Deal mit Saudi-Arabien : Wrestling im Auftrag von Autokraten

Mit einem Millionenvertrag holt sich das saudische Königshaus Wrestlingshows der WWE ins Land. Frauen dürfen nicht mitkämpfen. Stattdessen gibt es Propaganda

Der "Undertaker" tritt bereits seit Jahrzehnten bei Wrestlingshows auf.
Der "Undertaker" tritt bereits seit Jahrzehnten bei Wrestlingshows auf.Foto: AFP/Amer Hilabi

Zwei Männer stehen sich gegenüber. Auf der einen Seite: eine glatzköpfige Ansammlung von Muskelmasse namens „Goldberg“. Sein Kontrahent ist der zwei Meter große „Undertaker“, der als Bestatter seine Gegner vorzugsweise in Särge versenkt. Seit Jahrzehnten ist er das Gesicht des professionellen Wrestlings. Gleich werden die beiden aufeinander losgehen. Neun Minuten lang werden sie sich durch den Ring schleudern. Blut fließt. Es ist der Hauptkampf des „Super Showdown“, wie die Veranstaltung heißt. Keine Situation, bei der das Publikum normalerweise an Frauenrechtsbewegungen oder den Stellvertreterkrieg im Jemen denken würde. Wäre da nicht der Veranstaltungsort: Dschiddah in Saudi-Arabien.

Der „Showdown“ ist Teil eines Zehnjahresvertrags zwischen dem Unternehmen World Wrestling Entertainment (WWE), dem weltweit größten Anbieter von Wrestlingshows, und dem saudischen Königshaus. Hintergrund sind die „Vision 2030“-Reformpläne von Kronprinz Mohammed bin Salman. Die sollen das Land unabhängiger von der Ölindustrie machen. Dazu gehört unter anderem, als westlich geltende Unterhaltungsformen im Land einzuführen: Kinos, Rockkonzerte und eben auch Wrestling. Kritiker sehen darin vor allem den Versuch Saudi-Arabiens, von den weiterhin massiven Menschenrechtsverletzungen im Land abzulenken.

Zwei Wettkämpfe veranstaltete die WWE bereits seit April vergangenen Jahres in dem Königreich, der „Super Showdown“ ist nun Event Nummer drei. Für die Veranstalter gilt die Auflage: Frauen sind zwar in männlicher Begleitung auf den Zuschauerrängen erlaubt, Wrestlerinnen dürfen an den Schaukämpfen aber nicht teilnehmen. „Man kann einem Land oder einer Religion nicht vorschreiben, wie eine Sache handhaben“, verteidigte WWE-Vizepräsident Paul Levesque den Vertragsabschluss im Interview mit dem „Independent“. „Wir können keine Veränderungen bringen, wenn wir nicht vor Ort sind.“ Trotz Versprechungen, dass es bald zu einem Frauen-Match kommen könnte, sind viele Fans skeptisch. Mehrere wichtige Athleten weigern sich, an den Shows teilzunehmen.

Triumph über einen schwachen Iran

Grund dafür sind auch die propagandistischen Elemente der Show. Bei der ersten Veranstaltung im April 2018 wurden vier saudische Jungtalente für ein Interview in den Ring geführt, nur um in einem inszenierten Akt unterbrochen zu werden. Der Wrestler Ariya Daivari stapfte zusammen mit seinem Bruder in die Arena, eine riesige Flagge des saudischen Erzfeindes Iran schwenkend. Unter Buh-Rufen des Publikums verspotteten die Daivari-Geschwister die Nachwuchswrestler.

Es kam zu einem kurzen Gefecht, in dem sich die vier Saudis – natürlich – als überlegen bewiesen und die Vertreter des Irans mit Leichtigkeit in die Flucht schlugen. Beim „Showdown“ am Freitag gab es dann die Fortsetzung der Geschichte: Einer jener Jungwrestler kehrte nach Dschiddah zurück, um sich – entgegen aller Wahrscheinlichkeiten – in einem Kampf gegen 49 Wrestler durchzusetzen.

Wie viel WWE an dem Zehnjahresvertrag verdient, wurde bislang nicht veröffentlicht. Ein Blick auf die Quartalszahlen des Wrestling-Veranstalters lässt jedoch eine Schätzung zu. Demnach könnten die ersten beiden Shows in Saudi-Arabien der WWE jeweils bis zu 40 Millionen Dollar eingebracht haben.

Wrestling mit und für Donald Trump

Die Zusammenarbeit mit dem Königshaus ist nicht das erste Mal, dass sich das WWE-Unternehmen und die Politik verstricken. Im Gegenteil: Es gehört zur Firmengeschichte. Die McMahon-Familie, Inhaber des Unternehmens, pflegt enge Verbindungen zu Donald Trump. In den Achtzigern stellte Trump mehrfach den Veranstaltungsort für „Wrestlemania“, die größte Wrestlingshow des Jahres. 2007 stieg Familien- und Firmenoberhaupt Vince McMahon gegen Trump in einem „Battle of the Billionaires“ – der Schlacht der Milliardäre – in den Ring. 2013 wurde Trump in die Hall of Fame der WWE aufgenommen.

Noch deutlicher sind die Verbindungen bei McMahons Ehefrau Linda. Nach der US-Wahl 2016 wurde sie Teil von Trumps Kabinett. Dort leitete Linda McMahon die Mittelstandsbehörde, ehe sie im April als Vorsitzende zur Lobbygruppe America First Action (AFA) wechselte. Es ist eine Position, die von zentraler Bedeutung für eine mögliche Wiederwahl Trumps im Herbst 2020 sein könnte. Wie „Politico“ berichtet, plant AFA, 300 Millionen Dollar an Spenden für den Präsidenten zu sammeln – knapp ein Drittel der Gelder, die Republikaner momentan für den Wahlkampf anstreben würden.

Die Fans der WWE hingegen unterstützen tendenziell deutlich die Kandidaten der Demokraten, wie eine Studie von 2012 nahelegt. Diese Spannung ist kein Widerspruch, sondern Teil des Konzepts: Tritt Vince McMahon als Charakter in seiner eigenen Show auf, wird er oft von Publikums-Chören empfangen, die ihm „Arschloch“ entgegenbrüllen. McMahon spielt einen Schurken, wie es sie zahlreich im Wrestling gibt. Jemand, den man hassen soll, damit die Helden besser dastehen. Er ist der Archetyp des geldgierigen Milliardärs, der seine Angestellten quält und die Moral dem Gewinn opfert. Dass dabei regelmäßig die Grenze zwischen Kunstfigur und Realität verschwimmen, macht ihn als Schurken nur noch glaubwürdiger.

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