Plötzlich stehen die Eltern vor der Tür

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Queer in Osteuropa : "Bleiben, kämpfen, aufgeben, gehen"
Marianne Zückler
Der Budapest Pride zieht über die Kettenbrücke der ungarischen Hauptstadt.
Der Budapest Pride zieht über die Kettenbrücke der ungarischen Hauptstadt.Foto: Imago

Meine Mitstudenten als Heteros behandelten die Fragen nur theoretisch. Kannte einer von ihnen die Realität? – Keine Chance, jemanden näher kennenzulernen. Ich war ausgeschlossen. Irgendwann ging ich nicht mehr zu den Vorlesungen. Mein Studium kam mir sinnlos vor. Ich lebte den Geschlechterwandel hinter der Tür und wagte nicht, offen darüber zu sprechen. Lebte in der Angst, jemand könnte mich beim Dekan anschwärzen. Dieser opportunistische Schleimer. Meine größte Sorge war, dass es meine Familie erfahren würde. Vor Mama und Papa spielte ich weiter die intellektuelle Studentin.

Noch eine Niederlage konnte ich mir nach dem abgebrochenen Musikstudium nicht leisten. Nicht normal, nicht heterosexuell, sondern transsexuell. Das wäre der GAU. Meine Mutter hat so einen siebten Sinn. Plötzlich standen meine Eltern vor der Tür. Schock. Sie sagte: "Dieses Studium schaffst du nicht. Dann arbeite doch." Beide machten nicht wie sonst Druck. War es eine verpasste Chance? Wäre vielleicht jetzt alles anders, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte … wäre ich vielleicht auch nicht überfallen worden? Beide waren damals offen … doch ich konnte nicht.

Unsere Band wurde zur Punkrock-Avantgarde hochgejubelt

Kitti, Márk, und Attila lernte ich bei einem Punkrock-Festival in Budapest kennen. Es war schnell klar: Wir schwingen auf einer Welle. Musikalisch, politisch und auch sonst … sie suchten für ihre Band einen neuen Schlagzeuger. Mein Rhythmusgefühl, meine Geschwindigkeit und Texte überzeugten sie! Zuerst lief alles super. Wir spielten in angesagten Clubs und traten sogar beim Sziget auf, dem international bekannten Festival in Budapest.

Von der Kulturförderung bekamen wir Geld. In der Presse und im Internet jubelte man uns zur Punkrock-Avantgarde hoch. Für meine dadaistischen Texte bekam ich einen Preis. Meine Eltern waren endlich stolz. Auf mich! Unsere Band wurde radikaler. Heute wird unsere Musik mit meinen Texten als systemfeindlich eingestuft. Das sagt niemand. Aber unsere Förderung wurde gestrichen, und man spürt … "Du bist unerwünscht."

Kitti und Márk überlegen, nach Österreich oder England zu gehen. Als Handwerker findet Márk überall einen Job und Kitti … Zahntechnikerinnen werden auch gesucht. Beide sind vielleicht ein bisschen bi oder queer, aber das wird keine Probleme machen.

Das Trommelfell platzt bei einem Angriff

Seit dem Überfall bin ich zu meinen Eltern gezogen. Sie sind sofort nach Budapest gekommen. Jeden Tag besuchten sie mich im Krankenhaus … saßen an meinem Bett. Fragten nichts, waren einfach nur da. Auch jetzt fragen sie nichts, damit wir nicht reden müssen … Sie nennen mich wieder Kriszti, als wäre ich ein Kind! Eine trügerische Ruhe …

Mein linkes Trommelfell ist geplatzt. Im ärztlichen Gutachten steht, dass ich durch die Gewalt der Täter schwer traumatisiert wurde. Gleichzeitig unterstellt mir der Gutachter, dass ich vermutlich nicht die ganze Wahrheit gesagt habe. Die Wahrheit – was ist das? Hätte ich ausgesagt, dass sie mich überfallen haben, weil ich transsexuell bin, hätte die Polizei meine Anzeige gar nicht aufgenommen. So läuft das hier, wenn Schwule, Lesben oder Menschen wie ich zusammengeschlagen werden. (...)

Der schwule Milan sagte: "Du bist ein Trans"

Ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hat, mit 13, 14. Ich konnte nichts mehr essen. Alles, was ich zu mir nahm, musste ich sofort ausspucken. Mein Körper, eine fette Puppe. In Wahrheit wog ich 45 Kilo. Ich kam wegen Essstörungen in eine Klinik. Dort lernte ich Milan kennen. Er hatte einen Selbstmordversuch hinter sich … ein schräger Vogel. Cool und ehrlich. Milan war schwul. Er sprach darüber nicht. Nur ich wusste es. Unsere Ärztin war komplett überfordert. (...) Die Alte hatte keinen blassen Schimmer und wusste nichts von unseren Problemen. Milan und ich nahmen die Relaxtabletten nicht. Sie machten müde … dumpf im Kopf … und gefühllos ... auf den Fluren …stumpf grinsende Zombies. Heimlich rauchten wir Marihuana. Das brachten seine Freunde mit.

Milan war der Erste, der mir auf den Kopf zusagte: "Du bist ein Trans." Ohne Vorwarnung. Ich war außer mir, ging auf Milan los, aber er wehrte sich nicht … wir haben dann miteinander gevögelt. Milan stand auf Typen mit meiner männlichen Ausstrahlung. Es war befreiend und irritierend zugleich. Nach dem Klinikaufenthalt trafen wir uns noch mehrmals. Er besuchte mich. Mama und Papa dachten, Milan wäre nun endlich mein erster fester Freund. Sie mochten ihn, hatten aber keine Ahnung, dass er schwul ist.

Mama hatte Angst, dass was passieren könnte, und nervte: "Sei vorsichtig." Dann war Milan plötzlich weg. Abgetaucht. Für immer. Im Kosmos. Später erfuhr ich, dass er an einer Überdosis gestorben ist. Jetzt, wo ich wieder bei meinen Eltern lebe, denke ich oft an Milan. Er sagte immer: "Wenn du wirklich leben willst, hast du vier Möglichkeiten: bleiben, kämpfen, aufgeben, gehen."

Der Vater will ihn verstoßen, wenn er sich operieren lässt

Fuck! Was schnüffelt Mama in meinem Zimmer und liest meine E-Mails? Okay, jetzt ist es raus. Jetzt wissen sie, was mit mir los ist und dass ich eine Hormonbehandlung machen will. Mich umoperieren … wie sie sagen. Ich lasse mich nicht umoperieren! Ich bin kein kaputtes Auto. Ich will eine Geschlechtsangleichung. Den Unterschied kapieren beide nicht! Papa sagt, wenn ich das tue, bin ich nicht mehr sein Kind. Das tut weh … Was will ich hier noch? Fahre ich nach Budapest zurück, bis alles klar ist … Und dann?

Wer ist da … Márk? Bei ihm kann ich bestimmt … nein, seine neue Freundin wird abblocken. Ich bin ihr unheimlich. Kitti … die sucht selbst eine neue Bleibe. Bei Attila darf ich die Wohnung auf Hochglanz bringen. Dávid und Vivien würden mich bestimmt für ein paar Wochen nehmen. Vivien ist schwanger … auch keine gute Idee. "Bleiben, kämpfen, aufgeben, gehen."

Kann ich zu einem Land Heimat sagen, in dem die Mehrheit der Bewohner mich ablehnt und verachtet? Sagt, ich sei abnorm und krank? Kann ich zu einem Land Heimat sagen, in dem eine korrupte Regierung Menschen wie mir die europäischen Rechte verweigert? Kann ein Land meine Heimat sein, das mich vor die Wahl stellt: Anpassung oder Psychiatrie? Kann ein Land mein Zuhause sein, das mich ausgrenzt, weil ich von der Norm abweiche? Meine Heimat ist dort, wo ich meine Identität leben kann.

Marianne Zückler: Osteuropaexpress. Erzählungen über Freiheit, Liebe, Sexualität und Ausgrenzung 240 S., 16,90 €.
Lesung: 18. Mai, 20.30 Uhr im Literarischen Salon in der Z-Bar, Bergstraße 2, Berlin.

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