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Serienverbrecher : Die lange Spur der Polizistenmörder von Heilbronn

Wie viel Geld bei den Überfällen geraubt wurde, erfährt die Öffentlichkeit nur teilweise. In Zwickau erbeuten die Täter im Jahr 2001in einem Postamt 75 000 D-Mark. Ein Jahr später sind es in einer Zwickauer Sparkassenfiliale 48 000 Euro. Bei beiden Taten werden Kunden mit Reizgas besprüht. Der dritte Überfall in der ostsächsischen Stadt, im Jahr 2002, scheitert – und kostet beinahe einen jungen Angestellten das Leben. Im Gerangel löst sich ein Schuss aus der Pistole eines Räubers, trifft den Auszubildenden im Bauch

Fünf Jahre später stirbt dann ein Mensch. Nicht bei einem Banküberfall, sondern auf einem Parkplatz in Heilbronn. Die Polizistin Michèle K. wird am 25. April 2007 mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Schüsse treffen auch ihren Kollegen. Er überlebt schwer verletzt. An Tat und Täter kann er sich nicht erinnern.

Wie es zu den Schüssen kam, ist offen. Die Polizei fahndet zwei Jahre lang, auch in Österreich und Frankreich, nach einer vermeintlichen Serientäterin, in den Medien als „Heilbronner Phantom“ tituliert. Dann stellt sich heraus: Die Frau ohne Gesicht existiert nicht. Angeblich übereinstimmende DNA-Spuren bei mehreren Tatorten sind nur das Resultat verunreinigter Wattestäbchen.

Jetzt aber könnte der Mord an Michèle K. geklärt sein. Ihre Dienstwaffe und die des damals verletzten Kollegen findet die Polizei am vergangenen Freitag im Wohnmobil in Eisenach – eben jene Heckler & Koch P 2000. Beamte entdecken auch Handschellen der beiden Beamten. Völlige Klarheit, dass nur das Jenaer Neonazi-Trio als Täter in Frage kommt, gibt es zwar nicht. Dennoch hat am Mittwoch der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger forsch verkündet, in der Brandruine in Zwickau sei die Tatwaffe des Mordes von Heilbronn gefunden worden. „Soweit sind wir noch gar nicht“, ärgert sich Staatsanwältin Dietsch in Zwickau, „die Waffen müssen erst untersucht werden.“

Pfliegers Vorstoß ist vielleicht symptomatisch. So viele offene Fragen. Da wollte er offenbar wenigstens eine geklärt haben. Doch es klappt nicht so schnell. Denn da ist auch noch die Frage, ob die thüringischen Sicherheitsbehörden womöglich mit Schuld sind am Verschwinden des Neonazi-Trios im Januar 1998. Stutzig macht, dass Uwe M., Uwe B. und Beate Z. damals der rechtsextremen Kameradschaft „Thüringer Heimatschutz (THS)“ angehörten, deren Anführer, Tino Brandt, später als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt wurde. Könnte es sein, dass Tino Brandt von seinem V-Mann-Führer aus dem Verfassungsschutz Interna erfuhr – und weitergab, zum Beispiel an das Jenaer Trio?

Der seit November 2000 amtierende Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, Thomas Sippel, weist den Verdacht zurück. Doch sein Vorgänger, Helmut Roewer, wird noch heute in Sicherheitskreisen als Problemfall beschrieben. Auf eine Anfrage des Tagesspiegels antwortet Roewer, er beschäftige sich zur Zeit „bevorzugt mit zeitgeschichtlichen Problemen“, für Fragen zu seiner Zeit im Verfassungsschutz stehe er nicht zur Verfügung.

Dann ist da noch das Gerücht, das Landeskriminalamt Thüringen habe die flüchtige Bande 2003 im Blick gehabt. Das LKA hatte sogar Zielfahnder eingesetzt. Doch es gab keinen Zugriff. Die Staatsanwaltschaft Gera stellte dann das Verfahren gegen das Trio ein. Wegen Verjährung.

Uwe M., Uwe B. und Beate Z. wurden offenbar gar nicht mehr gesucht. Ein Sicherheitsexperte vermutet, die drei hätten sich trotzdem abgeschottet und kaum Kontakte nach außen unterhalten. Sie lebten in einer paranoiden Welt und hielten sich mit Banküberfällen über Wasser.

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