Elea lehrte Geschichte an einer Uni

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Partnersuche auf Tinder und Co. : Wisch you were here
Jan Kramaryic
Auf der Liebesjagd. Tinder hat unter den Dating-Apps mit Abstand die meisten Nutzer.
Auf der Liebesjagd. Tinder hat unter den Dating-Apps mit Abstand die meisten Nutzer.Foto: imago/Zuma Press

ELEA – Tinder

Tinder ist die bekannteste Dating-App: Nutzer laden Fotos von sich hoch, schreiben eine kurze Selbstauskunft und wischen sich durch die Profile der anderen. Nach links heißt kein Interesse, nach rechts bedeutet das Gegenteil. Wischen beide Nutzer nach rechts, gibt es ein Match, dann können sie einander schreiben. Als meine Beziehung begann, gab es Tinder noch nicht, ich war deshalb gleich überfordert. Mein Freund Stephan, der schon einige Monate tinderte, riet mir, ein möglichst breites Fotoportfolio anzubieten, das mich als vollaktiven Superjunggesellen präsentieren würde. „Ein Foto im Anzug am Flughafen, eins beim Hüttenwandern, eins in Badehose auf Bali, eins beim Bouldern und eins mit Freunden beim Partymachen“, sagte er. Da ich nie auf Bali war und Klettern langweilig finde, lud ich ein Bild von mir im Anzug auf der Hochzeit meiner Cousine in Westfalen hoch, dazu eins beim Wandern im Harz und ein Foto von einer Grillfete, wobei ich meine Ex-Freundin, die auf dem Foto neben mir stand, aus dem Bild schnitt. Darunter schrieb ich: „Hallo! Hamburg/Berlin, 1,84 Meter.“ Es konnte losgehen.

Man muss bei Tinder sein Alter angeben, das Geschlecht der gesuchten Person und die Region, in der man Menschen treffen möchte. Keine weiteren Auswahlkriterien. Die meisten Profile wischte ich deshalb weg. Tinder hat unter den Dating-Apps mit Abstand die meisten Nutzer, es gibt jedoch keine Filter. Wie bei einer vollen U-Bahn: Man steigt ein, aber Blickkontakt sucht man nur mit Menschen, die einen interessieren. So wie Elea.

Elea hatte ein einziges Foto von sich hochgeladen, es zeigte sie in einer Bibliothek auf einem speckigen Ledersessel vertieft in ein Buch. Sie war Mitte 30, hatte langes rotes Haar und lehrte Geschichte an einer Uni. In ihrer Selbstbeschreibung stand, dass sie Feministin sei, One-Night-Stands sie langweilten und sie Yoga übe. Sie schrieb mich an und fragte, zu wem der abgeschnittene Arm auf dem Grillfeten-Foto gehörte, der auf meinem Hintern lag. Ich war gleich interessiert.

Wir hatten Sex auf dem Küchentisch

Ich traf sie in einer Bar bei einer Kleingartensiedlung. Wir hatten uns für 20.30 Uhr auf ein Bier verabredet. Ich war 30 Minuten zu früh und stürzte schnell zwei halbe Liter runter, weil ich so aufgeregt war. Sie trug einen filzigen Wintermantel und ein Lederband um den Hals, an dem ein Bernstein baumelte. Ein bisschen Waldorf, aber ich war selbst zum Waldorfkindergarten gegangen, da hatten wir sofort ein Gesprächsthema.

Die erste halbe Stunde schnatterten wir uns nervös an. Wetter, Eurythmie und Rudolf Steiner und Energien und Yoga, und was das eigentlich bedeutet, eine Aura zu haben. Dann wirkte das Bier. Wir beschlossen, auf was Stärkeres in eine dunklere Bar zu gehen.

Dort flirtete sie so frech mit dem Barkeeper, dass ich sie fragte, ob sie mit mir knutschen wollte. Sie sagte Ja. Wir befummelten einander, dann lud sie mich auf einen letzten Drink zu sich nach Hause ein. Ihre Wohnung war groß, sie lebte allein darin. In ihrem Wohnzimmer stand ein silberner, kühlschrankgroßer Buddha, und es war sehr aufgeräumt. Ich sagte ihr, dass so eine Buddha-Figur lächerlich sei, und dass Buddhisten es nicht gerne sähen, wenn Westler sich so was als Dekoartikel kauften. Wir hatten Sex auf dem Küchentisch. Es war das erste Mal mit einer anderen Frau nach sieben Jahren. Und es war wunderbar befreiend und anders.

Eine Woche später schrieb Elea mir, dass wir uns nicht wiedersehen könnten. Sie hatte zwei Tage nach unserem Date jemand anderen über Tinder getroffen. Er matchte noch ein bisschen mehr mit ihr. Mich hat das verletzt. Bei Tinder gehört das dazu.

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