Erdbeben und Flutwellen : UNO: Rund 191.000 Indonesier brauchen nach Tsunami Nothilfe

Nach dem verheerenden Tsunami in Indonesien wehrt sich die Warnbehörde gegen Kritik. Unterdessen wird bekannt, dass rund 1200 Gefängnis-Insassen getürmt sind.

Menschen sichern noch nutzbare Dinge aus den Trümmern eines Hauses im indonesischen Palu.
Menschen sichern noch nutzbare Dinge aus den Trümmern eines Hauses im indonesischen Palu.Foto: JEWEL SAMAD/AFP

In den Erdbebengebieten auf der indonesischen Insel Sulawesi benötigen nach Schätzungen der Vereinten Nationen 191.000 Menschen Nothilfe. Unter den Betroffenen seien 46.000 Kinder und 14.000 ältere Menschen, wie das UN-Büro für humanitäre Hilfe (Ocha) am Montag mitteilte. Bei der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe am Freitag waren mehr als 840 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl war am Montag nach oben korrigiert worden, nachdem die Leichen von 34 Kindern, die an einem Bibelcamp teilgenommen hatten, aus Trümmern geborgen worden waren. Befürchtet wird, dass die Zahl der Opfer in den nächsten Tagen noch deutlich steigen wird.

Die Behörden wehren sich gegen Kritik am Warnsystem. Die Leiterin der zuständigen Agentur für Meteorologie, Klima und Geophysik rechtfertigte die Entscheidung, die ausgerufene Tsunami-Warnung am Freitagabend nach einer halben Stunde wieder aufzuheben. Zu diesem Moment habe es keine Flutwellen mehr gegeben, sagte Behördenchefin Dwirkorita Karnawati der Zeitung „Jakarta Post“.

Der Behörde zufolge wurde die Küstenstadt Palu nach der Serie von Erdbeben innerhalb weniger Minuten von drei Flutwellen getroffen. „Der Strand von Palu wurde in der Dämmerung von drei Wellen erfasst. Das hat zweieinhalb Minuten gedauert“, sagte sie der Zeitung. „Die dritte und höchste hat Häuser und Kioske mit sich gerissen.“ Die Tsunami-Warnung sei dann erst einige Minuten später aufgehoben worden, um genau 18.37 Uhr Ortszeit.

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Tsunami: Indonesien bittet um Hilfe
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Aus Sicht des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam (GFZ) war jedoch auch das zu früh. „Das System sieht vor, dass die Warnung frühestens nach zwei Stunden aufgehoben werden darf“, hatte GFZ-Sprecher Josef Zens dem Tagesspiegel gesagt.

Am Montag haben die Rettungskräfte die Suche nach Überlebenden wieder aufgenommen. Die Arbeiten auf der Insel Sulawesi werden nach Angaben von Helfern dadurch erschwert, dass es an technischem Gerät und Treibstoff fehlt. Das Militär flog Generatoren ein, weil der Strom nach den zwei schweren Erdbeben und der folgenden Flutwelle an vielen Orten immer noch unterbrochen ist.

In der besonders heftig getroffenen Stadt Palu wurden weitere Tote aus den Trümmern gezogen. Nach Angaben der nationalen Katastrophenschutzbehörde konnten aus einem Hotel und einem Restaurant aber auch zwei Überlebende geborgen werden. In der Nacht wurde die Suche dann unterbrochen.

Anwohner beklagen zu wenig Hilfe von den Behörden

Indonesien hat nach der Tsunami-Katastrophe um internationale Hilfe gebeten. Präsident Joko Widodo bat die Investitionsbehörde des 260-Millionen-Einwohner-Landes, die Hilfe zu koordinieren. Dies teilte der Chef der Behörde, Thomas Lembong, am Montag in der Hauptstadt Jakarta mit. Zuvor hatten schon zahlreiche Staaten und internationale Organisationen Hilfsangebote gemacht, auch die Europäische Union.

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Tsunami in Indonesien: Mehr als 800 Tote
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Der Leiter der staatlichen Suchtrupps in Palu, Nugroho Budi Wiryanto, klagte: „Es gibt kaum schweres Gerät und praktisch keinen Treibstoff. Das macht uns die Rettung von Opfern sehr schwer.“ Vielerorts gruben Menschen mit bloßen Händen nach Vermissten. Zudem seien am Wochenende die Kommunikationsverbindungen unterbrochen gewesen, sagte der Beamte. „Hoffentlich ist das heute gut genug und wir haben mehr Erfolg.“

Zahlreiche Anwohner beschwerten sich darüber, dass sie von den Behörden zu wenig Hilfe bekämen. An Tankstellen bildeten sich kilometerlange Schlangen. Für Palu bestimmte Konvois mit dringend benötigten Lebensmitteln, Trinkwasser und Benzin warteten auf Polizeieskorten, die sie vor Überfällen schützen sollten. Am Flughafen der Stadt mit ihren etwa 380.000 Einwohnern drängten sich Massen, um an Bord einer der Militärmaschinen zu gelangen, die die Menschen ausflogen.

„Hier hilft uns niemand, nicht einmal mit einem Glas Wasser“, sagte ein Mann namens Mahmud. Ein anderer Mann, Amir Sidiq, meinte: „Hier ist überhaupt niemand von der Regierung oder einer anderen Organisation, um die Beisetzung der Leichen zu organisieren. Wir machen das alles selbst.“

Ein Militärsprecher verwies darauf, dass mit der Aushebung von Massengräbern begonnen worden sei. „Wir beerdigen die Toten so schnell es geht“, sagte Luftmarschall Hadi Tjahjanto. „Hoffentlich ist das in ein bis zwei Tagen getan.“ Allein in Palu starben mehr als 800 Menschen. Viele Opfer sind noch in den Trümmern verschüttet. Die Flutwelle, die viele Gebäude mitriss, war bis zu sechs Meter hoch.

1200 Häftlinge aus Gefängnissen geflohen

Immer noch nicht sind die Retter an Sulawesis Westküste in die Gebiete vorgedrungen, die in unmittelbarer Nähe des Zentrums des schlimmsten Bebens lagen. Es hatte am Freitagabend die Stärke 7,4 erreicht. Insbesondere in der Gemeinde Donggala weiter oben im Norden werden noch zahlreiche Opfer befürchtet.
Unterdessen gab eine Vertreterin des indonesischen Justizministeriums bekannt, dass insgesamt rund 1200 Insassen aus drei Haftanstalten der betroffenen Insel geflohen seien. Zwei der Gefängnisse befinden sich in der verwüsteten Stadt Palu.

"Ich bin sicher, sie sind geflüchtet, weil sie Angst hatten, vom Erdbeben betroffen zu sein", sagte Ministeriumsvertreterin Sri Puguh Utami. "Für die Häftlinge ist das sicherlich eine Frage von Leben und Tod." Die meisten Häftlinge waren demnach wegen Korruption und Drogendelikten verurteilt worden.

Indonesien liegt auf dem Pazifischen Feuerring, der geologisch aktivsten Zone der Erde. Für die mehr als 260 Millionen Einwohner sind Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche keine neue Erfahrung. Beim Mega-Tsunami an Weihnachten 2004 starben dort mehr als 160.000 Menschen, so viele wie in keinem anderen Land der Region. Insgesamt kamen damals in den östlichen Anrainerstaaten des Indischen Ozeans etwa 230.000 Menschen ums Leben. (dpa, AFP)

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