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Bis heute ungebrochen: Die Faszination des Fliegens, hier im Jahr 1968.

© Messe Berlin

Einmal um die ganze Welt auf der ITB: Die große Sehnsucht

In den 1960er Jahren rückten die Deutschen zu friedlichen Eroberungen aus und entdeckten Europa. Immer mehr trauten sich auch in die weite Ferne, und wenn es nur in Gedanken war.

Ideen für ihre Reiseziele holen sich viele Besucher auf der ITB. Wie unsere Autoren, die ihre ganze persönlichen Erinnerungen preisgeben.

Raus aus dem Käfig

Der Deutsche Demokratische Republiksmensch war bekanntlich nicht gerade verwöhnt, wenn es um das Reisen ging. Seine Welt-Anschauung endete irgendwo zwischen Moskau, Jerewan und dem bulgarischen Goldstrand. Vater Staat hatte keine Devisen, selbst die Moneten für Reisen in „Freundesländer“ wurden zugeteilt. Als der arme Staat vollends pleite war und alle Viere von sich streckte, trieb uns die Frage um: Wat nu? Wohin reisen? Wie viel darf’s für eine neue Weltanschauung sein?

Was man bisher nur im SFB-TV begucken durfte, die ITB mit ihrem Blick in die große weite bunte Welt, konnte nun selbst ertastet, gehört, begutachtet, bewundert und erschnuppert werden. Im Frühjahr 1990 war das ICC für uns so eine Art Leipziger Messe mitten in Berlin. Die Welt bei uns zu Gast: Ein neues Käuferland wollte erschlossen sein.

Do legst di nieda! Auf der ITB 1979 wurde die größte Lederhose der Welt vorgestellt.

© Messe Berlin

Der Ost-Mensch fühlte sich wie ein Vogel, der aus dem Käfig kam und nun die Welt sieht, die er sogar in Hochglanz und Farbe mitnehmen, aber leider noch immer nicht bezahlen konnte. Schon nach zwei Stunden hatten wir einige Kilo Prospekte in schicke Tüten gestopft, die Luft war stickig, aber man konnte hier und da für sechs DM Eintritt sehr fremdartige Dinge zu sich nehmen: Tsingtao-Bier aus China, Rum von Jamaika oder Mocca aus Papua-Neuguinea.

Unsere Neugier war ebenso groß wie die Sehnsucht nach dem Anderen, Unbekannten. Wir wollten Entdecker sein und es unseren Schwestern und Brüdern zeigen: Mallorca und die Kanaren, Capri und Sizilien, Venedig und Namibia gehörten bald nicht nur ihnen allein. Und die Nordseewellen, Bayerns Berge und der Kölner Dom sind, wenn die Sache mit der Deutschen Mark geregelt ist, sehr bald auch unsere Reiseziele. Wir mussten einfach sooo viel Welt nachholen.

Aber die Schönheiten der Erde sind teuer, im Moment der ITB 1990 mit 100 DM Begrüßungsgeld schier unbezahlbar. Das wurde bekanntlich einige Monate später geregelt. Schon im Sommer rollten die Trabis wacker gen Westen. Im Handschuhfach lagen die Prospekte, Land- und Visitenkarten der freundlichen ITB-Menschen, und umgekehrt eroberten die West-Berliner allmählich das Brandenburger Land, die Weiten des Nordens und den plattdütschen Strand zwischen Warnemünde und Bansin.

Die ITB war dafür so eine Art Startbahn ins Reiseglück. Heute ist das ICC keine Ausstellungshalle mehr, die DDR, die damals noch mit eigenem Tourismusminister, mit Interflug, Jugendtourist, Reisebüro und Interhotels die Halle 15 belegt hatte, ist Geschichte, aber das Reisen boomt in Ost und West, trotz der Konflikte, die damals niemand ahnen wollte. Ach ja, wenn ich mich recht erinnere, konnte man 1990 auf der ITB genüsslich seine Zigaretten rauchen. Das waren noch Zeiten! Lothar Heinke

Königin aus 1001 Nacht

Es war 1993, und auf der ITB roch es nach Kirche. Schwerer Weihrauchduft umwehte den Besuch der damaligen jordanischen Königin Noor, die den Stand ihres Landes mit Nachbauten der Stadt Petra besuchte. Ein Kunsthandwerker presste bunten Sand zu Ornamenten in Flaschen, und nach der Fotosession am eigenen Stand ging die mit leuchtend roter Jacke und schwarzen Hosen bekleidete Königin weiter zu befreundeten Ständen: Syrien, Jemen Tunesien, Ägypten, Libanon, alle wollten sie mehr Touristen ins Land holen, an allen Ständen gab es feierliche Begrüßungsrituale und Geschenke, ein hölzernes Kamel oder einen Blütenkranz.

Kurz vor der Wende, 1988, sahen Berliner Doppeldecker so aus.

© Messe Berlin

Auch Fans der studierten Architektin waren gekommen. Eine Autogrammjägerin verkündete selig, sich die eigenen Hände vorerst nicht mehr waschen zu wollen, nachdem sie die königlichen schütteln durfte. Man erzählte sich, dass die Königin nicht nur für den Tourismus ihres Landes etwas tat, sondern auch für die Umwelt und Frauen. Mit ihrem Auftritt schürte sie die Sehnsucht nach den Märchen aus 1001 Nacht.

Jordanien wirbt nach wie vor um Touristen, aber unter viel schwereren Bedingungen. Heute kann man nur hoffen, dass aus dieser ganzen Region irgendwann mal wieder ein begehrtes Ziel wird, dass die Touristenindustrie in einer dann befriedeten Region den Menschen, die heute noch vor Krieg und Terror flüchten müssen, ein gutes Auskommen gibt. Auch damals kullerten den Sicherheitsleuten Felsen vom Herzen, wenn der Besuch gut überstanden war.

Aber damals stand die Sicherheit noch in keinem Vergleich zu heute. Schließlich war das lange vor den Attacken auf das World Trade Center.

9/11 hat den Tourismus vor allem in die USA schwieriger gemacht. Manche Urlauber ließen sich von den strengen Kontrollen durch die Homeland Security womöglich ganz abschrecken. Die können ganz schön streng sein bei der Einreise. Aber wenn man den Repräsentanten der Homeland Security an ihrem Stand auf der ITB begegnet, sind sie sehr nett. Sie geben Tipps, wie man sich am besten verhält. Und vor zwei Jahren schenkte mir einer sogar einen Kofferanhänger der Organisation. Elisabeth Binder

Afrika, viel zu weit

Beim ersten Mal sollte es Afrika sein. Der Senegal, vielleicht auch Botswana oder Mosambique. Alles zu finden in Halle 20. Also: schnurstracks hinlaufen. Hat nicht geklappt. In der Halle 16 war Wellness dekoriert. Kurz mal gucken. „Ayurveda ist wunderbar“, sagte ein Mann am Stand und wedelte gleich mit einer Broschüre. Seine Kollegin pries den Thermalsee in Héviz. „Es gibt Nonstop-Flüge dorthin.“

Ich versagte mir die „Vital-Eye-Behandlung“, obwohl sie gratis war. Bloß weiter. Aufgehalten in Halle 17 von der Schweiz. Viel zu teuer. Aber eine nette Dame hielt mir eine Art Alphorn hin. „Spielen Sie mal Alpengolf“, flötete sie. Na gut. Wer den Ball mit dem seltsamen Instrument ins Loch beförderte, konnte eine Reise nach Graubünden gewinnnen. Das wollte ich – und füllte die Teilnahmekarte akribisch aus.

Beim Weitereilen streifte ich das rot-weiß dekorierte Polen, stolperte vorbei an Slowenien und verlief mich in der Halle mit den Kreuzfahrtangeboten. Ein freundlicher Mann von „Vohohod – Russian River Cruises“ stellte sich vor. Eine Reise auf der Wolga? Darauf einen Wodka. Kurz: Bei meiner ersten ITB bin ich in Afrika nie angekommen. Viele ITB-Besuche später weiß ich: Der Weg ist das Ziel. Und so trudle ich lustvoll durch die Welt – in jedem März aufs Neue. Hella Kaiser

Dumela rra, o tsogile jang?

Zum letzten Mal unter diesem Namen auf der Messe: die DDR auf der ITB 1990.

© Messe Berlin

Hallo, Botswana

„Dumela rra, o tsogile jang?“ Der Mann aus Botswana schaut verblüfft an seinem Infostand in der Afrika-Halle. „Ke tsogile sentle“, erwidert er, nachdem er seine Verblüffung überwunden hat. Und will wissen, wo ich diese Wörter zur Begrüßung gelernt habe. „Dank der Weisheit Ihrer Regierung, die diese Worte auf die Website gestellt hat, sodass man sich auf dem langen Flug in den Süden darauf einstellen kann, wenigstens ein paar Brocken Tswana zu lernen“, antworte ich.

„Guten Tag, mein Herr, wie geht es Ihnen? – Mir geht es gut“, mehr war es nicht, aber es hat fantastisch gewirkt, damals in Botswana und nun auf der ITB. Der Messebesuch ist eine gute Gelegenheit, erlerntes Urlaubsvokabular aufzufrischen. Man muss sich nur trauen, und schon öffnen sich die Türen. Die ITB lädt ein zur Weltreise im Kleinen, eine Versammlung der Völker aus 185 Ländern, nur die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat acht Mitglieder mehr.

Und so hüpft man in die arabische Welt, bringt die nächsten Sprachbrocken beim marokkanischen Kalligrafen an oder beim Beduinen aus Algerien. Die Menschen freuen sich. Auch wenn man mit seinen paar Brocken nicht weit kommt, so gilt doch, was ein Südafrikaner einmal gesagt hatte, als ich ihn mit „Bunshani“ auf Zulu begrüßt hatte: „Manchmal genügt ein Wort, um die Herzen der Völker einander näher zu bringen.“ Rolf Brockschmidt

Hongkong, so kalt

Es war ein Spontanbesuch. Im März 1990 sahen meine Eltern und ich in den Nachrichten, dass die weltgrößte Tourismusmesse am kommenden Tag für Besucher geöffnet habe, das erste Mal natürlich auch für Noch-DDR-Bürger. Am nächsten Vormittag taumelten wir durch die Messehallen, wie erschlagen von Ländernamen, wir sammelten wahllos Prospekte ein, sofern sie exotische Motive schmückten. Jeder sonnige Palmenstrand, jede Skyline lockte uns an. So viele Tüten voller bunter Kataloge.

Besonders eng umringten die Besucher den Stand von Hongkong. Dort rollten drei chinesisch aussehende Damen im Akkord Poster mit der Metropole zusammen und verschenkten sie an ITB-Gäste. Dann sah ich das Namensschild einer der Damen aus Hongkong. Darauf stand ein chinesischer Vorname, ein europäischer Nachname, genauer: mein Nachname. Frau Lippitz aus Hongkong verzog keine Miene.

Ich traute mich nicht, sie anzusprechen. Aber ich starrte sie an, von Lippitz zu Lippitz, keine Reaktion. Ich drängelte mich vor, ergatterte ein Poster, sie schaute mir nicht einmal ins Gesicht. Sie war verdammt kühl, während ich vor Aufregung schwitzte. Vielleicht lag es an diesem eiskalten Abservieren, dass es noch 24 Jahre dauerte, bis ich zum ersten Mal nach Hongkong reiste. Ulf Lippitz

Eine Tüte Schweden

Man nennt mich auch Tütenpaula. An jeder Hand ein Stück Plastik, über der Schulter Handtasche und Leinenbeutel, auf dem Rücken der Rucksack: Mein tägliches Marschgepäck ist schwerer als das Köfferchen von Kollege U. für eine ganze Woche.

Ich bin das Schleppen geübt. Nur beim Gang über die ITB beginne ich zu schwächeln. Ich hasse Messen, zu viele Hallen, zu viele Angebote, zu viele Menschen. Wie im Kaufhaus: von allem zu viel. (Außer von gescheitem Essen für zwischendurch. Ist das eigentlich ein Messenaturgesetz, die Bockwurst auf Schlabberbrötchen?) Mit strammem Schritt und Tunnelblick stürme ich durch die Hallen zu meinen Terminen.

Hier geht's nach Norwegen - ein Bild aus dem Jahr 1969.

© Messe Berlin

Aber dann, der Sündenfall. Ein Blick nach links: das Ruhrgebiet. War ich schon lange nicht mehr. Also eingepackt. Einer nach rechts: Kanada. Mein Reiseglücksland, hat mir eine irische Teeblattleserin mal prophezeit. War ich noch nie und würde ich so gerne. Her damit. Wie im Comic werden meine Arme lang und länger. An jeder Ecke falle ich auf strahlende Himmel, rote Landhäuser, idyllisch im Garten gedeckte Frühstückstische rein.

Einmal nahm ich eine ganze Tüte Schweden mit nach Hause, mein Saltkrokan-Sehnsuchtsferienland, mit einer Freundin überlegte ich damals die Möglichkeit, mit den Kindern hinzureisen. Erschöpft stellte ich die prall gefüllte Tasche in die Ecke des Arbeitszimmers. Zum Lesen bin ich nie gekommen. Und wenn, das weiß ich genau, ich wäre enttäuscht gewesen.

Kurz vor der nächsten ITB habe ich die Tüte unbesehen entsorgt. Die Kinder sind inzwischen größer als ich, auf einer schwedischen Schäre habe ich bis heute keine Ferien gemacht. Und doch, bei aller Schwere des Papiers – es hat was, etwas Beflügelndes: das Reisen im Konjunktiv. Man könnte doch … Ich würde so gern … Würde ich wirklich! Also, noch einen Packen Breslau bitte. Susanne Kippenberger

Wie alles begann - eine Chronik der ITB

Fröhliche Folklore aus Jugoslawien.

© Messe Berlin

Die Lübkes hielten sich nicht ans Protokoll. Länger als vorgesehen blieb der Bundespräsident bei den Ständen stehen, an den Auslagen von Togo kaufte seine Gattin Wilhelmine „eine geschnitzte Tischlampe“. Das berichtete der Tagesspiegel am 22. September 1966. Am Tag zuvor hatte die Importausstellung „Partner des Fortschritts“ begonnen. Und dazu die „1. Internationale Börse für Tourismus“.

Sie sollte das „an den Ständen geweckte Interesse in Reiselust ummünzen und einen Teil des jährlichen Urlauberstromes vom nahen Süden in fernere Regionen lenken“. „Senegals Minister schilderte die landschaftlichen Schönheiten seines Landes, die dem erwarteten Fremdenverkehr durch den Bau mehrerer Hotels erschlossen worden sind“.

Bald danach sind wohl die ersten Touristen in das afrikanische Land gefahren. Auch Somalia wünschte sich Besucher. 1966 hatte es seinen Stand mit den gewaltigen Stoßzähnen von Elefanten geschmückt. Ein Foto zeigt, wie das Ehepaar Lübke staunend davorsteht. Auf der 50. ITB natürlich undenkbar. kai

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