Der Mann, die Eier besitzende Wollmilchsau

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Frauen & Männer : Die milden Kerle unter Druck
Matthias Lohre

Moderne Männer sollen beruflich erfolgreich sein, aber viel Zeit haben für Frau, Familie und Freunde. Sie sollen souverän und zielstrebig sein, zugleich gefühlvoll, aber bitte nicht so emotional. Sie sollen Risiken eingehen wie echte Kerle, aber auf ihre Gesundheit und Ernährung achten. Sie sollen Sport treiben und sich pflegen, aber bitte nicht eitel sein. Sie sollen im Haushalt helfen, Babys wickeln und Kindern Gutenachtgeschichten vorlesen. Und auf gar keinen Fall dürfen sie bei alledem irgendwie unmännlich wirken. Der Mann, die Eier besitzende Wollmilchsau.

Als Reaktion darauf setzen viel zu wenige Männer Prioritäten. Stattdessen versuchen sie, alle Ansprüche zugleich zu erfüllen. Sie sind mitverantwortlich für ihr Gefühl der Überforderung.

Die Frauenzeitschrift „Brigitte“ ließ 1977 deutsche Männer zwischen 20 und 50 Jahren interviewen. Die Hauptfrage: „Was erwartet Ihrer Meinung nach die Mehrzahl der Frauen heute von einem Mann?“ Um die damalige Mehrheitsmeinung zu verstehen, hilft es, einen alten Schlager vor sich hin zu summen. 1977 war nicht nur die Zeit des Terrors von RAF („Deutscher Herbst“) und John Travolta („Saturday Night Fever“). Es war auch das Jahr, in dem Johanna von Koczian einen Schlager mit dem Titel „Das bisschen Haushalt“ sang. Eine passiv-aggressive Hausfrau beklagt die Ignoranz ihres Gatten, der ihre Arbeit nicht wertschätzt: „Er muss zur Firma geh’n, tagein tagaus, sagt mein Mann. Die Frau Gemahlin ruht sich aus zu Haus, sagt mein Mann.“ Geschlechterdebatte à la ZDF-Hitparade.

1977 also, Helmut Kohl war noch ein aufstrebender Oppositionspolitiker, fielen die Antworten auf die Frage „Was erwartet Ihrer Meinung nach die Mehrzahl der Frauen heute von einem Mann?“ so aus: 86 Prozent der Männer stimmten der Anforderung zu, „dass er eine Familie versorgen kann“. Und immerhin 72 Prozent glaubten, Frauen erwarteten, „dass er Erfolg im Beruf hat“. Johanna von Koczians Lied war übrigens ein Hit.

Und heute? Youtube ersetzt die ZDF-Hitparade, und Helmut Kohl heißt Angela Merkel. Aber sonst? Dreieinhalb Jahrzehnte später, im Jahr 2011, hat das Magazin „Focus“ Männern dieselben Fragen stellen lassen wie einst die „Brigitte“.

Diesmal fanden 80 Prozent der befragten Männer, die Mehrheit der Frauen erwarte von einem Kerl, „dass er eine Familie versorgen kann“. Zwei Drittel gaben an, dass Frauen von einem Mann wollten, „dass er Erfolg im Beruf hat“ – in beiden Fällen sind das nur sechs Prozentpunkte weniger als eine Generation zuvor. Heute wie damals glauben Kerle, sie müssten sich ihre Selbstachtung – und den Respekt von Frauen – durch Erwerbsarbeit verdienen.

Gleichzeitig sind andere Ansprüche gewachsen. 1977 glaubten 53 Prozent der befragten Männer, Frauen wünschten, „dass er sie erobert, um sie wirbt“. Eine Generation später ist die klassische Machotour nicht out, im Gegenteil: Diesmal stimmten sogar 77 Prozent der Männer dieser Aussage zu. Die Autorin Nina Pauer beklagte sich vor einem Jahr in der „Zeit“ in einem viel diskutierten Beitrag über die „Schmerzensmänner“. Jungen Kerlen, schrieb sie, sei vor lauter Selbstreflexion die Fähigkeit abhanden gekommen, offensiv mit Frauen zu flirten. Die Angst, Frauen zu nahe zu treten, hemme Männer, und das mache sie „furchtbar unsexy“. Vielleicht ist Rainer Brüderle ja „Zeit“-Leser.

Es scheint für Männer keine Möglichkeit zu geben, alles richtig zu machen. Zugleich ist ihre Angst, etwas falsch zu machen, groß. Viele Frauen senden bei ihrer Partnersuche widersprüchliche Signale. Einerseits verlangen sie einen Partner auf Augenhöhe, der sie ernst nimmt. Andererseits folgen sie, Psychologen zufolge, bei der Beziehungssuche immer noch mehrheitlich einem alten Beuteschema: Sie wollen einen „statusüberlegenen Mann“, besser bekannt als „Versorger“. Einen Partner, der beruflich erfolgreicher ist und mehr Geld nach Hause bringt als sie. Wenn aber immer mehr Frauen immer besser qualifiziert sind und immer bessere Jobs haben, dann wird die Auswahl an statusüberlegenen Kerlen immer geringer. Die Suche nach dem perfekten Mann wird noch schwieriger.

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