Da ist doch was: runde Pfote, keine Krallen

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Nationalpark Harz : Auge in Auge mit dem Luchs
Marius Buhl
Ranger Patrick Preiss weiß fast alles über den Nationalpark Harz.
Ranger Patrick Preiss weiß fast alles über den Nationalpark Harz.Foto: Marius Buhl

Begegnung mit einer anderen Rangerin. Preiss hat sie am Morgen in den Wald begleitet, seitdem kontrolliert sie die Umgebung. Sie habe eine Luchsspur entdeckt, weiter oben an der Muxklippe, sagt sie. Preiss nutzt das für einen Impulsvortrag. Er drückt das Modell einer Luchsfährte in den Schnee, die er in seinem Rucksack mitgebracht hat. Vier Zehenballen vorne, drei Ballen hinten. Insgesamt ist die Luchsfährte der der Hauskatze ähnlich, nur größer, fast rund. Der Luchs schnürt. Er tritt mit den Hinterbeinen in die Stapfen der Vorderbeine. Außerdem laufen Luchse kerzengerade und balancieren gern auf umgefallenen Bäumen. Der Unterschied zu Wolf, Hund oder Fuchs seien die Krallen, sagt Preiss. Während Hundeartige die Krallen beim Laufen ausfahren, lassen Katzenartige sie drin.

300 Meter weiter stoppt der Ranger. Beugt sich runter, dass ihm die Luchsmütze fast vom Kopf rutscht. Da ist doch was. Runde Pfote. Vier Ballen vorne, drei hinten, keine Krallen. Größer als eine Katzenpfote. M4?

Preiss lächelt. Er wäre schlecht in seinem Job, würde er vorschnell Hoffnungen wecken. Zu oft schon haben sie das gehört, die Harzer Ranger. Luchsalarm. Ein Kollege von Preiss fährt nachts oft raus, weil Passanten die Pinselohren in ihrem Garten gesehen haben wollen. Angst haben. Sind dann meistens Füchse.

Luchse sind Ansitzjäger

Auch das hier könnte ein Fuchs gewesen sein, die Krallenspuren könnten weggetaut sein, als neulich die Sonne den Boden wärmte. Könnten.

Der Luchssucher will nichts wissen vom Konjunktiv. Blickt in den Wald. Stellt die Augen scharf. Atmet flach. Wenn hier irgendwo eine Wildkatze sitzt, dann wohl in einem Dickicht am Wegrand. Luchse sind Ansitzjäger. Lauern auf das Überraschungsmoment. Hören alles und sehen exzellent. Bemerken sie Beute, schnellen sie hervor. Mit der Zunge, rau wie ein Zehner-Schmirgelpapier, können sie einem allein schon die Haut aufreißen. Haben sie ihr Opfer mit dem Kehlbiss getötet, fressen sie zuerst das delikate Muskelfleisch. Gourmetjäger.

Ach was! Jetzt wird es Ranger Preiss dann doch zu wild. Was sind denn das für Vorstellungen! „Nie seit Beginn der Aufzeichnungen hat ein Luchs einen Menschen angegriffen“, sagt er und verdreht die Augen. Die Presse und ihre Lust am Drama gehen ihm beizeiten auf den Senkel. Einmal schrieb die Lokalzeitung, ein Panther streife durch den Harz. Ein Panther! Preiss seufzt. Erklärt mal wieder. Luchse reißen Rehe, Hirsche, Mufflons (auch die Wildschafe gibt es im Harz) und wenn’s gerade passt – und der Bauer keine Vorkehrung getroffen hat – auch mal ein Kalb oder ein Schaf. „Die Natur ist kein Ponyhof“, sagt Preiss. Aber Menschen? Also bitte.

Tamino hat keine Angst vor Menschen

Preiss lenkt ab vom Luchs. Redet vom Borkenkäfer, der die Fichten befällt. Ganze Waldstücke unterhalb des Brockens seien tot. Aus zwei Käfern werden in zwei Jahren zwei Millionen. Schädling, sagen viele, aber Preiss sieht das anders. „Schädling ist Menschensicht.“ Hätte man die Natur schon früher Natur sein lassen, stünden im Harz eben nicht so viele Fichten. Buchen seien resistent gegen den Käfer. Ergebnis: ein schöneres Waldbild und der „Schädling“ hätte längst nicht so viel Einfluss. „Da ist der Mensch selbst schuld“, sagt er.

Bitte zurück zum Thema, denkt der Luchssucher und Preiss versteht. „Kommen Sie morgen um 14.30 Uhr zur Rabenklippe“, sagt er. „Ich hab’ da was für Sie.“

Die Rabenklippe ist ein Felsturm mit Blick auf den Brocken, den heute, was sonst, der Nebel umhüllt. Dutzende Zuschauer warten vor einem drei Meter hohen Zaun, dahinter im steilen Geläuf: Tamino, der König. Tamino kommt aus Finnland, ist nach Mozarts Zauberflötenprinz benannt und putzt sich gerade die Pfoten. Stellt die Pinselohren auf. Bleckt die Zähne. Sie hätten ihn lieber ausgewildert mit den anderen Tieren, aber Tamino mag Menschen zu gerne. Ist neugierig. Nicht ausgeschlossen, dass er sich Wanderer genauer angesehen hätte. Deshalb lebt er jetzt im Gehege. Der Ranger öffnet ein Gitter. Wirft einen Brocken Hirschfleisch hinein. Fünf Kilo, das reicht für zwei Tage. Tamino beißt zu, dann verschwindet er mit seiner Beute im Dickicht. Nur weil er keine Angst vor Menschen hat, heißt das noch lange nicht, dass neugierige Luchssucher ihm beim Fressen zuschauen dürfen.

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