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Bergmannsfrühstück gibt’s noch in der „Kaffeekisch“, doch eher für Touristen.

© Jörg Fischer

Deutschland: Schicht im Schacht

Das Saarland hat eine bewegte Bergbauvergangenheit. Die ist nun zu Ende. Aber an der virtuellen "Straße des Bergbaus" kann man ihre Schauplätze weiterhin besuchen.

Itzenplitz, Heinitz oder Göttelborn: So heißen die alten Kohlegruben. Der Brennstoff, dessen Zeitalter zu Ende zu gehen scheint, wird hier nicht mehr abgebaut. Dafür bekommen Touristen einen guten Einblick in die Geschichte des Bergbaus. Von der Spitze der Halde Landsweiler-Reden fällt der Blick über den Saarkohlenwald, das schwarze Herz der saarländischen Montanregion nördlich von Saarbrücken.

„Ohne Kohle und Stahl hätt’s das Saarland nicht gegebt“, sagt Gästeführer Stefan Forster. Das Bundesland ist aus Begehrlichkeiten von Deutschen und Franzosen entstanden, die Rohstoffe für ihre Industrien brauchten. Nach dem Ersten Weltkrieg verwalteten die Franzosen das Saargebiet als Völkerbundmandat, vor 80 Jahren ging es zurück ans Deutsche Reich, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es erst ein fast autonomer Staat und 1957 schließlich Teil der jungen Bundesrepublik Deutschland.

An der Halde Ensdorf soll ein riesiges Denkmal an den Bergbau erinnern

Der 48-jährige frühere Bergmann Forster hat für sich eine neue Aufgabe gefunden: Er will Touristen das Erbe der Industrie nahebringen. Landschaft und Menschen an der Saar sind geprägt von 250 Jahren Steinkohlebergbau. Aus den Tiefen von rund 30 Gruben wurde im Laufe der Jahrzehnte Kohle gefördert. Vor drei Jahren war nach langem Siechtum endgültig Schicht im Schacht.

Für die virtuelle „Straße des Bergbaus“, die noch im Laufe des Jahres fertig sein soll, werden rund zwei Dutzend Orte aufgeführt – vom Museum Bexbach im Osten, über das Musée Les Mineurs im südlich angrenzenden lothringischen Wendel bis hin zur Halde Ensdorf im Westen, wo bald ein riesiges Denkmal an den vergangenen Bergbau erinnern soll.

Die frühere Grube Landsweiler-Reden im Norden wurde bereits vor ein paar Jahren als zentraler „Erlebnisort“ auserkoren. Am Fuß der Halde liegt das ehemalige Betriebsgelände. In der früheren Waschkaue, die Aufenthalts- oder Umkleidemöglichkeit für die Bergmänner bot, gibt die Ausstellung „Das Erbe“ noch bis Jahresende einen Einblick in die vielen Facetten bergmännischen Lebens.

Im Wasserbecken blühen Seerosen

Der Saal ist in schummriges Licht getaucht, um die Hunderte von Exponaten zur Geltung zu bringen. Schade nur, dass man oft schon ganz genau hinschauen muss, um etwas zu erkennen. Für Besucher empfiehlt sich ein geführter Rundgang, um sich gezielt ein Bild zu machen – von der Arbeit unter Tage und vor allem vom Leben in der Gemeinschaft.

Im Außenbereich wurde ein Wassergarten als Ort der Ruhe gestaltet. In den Becken, die von Wasser aus Grube und Halde gespeist sind, blühen Seerosen. Es wimmelt von Libellen oder Ringelnattern. An beiden Seiten des „Mosesgangs“ rauscht Wasser über Wände aus rotem Stein hinab, 32 Grad warm. Es wird aus 800 Metern Tiefe über zwei der noch wenigen offenen Schächte im Saarland herausgepumpt und abgekühlt.

Im "Zukunftsort" Göttelborn glänzen Photovoltaik-Module in der Sonne

Der alte Spruch der Kumpel gilt noch in der letzten offenen Bergwergskantine der Saarkohleregion, in der „Kaffeekisch Velsen“.

©  Jörg Fischer

Neun Kilometer weiter östlich liegt der „Zukunftsort“ Göttelborn. Hier wurden im Schatten des „Weißen Riesens“ - eines 90 Meter hohen Förderturms – eine Fachhochschule und Gewerbebetriebe angesiedelt. Im Südteil wurde eine Rampe, das Denkmal „Himmelpfeil“ gebaut. Vorne dampft es mächtig aus dem Kühlturm eines Kohlekraftwerks, rechts glänzen 50.000 Photovoltaik-Module in der Sonne.

Über Göttelborn führt ein Rundwanderweg, über den Besucher auf zwei Routen durch den Saarkohlenwald bis nach Saarbrücken gelangen. Auf dem Weg in die Landeshauptstadt gibt es viel Natur und Relikte des Bergbaus zu sehen: Fördertürme, Absinkweiher, Schlacke-Halden. An den Straßenrändern stehen ausrangierte Loren oder Seilscheiben.

Ein Rundgang durch die denkmalgeschützte Siedlung Maybach zeichnet ein Bild von den Hierarchien bei den Bergleuten: größere Doppelhäuser mit Gauben waren den preußischen oder französischen Beamten vorbehalten, die kleineren Häuser dienten Steigern und Hauern samt ihren Familien. Bei allen Häusern gibt es einen Garten, in dem Gemüse gezogen oder Hühner und Ziegen, die sogenannten Bergmannskühe, gehalten wurden.

In Luisenthal ereignete sich schwerste Bergwerksunglück Deutschlands

Die Fahrt geht über Saarbrücken und die Autobahn in Richtung Luxemburg. Rechts, jenseits der Saar, ragt im Völklinger Stadtteil Luisenthal ein alter Förderturm der Grube Luisenthal auf. Traurige Berühmtheit erlangte die Grube durch das schwerste Bergwerksunglück in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, durch das am 7. Februar 1962 mindestens 299 Bergleute ums Leben kamen. Die Steinkohleförderung wurde 2005 eingestellt. Links ab führt die Straße ins Waldgebiet Warndt Richtung Frankreich.

Hinter den Bäumen taucht unvermittelt die „Kaffeekisch Velsen“ auf, die letzte noch betriebene Bergwerkskantine im Saarland. Im Innern ist die Zeit buchstäblich stehen geblieben. Die Zeiger der alten Wanduhr zeigen immer 11 Uhr 09. In der mächtigen Kühltheke aus den 1960er Jahren liegen Wurst und Frikadellen.

„Früher drängten sich die Bergleute nach der Schicht“, erzählt Wirtin Elke Orth. Heute sind es vor allem Handwerker oder Müllmänner, die Pause machen. Beliebt ist nach wie vor das Bergmannsfrühstück mit Lyoner, Brötchen, Bier und Senf.

Die Bergmänner wollen ihr Erbe an die nächste Generation weitertragen

Hinter der „Kaffeekisch“ liegt das „Erlebnisbergwerk Velsen“. Einfahrt in den ehemaligen Lehrstollen: Dort gibt es Bergbau zum Anfassen. Geduldig erklärt Roland Decker, 59 Jahre und früher Sprengmeister, Kindern und Erwachsenen die Bergmannsprache: Was ist Wetter, Alter Mann, Laufkatze oder Wauwau? Die Kinder dürfen alles selbst betätigen, zum Beispiel die Glocke am Korb läuten.

Die Bergmänner wollen ihr Erbe an die nächste Generation weitertragen. „Nicht dass in zehn, zwanzig Jahren keiner mehr weiß, wie das Saarland groß geworden ist“, sagt Decker. dpa

Tipps fürs Saarland

Stummer Zeuge, ein noch erhaltener Fördertürme der Halde Reden

©  Jörg Fischer

ANREISE

Mit der Bahn geht es in 6,5 Stunden von Berlin über Mannheim nach Saarbrücken. Mit Air Berlin in 90 Minuten, hin und zurück ab rund 270 Euro.

UNTERKUNFT

Hotelzimmer in Saarbrücken kosten etwa zwischen 50 und 120 Euro. Sinnvoll erscheint die Suche bei hotel.de im Internet.

AUSKUNFT

Tourismus Zentrale Saarland, Telefon: 06 81 / 92 72 00; auf der Internetseite wird der Nutzer auch weitergeleitet zur Industriekultur, etwa dem Erlebnisbergwerk Velsen, zur Ausstellung „Das Erbe“, zum Bergbaumuseum Bexbach, oder, abseits vom Bergbau, zu den Manufakturen von Villeroy & Boch und zahlreichen Glashütten.

Jörg Fischer

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