"Owekino" heißt Guten Tag

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Suriname : Auf wilden Wasserwegen
Helgard Below
Fang des Tages. Fisch ist immer eine Bereicherung für die Dschungelküche.
Fang des Tages. Fisch ist immer eine Bereicherung für die Dschungelküche.Foto: mauritius images

Im 4000-Seelendorf Goejaba erwartet uns Bootsfahrer eine Überraschung. Ein regelrechtes Empfangskomitee hat sich eingefunden: Ein Dutzend Frauen in Röcken mit Karomuster und bunten Kopftüchern tanzt zur Begrüßung. Mit vorgebeugtem Oberkörper stampfen sie einen afrikanischen Rhythmus in den Uferboden, singen und klatschen in die Hände. Laut schnatternd ziehen die Frauen mit uns durch den Ort. Holzhütten ducken sich unter Kokospalmen, Männer bauen ein neues Steinhaus, Kinder schauen uns etwas verschreckt an.

Doch ein fröhliches „Owekino“ (Guten Tag) von uns löst auch bei ihnen den Bann, überrascht antworten sie mit „Owekino“. Ermutigt durch den Erfolg des ersten erlernten Saramaccans-Wortes beginnen wir, uns mit den Dorfbewohnern gestikulierend zu unterhalten. Eine Frau aus unserer Reisegruppe ist besonders engagiert, ruft mehrmals ihren Namen und trommelt sich dabei auf die Brust. Ah, verstanden. Die angesprochene Dorfbewohnerin tut es ihr gleich. Für die Dauer des Besuchs sind die beiden nun unzertrennlich, umarmen sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Uns wird noch eine besondere Ehre zuteil. In einem Steinhaus treffen wir den Kapitein, das traditionelle Oberhaupt der Gemeinde. Baneys Asodanoe ist eine Art Bürgermeister, der auch mit rituellen Aufgaben betraut ist. Als Insignien seiner Würde trägt er einen Stoffumhang, einen Sonnenschirm und einen geschnitzten Stab. Eine schlichte Abwandlung der Tracht westafrikanischer Häuptlinge. Mit zwei seiner drei Frauen stellt er sich für ein Foto auf. „Für jede musste ich ein Haus bauen und eine Plantage anlegen“, sagt er.

Maroons: die ersten freien Afrikaner in der Neuen Welt

„Ich hätte gerne noch eine weiße Frau, könnt ihr beim nächsten Mal eine mitbringen?“ Es bleibt unklar, ob die Frage ernst gemeint war. Die Maroon-Frauen haben in der Zwischenzeit ein Feuer entzündet und zeigen uns, wie Cassava-Brot hergestellt wird. Zwei von ihnen zerstampfen die gekochten Wurzeln mit großen Holzstößeln in einem riesigen Mörser. Eine andere siebt dann das Mehl, die nächste knetet den Teig und streicht die Fladen auf eine Metallplatte über dem Feuer. So verdunstet die giftige Blausäure und die stärkehaltigen Knollen werden genießbar.

Schon im 17. Jahrhundert flüchteten Menschen der ersten Sklavengenerationen von den Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen der damals zwischen Holländern, Briten und Franzosen umkämpften Küstenregion. Andere sprangen gleich bei Ankunft der Menschenfrachter ins Meer und flüchteten in die Wälder, um der drohenden Sklaverei zu entgehen. Aus dem spanischen Wort „cimarron“ für entlaufenes Vieh bildete sich schließlich der Begriff Maroons heraus. Sie waren die ersten freien Afrikaner in der Neuen Welt.

Die Westafrikaner fanden sich in Sprachgruppen zusammen und errichteten im Hinterland verborgene Dörfer. Bis 1760 hatten sie Clans gebildet, revoltierten gegen die Kolonialherren und zwangen sie zu Friedensverträgen. In der Abgeschiedenheit bewahrten sie afrikanische Traditionen wie Schamanismus, Pflanzenheilkunde, Trommel- und Tanzriten und entwickelten ihre eigenen Sprachen. Heute bilden sie die größten traditionell afrikanischen Gesellschaften außerhalb Afrikas und 22 Prozent der Bewohner Surinames. Der größte Clan namens Saramacca siedelt am Mittel- und Oberlauf des Suriname.