Rüber nach Trastevere : Zu Besuch im römischsten aller Stadtteile

Abblätternder Putz und Gentrifizierung seit dem Mittelalter. Auf der anderen Seite des Tibers machen die Römer trotzdem bella figura.

Modisch und antik. Die Jugend Roms trifft sich auf der Piazza Trilussa.
Modisch und antik. Die Jugend Roms trifft sich auf der Piazza Trilussa.Foto: AFP

Zwölf Uhr mittags, Showdown hinter der Käsetheke. Roberto Polica steht schon seit sieben Stunden in seinem Feinkostgeschäft „Antica Caciara“. Der 70-jährige Römer lächelt unaufhörlich, als wäre das hier alles eine Samstagabendfamilienshow und nicht die Samstagmittagseinkaufshölle.

Er schneidet Pecorino an und reicht Bauchschinken über die Theke, eilt ins Hinterzimmer und räumt einen Moment später Olivenöl in die Regale. „Come sta, signora?“ Darf’s ein bisschen mehr sein? Immer höflich und vergnügt, bis der Kunde aus dem Laden geht.

Die Neonröhre an der Decke surrt leise, auf dem Steinfußboden hallen die Schritte der Hausfrauen nach. Alles wirkt aus der Zeit gefallen, wie eine Szene aus den 1950er Jahren, der Mann im weißen Kittel, das Viertel drumherum, die Stadt. Ein bisschen heruntergerockt, aber immer eine bella figura machen. Im römischsten aller Stadtteile, in Trastevere, ist das Programm.

Man sieht es an den karmesinroten Häusern, von denen Putz bröckelt, an dem Pflaster, das sich über Jahrhunderte zu einem Wellenboden eingetreten hat, und manchmal sieht man es an den Betrunkenen, die nachts durch die Gassen streichen und so tun, als sei ihr Spritzgetränk nur Sodawasser gewesen.

Ennio Morricone wuchs hier auf

Jahrhundertelang waren es die Arbeiter und Tagelöhner, die den Stadtteil belebten. Auf der anderen Seite des Tiber, befand sich das Viertel einst vor den Toren Roms. Jenseits des Tiber, so lautet Trastevere übersetzt. Dort fanden all jene Menschen ein Ausweichquartier, die sich die Wohnung innerhalb der Stadtgrenzen nicht leisten konnten.

Die Gentrifizierung setzte für Trastevere schon im Mittelalter ein. Rom wurde größer, vereinnahmte das Viertel, einige Adlige bauten gar Paläste, doch so piekfein wie auf der anderen Seite des Flusses wurde es in Trastevere nie.

Wer hier aufwuchs, kämpfte mit Enge und Armut. Ennio Morricone griff in einer Wohnung in der Via di San Francesco a Ripa zum ersten Mal zur Trompete seines Vaters, ein Kind in den 1930er Jahren, Sohn eines Musiklehrers, der so den Grundstock für seine späteren Filmmelodien legte. Das Mundharmonikamotiv aus dem Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ hat bis heute überdauert. Inszeniert hat den Film übrigens ein Mitschüler aus Trastevere: der Regisseur Sergio Leone.

In der Straße, in der einst der Komponist wohnte, befindet sich Roberto Policas Geschäft, bietet die Caciara Leckereien aus dem römischen Umland an. Gut möglich, dass Morricone als Kind hier Käse und Wurst einkaufte, denn die Lebensmittelhandlung wurde 1900 von Policos Großvater gegründet. Der Enkel steht seit mehr als 50 Jahren hinter dem Tresen, einen Nachfolger gibt es nicht. „Es hört mit mir auf“, sagt er, schaut schräg durch seine Brillengläser und lächelt jede Wehmut einfach weg.

Pecorino – das „Herz des Lebens“

Auf dem schmalen Gehweg vor dem Laden schieben sich inzwischen Touristen vorbei. Römische Hausfrauen gehen ihnen resolut nicht aus dem Weg, die Tragetasche wie einen Rammbock vor sich her schaukelnd. Sie wollen bei Roberto ihren Cacio kaufen, so heißt der Pecorino auf römisch, komme, wer da wolle.

Für die Einheimischen sei der Käse das „Herz des Lebens“, wie der alte Mann hinter der Theke sagt, und hier bekommen sie ihn noch, „il vero“, den echten aus einer Meierei an der Ponte Galeria, einige Kilometer außerhalb der Stadt.

Dann drängt die Zeit. Nicht böse sein, entschuldigt er sich, aber die Kunden, sie warten auf den Meister des großen wahren Schafskäses.

Nur einige Gehminuten weiter endet die Straße auf dem zentralen Platz des Viertels: die rechteckige Piazza di Santa Maria in Trastevere. Die namensgebende Kirche existiert seit dem vierten Jahrhundert. Das goldfarbene Fresko an der Fassade reflektiert grell das Sonnenlicht. Am Brunnen vor dem Gotteshaus lungern Punks, eine geführte Radtour klingelt sich durch Menschengruppen.

Afrikaner verkaufen an provisorischen Ständen Designschnickschnack, eine Wahrsagerin bietet am Klapptisch ihre Tarotkünste an. Bei Bedarf – sprich: wenn die Polizei eine ihrer Stichproben macht – können die Tische und Stände schnell abgebaut und in den Gassen versteckt werden. Die verwinkelten Straßen sind schlecht für Verfolgungsjagden geeignet.

Motorisierte Gefährte sind eigentlich fast überall im Zentrum Trasteveres verboten, aber Rom wäre nicht Rom, wenn nicht doch ein paar ehrgeizige Vespafahrer an Fußgängern vorbeikurven und der Kakophonie eine Tonspur Motorheulen hinzufügen würden.

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