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Der Puppenbauer Shobei Tamaya führt seine Werkstatt in neunter Generation.

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Porträt der Toyota-Stadt: Nichts ist unmöglich – Nagoya

Karakuri heißen die mechanischen Puppen, die seit Jahrhunderten für Japans Kultur und Erfindergeist stehen – die Vorläufer der Roboter. Ohne sie gäbe es weder den Konzern Toyota, noch die Stadt drumherum.

Mit rollenden Koffern huschen Reisende in Taxis, andere rasen zu den Gleisen. Rushhour am Bahnhof von Nagoya. Zeit hat hier niemand.

Die Stimmung ändert sich, als hoch über den Köpfen der Leute ein paar menschenähnliche Figuren um die Bahnhofsuhr herum erscheinen. Musik pfeift über den Vorplatz, die Männchen laufen im Takt aufeinander zu und tanzen. Unten formieren sich jene, die es eben noch so eilig hatten zu einer Traube. „Sugooi“, ruft ein Mann im Blaumann, „wie toll!“. Die Gehetzten stehen still und genießen das Schauspiel. Für ein paar Minuten, alle paar Stunden, jeden Tag.

Ausgerechnet hier, in diesem Moloch der Arbeit. Als der ist Nagoya bekannt. Etliche produzierende Konzerne sind in der 2,3-Millionenstadt zuhause. Allen voran Toyota, der größte Autobauer der Welt, mitsamt seinen kaum zählbaren Subunternehmen und Zulieferern. Mitsubishi Heavy Industries baut Kurzstreckenflugzeuge, Brother Industries stellt moderne Drucker her.

In Japan, der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, gilt Nagoya als wichtigste Fabrikhalle. Mit dafür verantwortlich: die tanzenden Puppen. Die Karakuri.

Wozu zum Fließband pilgern?

Geschäftsreisende auf der vierstündigen Strecke zwischen der Hauptstadt des Ostens, Tokio, und dem Handelszentrum des Westens, Osaka, fahren regelmäßig mit dem Superschnellzug Shinkansen durch Nagoya. Doch sie steigen hier nicht aus und kommen auch sonst nicht zu Besuch. Wozu zum Fließband pilgern, wenn man die Endprodukte überall kaufen kann?

Dabei könnten sie an den Straßenecken stehen bleiben oder in den Parks, wo die Karakuri alte japanische Sagen nachstellen und Choreographien vorführen. Seit Jahrhunderten hält sich diese Tradition der Gratisbühnen. In Nagoya, sagen seine Einwohner, wird immer Theater gespielt. Die mechanischen Puppen sind nicht nur Geschichtenerzähler, sondern Spielzeuge, literarisches Motiv und eines der bedeutendsten Zeugnisse der japanischen Industrialisierung.

Die raffinierten Bewegungen der Puppen, durch Hebel, Zahnräder und Fäden, dienten schon als wichtige Vorlagen für den Toyota-Gründer Sakichi Toyoda, als der seinen ersten Webstuhl entwickelte. Durch ihn wurde Toyoda reich, später folgten all die Autos, die die Stadt Nagoya weltberühmt machten. Auch der Gründer jenes Unternehmens, aus dem später der Multikonzern Toshiba wurde, war ein Puppenbauer. Ohne die Karakuri würde Toshiba heute keine Mikrochips, Klimaanlagen und Atomreaktoren entwickeln. Und Toyota wohl keine Autos.

Der Grundstein der Robotik

„Nehmen Sie die Tasse hoch, schnell“, zischt Shobei Tamaya, ein dünner Mann mit schlabbrigen Klamotten und faltigem Gesicht, seinen Besucher an. „Sonst fährt sie wieder zurück!“ Die Roboterpuppe, die über die große Arbeitsplatte in der Werkstatt des Meisters rollt, hält eine uralte japanische Teezeremonie ab. Auf einem Tablett trägt sie eine Tasse, durch Zahnräder angetrieben fährt sie zum menschlichen Gegenüber auf der anderen Seite des Tischs. Nimmt der die Tasse auf, hält die Puppe an.

„Gerade noch rechtzeitig“, sagt der Meister erleichtert, der diese Werkstatt in neunter Generation führt. Jetzt darf der Tee getrunken werden. Die Puppe fährt erst wieder zurück, wenn das Gewicht der Tasse den Mechanismus in Gang setzt. „Ein Klassiker“, sagt Tamaya. Ein Jahr braucht er für die Produktion eines solchen Kunstwerkes, wie schon seine Vorfahren vor dreieinhalb Jahrhunderten.

Geschnitzt wird im trockenen und kühlen Februar; im Juli, wenn sich die sieben verschiedenen Holzarten wegen der Luftfeuchtigkeit ausdehnen, werden sie zusammengesetzt. Dann kommen die Details.

Die Karakuri gelten als Grundstein der Robotik. Um 1650 wurden die ersten entwickelt und lösten bald eine technologische Revolution aus. Im Japan jener Jahre schmückten die Marionetten selbst die Häuser der kleinen Leute.

Die Vorfahren von Shobei Tamaya prägten durchs Puppenbauen Japans besonderes Verhältnis zu menschenähnlichen, aber nicht ganz menschlichen Figuren. Dichter beschrieben die Karakuri bald als menschliche Diener, Kinder spielten mit ihnen, als handelte es sich um Geschwister.

Mit dem Boom von Mangacomics und Animefilmen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden jene Geschichten mit menschenähnlichen Robotern, wie „Astroboy“ oder „Gundam“, zu den beliebtesten in ganz Japan.

Der Haushaltsroboter Pepper

Vergangenen Sommer brachte der japanische Telefonkonzern Softbank einen hüfthohen androiden Haushaltsroboter namens Pepper auf den Markt. Pepper ist ein Nachfolger des Tee servierenden Karakuri aus dem Hause Tamaya. Laut Hersteller soll er durch seine intelligenten Kommunikationsfähigkeiten zum Freund seines Besitzers werden. Binnen einer Minute nach Verkaufsstart hatte Softbank 1000 Exemplare abgesetzt.

In Japan empfindet man Roboter nicht als Bedrohung für den Menschen, man schätzt sie als Partner, man liebt sie wie Haustiere. Ohne die Erfindungen aus Nagoya wäre so ein vertrautes Verhältnis heute undenkbar, schreibt Yoshikazu Suematsu, ein Ingenieursprofessor des Aichi Institute of Technology.

Als 2005 die Expo in Nagoya stattfand, staunten die Besucher hauptsächlich über den Roboter von Toyota, der präzise wie ein menschlicher Profi auf der Trompete spielen kann. Er verkörpert auch das Bild, das die japanische Regierung von sich präsentieren will. Als das Land der Automatisierung von Arbeitsprozessen, als Inbegriff der Effizienz.

Das Toyota-Museum ist die beliebteste Touristenattraktion

Keine Stadt passt besser zu dieser Selbstdarstellung als Nagoya. Hier arbeitet in jeder Familie mindestens ein Mitglied für einen Industriebetrieb. Die Grünanlagen der Stadt sind klein, die Straßen dagegen stapeln sich übereinander. Ein Park ist etwas größer – in dessen Mitte steht, natürlich, ein Technologiemuseum.

Ein paar Kilometer von Shobei Tamayas Werkstatt entfernt sieht man in den Marionetten trotzdem nur kuriose Antiquitäten. „1924 erfand Sakichi Toyoda seinen automatischen Webstuhl. Sechs Jahre später entwarf er den ersten Motor für ein Fahrrad. Kurz darauf folgte der erste Prototyp des Automobils.“ Kazuo Nakai, ein grauhaariger Pensionär in dunkler Anzughose, erzählt Erfolgsgeschichten im Stakkato.

Die Menschenmenge um ihn herum erreicht er nur mit dem Mikrofon. Nakai, der selbst für einige Unternehmen der Toyota-Familie gearbeitet hat, mag es, Besucher aus aller Welt durch das „Toyota Erinnerungsmuseum für Industrie und Technologie“ zu führen, die beliebteste Touristenattraktion der Stadt.

Hunderttausende kommen jedes Jahr, um mehr über die Industrieregion zu erfahren. Die sagenumwobene Burg im Stadtzentrum besichtigen weit weniger Touristen.

Das Museum portraitiert Nagoya anders, als es Vertreter von Kunst und Kultur wie etwa der Puppenbauer Tamaya täten. Es konzentriert sich auf Toyotas Industrieroboter, Toyotas Lastwagen G1, das erste verkaufte Automobil, den Prius, den ersten massenproduzierten Hybridwagen, den Plug-in-Hybrid, der sich via Steckdose aufladen lässt und den Mirai, der nur noch Wasserstoff als Sprit braucht.

Was wäre Nagoya ohne Toyota?

Die Mechanik der Karakuri lieferte die Grundlagen für Japans Autoindustrie.
Die Mechanik der Karakuri lieferte die Grundlagen für Japans Autoindustrie.

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Nakai steigert sich jetzt in seinen Stolz hinein. Das Unternehmen ist eine der wertvollsten Automarken der Welt, tönt er, der größte Konzern überhaupt in Japan. Ob sich auch alle noch an einen der besten Werbeslogans der Geschichte erinnerten? Natürlich, „Nichts ist unmöglich“. Im deutschen Fernsehen trällerten das sprachbegabte Tiere im Dschungel.

So eine PR hätten andere Gruppen auch gern. Die Abteilung der Stadtverwaltung, die für den Tourismus von Nagoya zuständig ist, hat schon vieles versucht. Shobei Tamaya wurde auf Tour durchs Land geschickt, um die Finessen des alten Handwerks wieder berühmt zu machen.

Auch 80 Prozent der Samurai-Krieger kamen laut Stadtverwaltung aus Nagoya. Der Tourismusbehörde ist allein deshalb daran gelegen, ein von Toyota unabhängiges Image zu haben, weil dessen Hauptzentrale heutzutage in einer kleineren Stadt leicht außerhalb Nagoyas liegt, die seit 1959 auch noch den Namen Toyota trägt. Aber das scheint ziemlich schwer.

Toyota dominiert auch den Alltag in Nagoya

Am Ende seiner Führung sagt Kazuo Nakai, das Toyota-Gewächs: „Außer unserem Unternehmen gibt es in Nagoya wirklich nicht so viel zu sehen.“ Es sei eben eine Industriestadt.

Über 300 000 Leute arbeiten hier für Toyota. Damit ist Nagoya bei weitem der wichtigste Standort für den Konzern. Toyota wiederum ist der wichtigste Arbeitgeber der ganzen Region. Das Alltagsleben hängt wesentlich von dem Unternehmen ab.

Der größte Fußballklub hier, Nagoya Grampus, ist in seinem Besitz. Das Stadion, in dem die Mannschaft spielt, heißt Toyota-Stadion. Bei einem Blick auf die Straßen fällt auf: 70 Prozent des Nahverkehrs funktionieren per Auto, ein fast doppelt so hoher Anteil wie in anderen Städten Japans. Die Marke, die den Asphalt dominiert? Toyota.

Tüftler machten ein Vermögen

„Wir sind eigentlich eine der kulturell wichtigsten Städte Japans“, murrt Shobei Tamaya in seinen Schnurrbart. Die Werkstatt ist zumindest voll mit Argumenten dafür: eine Holzversion von Charlie Chaplin hängt unter der Decke, in einer Vitrine daneben thront eine Figur aus der japanischen Mythologie, dann ein großer, bewaffneter Samurai, nicht weit davon Nachstellungen ganzer Sportwettkämpfe, deren Puppen die athletischen Bewegungen in akribischer Miniatur nachahmen.

„Über die Karakuri haben sie bei der Führung kein Wort gesagt, stimmt’s?“ fragt der Puppenmeister. Tatsächlich: über die Karakuri kein Wort. Vielleicht ist Tamayas Familie daran ein wenig selbst schuld. Im Jahr 1796, nach einem neuerlichen mechanischen Coup, gab sie all ihre Geheimnisse frei. Drei dicke Bücher voller Patente waren das damals.

Shobei Tamaya hat sie in einer der Vitrinen neben den Puppen liegen. Jetzt kramt er die staubigen Teile hervor und blättert durch die Skizzen. „Für die anderen Puppenbauer waren diese Bände damals ein Meilenstein“, sagt er. Für die Tamayas war es Kannibalismus. Ansonsten würde die Familie wohl heute zu den reichsten Häusern Japans gehören. Denn als sich die japanische Wirtschaft industrialisierte, nutzten einige Karakuri-Künstler ihre mechanischen Kenntnisse als Sprungbrett für den Maschinenbau. Manche Tüftler machten ein Vermögen. Die Tamayas aber fühlten sich immer der Kultur und dem Handwerk verpflichtet.

Shobei Tamaya hantiert nun an einer seiner Puppen auf dem Werktisch. Sie muss rechtzeitig fertig werden für eine Aufführung bei einem großen Straßenfest. Auf einer ellenhohen Truhe sitzt ein edel gekleideter Bogenschütze, der aus seinem Köcher einen Pfeil zückt und auf eine meterweit entfernte Scheibe zielt. Scheinbar angetrieben werden seine Bewegungen durch eine andere feinmechanische Holzpuppe, die eine Etage unter dem Schützen an einer Kurbel dreht. Über elf Fäden und sechs Hebel funktioniert die stromlose Mechanik. Der Schütze zielt und trifft ins Schwarze.

Als der junge Tamaya dieses Werk nach jahrelanger Arbeit vollendet hatte, lobte ihn sein Vater: „Du kannst der nächste Meister werden.“

Tamaya hatte eine perfekte Kopie einer alten Karakuri geschaffen. Seitdem muss er dieses Prachtstück auf jedem Kulturfestival Nagoyas vorführen.

Das Original des Bogenschützen stammt aus der Boom-Ära der Karakuri im 19. Jahrhundert. Damals, als noch niemand die elektrischen Roboter kannte. Aber im Unterschied zu Tamayas Modell ist es nicht mehr im Einsatz.

Es ruht im Sammlerbesitz von: Toyota.

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