"In mir steckt ein Schurke"

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Schauspieler Jeremy Irons : "Amerikanische Filme sind wie Huren"
Marco Schmidt
Irons in dem von Fans und Kritikern zerrissenen Film "Dungeons & Dragons". Er brauchte halt das Geld, sagt er zu der Rolle.
Irons in dem von Fans und Kritikern zerrissenen Film "Dungeons & Dragons". Er brauchte halt das Geld, sagt er zu der Rolle.Foto: imago

Hatten Sie das Gefühl, dass man versuchte, Sie auf einen bestimmten Rollentypus festzunageln?
Ja, schrecklich! Das ist der Fluch des Erfolges: Wenn etwas an der Kinokasse funktioniert hat, erwartet man von dir, das Rezept zu reproduzieren. Du liest die Drehbücher, die man dir anbietet, und denkst: „Verdammt, das habe ich doch alles schon gespielt!“ Ohne eine interessante neue Aufgabe ist die Filmerei eine stinklangweilige Angelegenheit. Darum habe ich mich mit Ende 40 eine Weile aus dem Beruf zurückgezogen: Ich fühlte mich unterfordert und angeödet. Sechs Jahre habe ich mein irisches Schloss renoviert.

Immer wieder sah man Sie in der Rolle des Bösewichts. Konnten Sie sich mit all diesen Fieslingen identifizieren?
In mir steckt ein kleiner Schurke – wie in jedem von uns. Wir alle lügen und schwindeln, mogeln uns durchs Leben und reagieren auf die Knüppel, die man uns zwischen die Beine wirft. Und wir alle glauben dabei stets, wir wären im Recht. So spiele ich auch einen sogenannten Bösewicht: wie jemanden, der denkt, er gehöre zu den Guten. Ich tauche gern in fremde Abgründe hinab.

Auf welche Ihrer Rollen sind Sie besonders stolz?
Auf die des Professors, der sich in ein junges Mädchen verliebt – in „Lolita“. Adrian Lynes provokante Romanverfilmung macht das, was jeder gute Film leisten sollte: die Zuschauer aufwühlen, irritieren, zum Nachdenken anregen. Ich hatte schon befürchtet, dass mich diese Rolle in den prüden USA zur Persona non grata machen würde. Darum sagte ich zu meinem Agenten: „Am besten handelst du eine Gage aus, von der ich drei Jahre leben kann, denn danach wird man mir wohl eine Weile nichts Vernünftiges mehr anbieten.“ Und so kam es dann auch.

Welchen Ihrer Filme bereuen Sie am meisten?
„Verhängnis“. Das ist eigentlich eine sehr kraftvolle Amour-fou-Geschichte, und ich meinte damals zu Regisseur Louis Malle: „Bei den Liebesszenen mit Juliette Binoche bin ich zu allen Schandtaten bereit, aber bleib bitte mit der Kamera dicht an uns dran.“ Denn so ist das beim Sex: Zwei Menschen sind einander extrem nah und sehen um sich herum nichts anderes mehr. Und wenn man nahe an den Protagonisten bleibt, kann man den Zuschauer mitten ins Geschehen hineinziehen, so wie bei meinen erotischen Szenen mit Meryl Streep in „Die Geliebte des französischen Leutnants“. Doch Louis ließ mit seiner unterkühlten Inszenierung bei „Verhängnis“ kaum Emotionen zu: Er zog sich mit der Kamera zurück, schaffte Distanz – und aus der Entfernung sieht Sex immer ein bisschen so aus wie ein lächerlicher Ringkampf. Das törnt die Zuschauer eher ab.

Verblüffend, dass dieser Film Sie so sehr reut – und nicht etwa einer jener, die, wie soll ich sagen …
… Sie meinen, eines jener Machwerke, bei denen man sich fragt: Warum zum Teufel hat er da mitgespielt? Ach was! Bei diesen Projekten wusste ich genau, worauf ich mich einlasse. Und ich sage Ihnen: Auch ein geradezu unverschämt mieser Film wie „Dungeons & Dragons“ war es wert – schon allein wegen meiner geradezu unverschämt hohen Gage. So ein irisches Schloss ist verdammt teuer im Unterhalt! Natürlich würde ich mir ein Superhelden-Spektakel wie „Batman v Superman“ nie freiwillig ansehen. Bei solchen Filmen hoffe ich, dass sie meinen Bekanntheitsgrad steigern, ohne meiner künstlerischen Reputation allzu sehr zu schaden. Denn dank meines Star-Status kann ich wieder dabei helfen, interessantere Filme zu finanzieren.

So etwas wie die Dystopie „High-Rise“?
Genau. Ich fragte eines Tages den Produzenten Jeremy Thomas: „Warum bietet mir nie jemand einen Part in einem englischen Independent-Film an?“ Jeremy meinte: „Du bist zu teuer.“ Ich entgegnete: „Das ist bescheuert, wenn mir nur deshalb die schönsten Rollen entgehen!“ Daraufhin schlug er mir die James-G.-Ballard-Adaption „High-Rise“ vor. Dann kam das Angebot zu dem JesseOwens-Biopic „Zeit für Legenden“: gutes Drehbuch, netter Regisseur, schön gefilmt – ich dachte, das könnte sogar ein Erfolg werden, zumal der Film kurz vor den Olympischen Sommerspielen anläuft. Unmittelbar anschließend habe ich „Die Poesie des Unendlichen“ gedreht; da fand ich nicht nur die Story sehr reizvoll, sondern auch, dass ich an der Seite von Dev Patel agieren sollte. Es kann ja nicht schaden, wenn ich dadurch auch in dessen Heimat Indien ein bisschen bekannter werde!

Was ist für Sie der Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Kino?
US-Filme sind wie Huren. Man bekommt, was man will, verschwindet, das war’s. Europäisches Kino ist wie eine große Liebe: Sie macht nicht alles, was du willst, aber wenn du fortgehst, kannst du es kaum erwarten, sie wiederzusehen.

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