„Einkaufen gehört zum sozialen Leben dazu“

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Shoppingmall-Investor Harald Huth : „Meine Idee für Steglitz: komplett überreizen“
Die "Mall of Berlin" in der Leipziger Straße soll eine Milliarde Euro gekostet haben.
Die "Mall of Berlin" in der Leipziger Straße soll eine Milliarde Euro gekostet haben.Foto: imago/Joko

In den großen Malls der USA gibt es Unterhaltungsprogramm, zum Beispiel Eisbahnen.

Die imitieren Innenstadtleben, das in den meisten Städten dort nicht existiert. Deshalb haben die Amerikaner am Stadtrand Blechkästen hochgezogen und sich gefragt: Wie kriegen wir die Leute da fünf oder sechs Stunden rein?

Der Manager des Alexa sagte mal, die Leute sollten sich nicht nur zwei, drei Stunden dort aufhalten, sondern den ganzen Tag. Ein ganzer Tag im Alexa – das klingt ambitioniert.

Wenn Sie es dauerhaft schaffen, in einem Shoppingcenter mehr als 75 Minuten Aufenthaltsdauer hinzubekommen, sind Sie ein Superstar. Den Wert kann man ganz gut messen: an der Parkzeit in der Tiefgarage. In der Mall of Berlin bleiben die Menschen im Schnitt knapp drei Stunden. Das gibt es sonst nur noch im Centro Oberhausen.

Harun Farocki drehte in den 1990ern einen Dokumentarfilm, in dem er die manipulativen Strategien von Shoppingzentren aufzudecken versuchte. Darin kam vor, dass in einer amerikanischen Mall Besucher mithilfe von Kameras gezählt werden.

Wir haben über den Eingängen Wärmebildkameras hängen, die die Köpfe zählen. Damit kann man sehen, ob die Leute nach rechts oder nach links gehen. Die meisten Menschen haben beim Laufen einen Rechtsdrall, weil sie Rechtsfüßer sind.

In Berlin wird man sicher oft angefeindet, wenn man Shoppingmalls betreibt.

Ich nehme das nicht wahr, und ich nehme das auch nicht ernst.

Konsumtempel, seelenlose Innenstadt – kriegen Sie so was nicht manchmal auf Partys zu hören?

Erstens bin ich selten auf Partys, und zweitens finde ich auch, dass man über Malls diskutieren kann. Ich halte ein A10 Center Wildau für falsch. Sie fahren durch dichten Wald, und auf einmal steht da ein riesiges Shoppingcenter, was darum wirbt, dass alle Berliner zum Einkaufen dorthin fahren sollen. Das richtet sich gegen die Innenstadt. Ich bin in Hamburg aufgewachsen. Da war es üblich, dass du am Samstagvormittag in die Stadt gefahren bist und dort per Zufall Freunde getroffen hast. Man musste sich nicht verabreden. Einkaufen gehört zum sozialen Leben dazu.

Sie sagten mal, für die Projekte, die Sie in Berlin machen konnten, hätten Sie in Hamburg mindestens 40 Jahre alt werden müssen.

Durch die Wiedervereinigung gab es in den 90ern in Berlin viele Politiker, die noch nicht 100 Jahre Politiker waren. Die haben auch einen 24-Jährigen wie mich empfangen und ihm geglaubt, dass er eine Gropius Passage bauen kann.

Das ist ja auch sehr optimistisch.

Total bescheuert, irgendwie, so einen jungen Kerl, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, das damals größte Shoppingcenter Berlins bauen zu lassen. Das wäre in einer anderen Stadt nicht möglich gewesen.

Umgekehrt ist es auch ein erstaunliches Interesse in dem Alter. Andere gehen da in Clubs.

Ich kam aus einer Familie mit nicht viel Geld. Für mich war das wie „Dallas“ und „Denver Clan“. Dann ist auch noch die Baufirma Maculan pleitegegangen, die hatte vorher gerade den Tiergartentunnel gebaut und deutschlandweit 10 000 Mitarbeiter. Die war unser Generalunternehmer, und auf einmal war keiner mehr da. Damals habe ich jeden Tag ein Kreuz gemacht: Ich habe überlebt.

Ist Donald Trump ein Vorbild für Sie – als Bauunternehmer?

Um Gottes willen, nein! Trumps Projekte haben nichts mit dem zu tun, was ich unter Stadtentwicklung verstehe. Ich setze nur um, was die Politik an einer bestimmten Stelle Berlins haben will. Zum Beispiel stand für das Areal, auf dem die Mall of Berlin liegt, seit 1990 im Bebauungsplan, dass dort Einzelhandel hinkommen soll. Das ist doch ein bisschen ein anderer Ansatz, als zu sagen: Ich möchte einen 150 Meter hohen Huth-Tower am Ku’damm errichten.

Sie haben zwar kein Hochhaus, aber auch einen sehr mondänen Firmensitz im Palais der einstigen Privatbank Mendelssohn & Co. Ist Repräsentation wichtig für einen Bauunternehmer?

Unser Büro am Leipziger Platz, das wir zuvor hatten, ist aus allen Nähten geplatzt. Als das Haus hier zum Verkauf ausgeschrieben wurde, habe ich kurz analysiert, ob wir reinpassen. Jetzt ist das Gebäude ein Unternehmenswert, aber ich will mich damit nicht darstellen.

Sie fahren Rolls-Royce. Das tun nicht viele Leute in Berlin. Da fällt einem nur Rolf Eden ein.

Bei mir im Westend gibt es drei oder vier dieser Wagen. Natürlich habe ich mir die Frage gestellt: Machen sich die Leute zu viele Gedanken, wenn ich mit einem solchen Auto durch die Gegend fahre? Aber ich habe nicht sehr viel von meinem Leben. Ich fahre morgens um acht mit dem Auto hierher zur Arbeit, ich bin nur allein, wenn ich auf Toilette bin. Ansonsten arbeite ich rund um die Uhr. Ich stehe immer irgendwie unter Druck. Alle erwarten, dass Sie alles richtig machen. Wenn Sie was falsch machen, liest man es übermorgen in der Zeitung. Wenn Sie nichts falsch machen, und es aber einer behauptet, steht es auch in der Zeitung.

Sie meinen den Vorwurf, rumänische Bauarbeiter nicht bezahlt zu haben?

Die haben gar nicht für uns gearbeitet.

Die Männer behaupten, für zwei Subunternehmen gearbeitet zu haben. Eines davon ist unauffindbar, das andere insolvent, wie der Generalunternehmer der gesamten Baustelle Fettchenhauer.

Wir hatten einige Bauleiter von Fettchenhauer übernommen. Ich bat sie, in ihren alten Listen nachzusehen, ob sie die Namen der Männer darin finden. Dort standen sie nicht. Keiner kannte sie.