Die Atemluft gefriert an den Innenwänden der Zelte

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Nördliches Norwegen : Noch vier Tage bis zum Kamin
Marc Vorsatz
In Eis und Nacht.
In Eis und Nacht.Foto: Marc Vorsatz

Der Morgen des vierten Tages beginnt mit Sonne. Die Temperatur klettert von minus 23 Grad auf minus 18. Immerhin. Liv lockt mit frisch gebrühtem Kaffee und heißem Müsli. Tut das gut! Dann heißt es, die völlig vereisten Zelte abbauen. Die Atemluft kondensiert nachts an den Innenwänden.

Nach fünf Stunden sanfter Steigung sind wir endlich angekommen auf dem Finnmark Plateau – und in der Eiswüste. Kein Baum, kein Strauch, kein Tier, nichts. Nur noch endloses Weiß unter stahlblauem Himmel. Und Stille. Absolute, fast beunruhigende Stille. Wir laufen und laufen, Stunde um Stunde. Nichts verändert sich. Unten weiß, oben blau, kein Ziel in Sicht. Nur der Kompass weist den Weg. Wir kämpfen gegen Kälte, Müdigkeit und eine schwer fassbare Monotonie.

Der samische Rentierzüchter Piera-Johvna Utsi.
Der samische Rentierzüchter Piera-Johvna Utsi.Foto: Marc Vorsatz

Nach dem Abendessen warten alle mit den Kameras auf die Polarlichter und knipsen schon mal in die einsame Nacht. Der Mond taucht die Eiswüste in sein fahles Licht. Trotzdem kein Vergnügen bei frostigen 27 Grad unter null mit dünnen Handschuhen. Mit dicken Fäustlingen lässt sich leider keine Kamera bedienen.

Finger und Zehen tun schon weh, die Batterien geben nach und nach auf. Ein Paar Ersatzakkus wird immer eng am Körper getragen. Wir sollten jetzt wirklich aufpassen, warnt unser Guide. Vergebens. Erst taten meine Finger nur richtig weh, dann spüre ich sie plötzlich nicht mehr. Das ging schnell! Thomas versorgt sie mit einer fettigen Salbe, sagt, ich müsse sofort in den Schlafsack und sie unter den Achseln wärmen. Also keine Polarlichter heute Nacht. Im Zelt ist es auch nur genau ein Grad wärmer als draußen.

Jeder marschiert gegen die Monotonie der Hochebene an

Tag fünf beginnt mit einer Visite. Diagnose: leichte Frostbeulen an vier Fingern. Es hätte schlimmer kommen können, mahnt Thomas. Nach dem Frühstück gehen die Männer auf dem Giellanjávrrit-See Eisangeln. Um ehrlich zu sein, wir Städter hätten nicht einmal erkannt, dass wir an einem großen See gezeltet hatten. Wie ein dicker, weißer Mantel legt sich der Schnee über die Landschaft, überdeckt jedes Detail.

Nur der Berg Vuorji durchbricht die flache Ebene. Dabei campieren wir einsamen Abenteurer Nacht für Nacht an einem anderen See, benötigen wir doch täglich Wasser zum Trinken, für Kaffee, Tee, heiße Schokolade und die wenig schmackhaften Trockengerichte.

Aus der fangfrischen Fischmahlzeit wird nichts. Kein einziger arktischer Saibling scheint sich für unsere Köder zu interessieren. Dann marschiert ein jeder wieder gegen die Monotonie der Hochebene an. Es ist ein Kampf, der Gleichmut, Ausdauer und Willensstärke verlangt. Nur Biigha und Nemi sind in ihrem Element.

Plötzlich brechen die beiden Huskys aus und jagen ein paar schneeweiße Vögel

Tag sechs. Am Nachmittag wird die Landschaft endlich wieder etwas abwechslungsreicher. Ein schmales Tal zerfurcht die Ebene. Poastajohka, der Postfluss, hat sich über Jahrtausende tief in den Stein geschnitten. Der Abstieg ist wirklich hart. Die Schlitten schieben uns mit ihrem Gewicht abwärts. Beim steilen Aufstieg danach geraten selbst Liv, Thomas und die Hunde an ihre Grenzen.

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Mit dem Dog-Scooter durch den Tegeler Forst
Mit dem Dog-Scooter durch den Tegeler Forst

Am siebten Tag dann endlich Erleichterung. Langsam, aber sicher geht’s bergab. Die ersten vereinzelten Bäumchen schlagen sich wacker im Schnee. Plötzlich brechen die beiden Huskys seitlich aus und jagen ein paar schneeweiße Vögel in die Flucht. Wir hatten sie gar nicht gesehen. Zurück im Leben. Die ersten Wildtiere nach einer Woche. In der Ferne steigt Rauch aus einem uralten Wohnwagen. Piera Johvna Utsi freut sich über den unerwarteten Besuch. 1200 Rentiere besitzt der 71-jährige Same. Irgendwo hinter den sanften Hügeln sei seine Herde. Zufüttern müsse er im Winter und die Tiere immer wieder zusammentreiben.

Tag acht. Es geht nur noch sanft bergab durch sattgrüne, dichte Nadelwälder. Am Abend hat uns die Zivilisation wieder. Wie komfortabel die beheizten Blockhütten der Husky Lodge von Livs Eltern doch sind! Am offenen Kamin lassen wir unser arktisches Abenteuer Revue passieren. Ein bisschen Stolz ist schon dabei. Und die Finger sind auch noch dran.

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