Julia hörte am liebsten Thrash-Metal

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Partnersuche auf Tinder und Co. : Wisch you were here
Jan Kramaryic
Es ist aus. Bei Trennungen mit Anfang 30 scheitert ein Lebensentwurf.
Es ist aus. Bei Trennungen mit Anfang 30 scheitert ein Lebensentwurf.Foto: imago/Steinach

JULIA – Tastebuds

Ich tinderte weiter, öffnete die App schon morgens im Bett, wischte mich noch vor dem Frühstück durch Profile fremder Frauen. Wenn ich jemanden mochte, sah ich mir die Fotos lange an und dachte darüber nach, wie die Person sein würde. Manchmal stellte ich mir vor, wie unsere gemeinsamen Kinder aussehen würden. Der Gedanke machte mich glücklich. Dann wischte ich weiter.

Mich störte, dass es außer den Bildern, dem Alter und dem Wohnort keine weiteren Filter gab. Ich wechselte zur App Tastebuds. Es gibt dort Profile wie bei Tinder, man zeigt Fotos. Zusätzlich gibt man Musiker an, die einem besonders gefallen. Das Programm zeigt einem dann Menschen, die einen ähnlichen Musikgeschmack haben. So traf ich Julia.

Julia arbeitete bei einer Fluggesellschaft und hörte am liebsten Thrash-Metal. Zur Arbeit ging sie im Hosenanzug, sonst trug sie nur schwarze Jeans und T-Shirts. Wir trafen uns in einer Bar neben einer Autobahnauffahrt und sahen uns den Auftritt einer grausigen Hardcore-Band aus Brandenburg an. Wir schrien uns gegenseitig „Gutes Riff“ oder „Na ja, geht so, ne?“ ins Ohr.

Am nächsten Morgen war sie weg

Danach tranken wir Bier und rauchten. Sie sagte, ihr Freund habe sie gerade verlassen. Das habe sie verletzt. Sie sagte, sie hätten sich einen VW-Bus gekauft und seien damit an den Atlantik gefahren. Sie erzählte von Pico, ihrem Boxer-Mischling, den sie zusammen großgezogen hätten, und der jetzt bei ihrem Ex lebte. Während sie sprach, lächelte sie. Dann kullerte ihr eine Träne über die Wange. Ich stand auf und nahm sie in den Arm. Ich fragte sie, ob sie noch auf einen Negroni mit zu mir kommen wolle. Sie sagte Ja.

Trennungen mit Anfang 30 sind anders als die, die man mit Anfang 20 erlebt. Man ist gefestigter. Man geht zur Arbeit, verdient sein eigenes Geld, kennt sich selbst besser. Es haut einen nicht mehr derart um. Dafür scheitert ein Lebensentwurf.

Im Freundeskreis werden die ersten Hochzeiten gefeiert und Emmas, Pauls und Samuels geboren, während man sich selbst in Bars mit Halbfremden einen antrinkt. Es fühlt sich so an, als würde man bei „Monopoly“ zurück auf „Los“ gesetzt. Als ich am nächsten Morgen in meinem Bett aufwachte, war Julia gegangen. Wir haben uns nie wiedergesehen. Ich löschte Tastebuds.