Meinen Erfolg habe ich mir ganz alleine erarbeitet“, sagt Diakhaté, mit einer Stimme, die klingt als würde sie jeden Tag zwei Schachteln Zigaretten rauchen. Sie trägt ein nachtblaues Kleid, bodenlang, und einen 20 Zentimeter hohen, wild gewickelten silbernen Turban. Diakhaté sitzt hinter ihrem Holzschreibtisch, auf dem Boden davor stapeln sich Stoffe. Bei ihrem Aufstieg habe ihr geholfen, dass Senegalesinnen elegante Frauen sind, erklärt sie. Auf die Frage, wie sie es geschafft hat, Lieblingsdesignerin von Afrikas Staatschefs zu werden, antwortet sie nur: „Gute Arbeit zahlt sich aus.“ Nachfragen ignoriert sie, verrät nur, dass sie Anfang der 90er Jahre vom damaligen Präsidenten Malis, Alpha Oumar Konaré, entdeckt wurde – als er bei einem Besuch in Dakar an ihrer Boutique vorbeilief.