Spanien : Mit dem Camper in Andalusien

Durch die offene Heckklappe zieht salzige Luft, ein Ziegenhirte schleicht bei Mittagshitze umher. Unterwegs in Europas trockenster Region.

Johannes Musial
Im Wohnmobil kann man Andalusien am besten entdecken.
Im Wohnmobil kann man Andalusien am besten entdecken.Foto: Tim Langlotz

Mist!, ruft Sarah, als sie den Wagen mit jeder Berührung des Gaspedals tiefer in den Sand gräbt. Ich haue mit der flachen Hand aufs Armaturenbrett. Gerade eben sind wir noch am Eingangsschild des Naturparks Cabo de Gata vorbeigesteuert, mit Kurs aufs Meer, den Wind in den Haaren. Und nun stecken wir fest, weit im Südosten Andalusiens, in der trockensten Wüste von Tabernas, der trockensten Wüste Europas.

Wir schaufeln die Hinterräder mit den Händen frei. Vier Spanier helfen uns, während im Hintergrund Flamingos durch die Salinas staksen, die flachen Becken aus denen jährlich etwa 40 000 Tonnen Salz gewonnen werden.

Teaser
Zur Webseite

An diesem Abend zieht jedoch niemand Kristalle aus dem Boden, sondern bloß Fahrzeuge. Ein Stück weiter hat sich schon der nächste Wagen in den Sand gefressen. Zwei Männer stemmen sich gegen die Motorhaube, ein Ziegenhirte kommt ihnen von der anderen Straßenseite zu Hilfe. „Gib Gas!“, rufen sie der Frau am Steuer abwechselnd zu.

Als der Wagen wieder auf dem Asphalt steht, blickt sich der Hirte hektisch um. Seine Ziegen sind ohne ihn weitergezogen. Er zieht sich den Schlapphut über die Ohren und rennt hinterher, durch eine Landschaft, die Vulkane vor Millionen Jahren aus dem Boden gestampft haben.

Rund um Almería wachsen Treibhäuser

In Cabo de Gata ragen Felsen scharf wie Zähne in die Höhe, stürzen Klippen ins Meer, liegt das Gestein wie aufgefaltet frei, in Schwarz, in Senftönen und Rostschattierungen. Wo einst die Natur gewütet hat, ist es heute ziemlich ruhig. Nur einige Tausend Bewohner leben in dem rund 375 Quadratkilometer großen Gebiet. Die Sonne scheint jeden Tag durchschnittlich mehr als acht Stunden am trockensten Ort des Kontinents, mit nur 200 Millimeter Niederschlag im Jahr. Dieses Klima hat eine einzigartige Vegetation hervorgebracht. Seit 1987 ist die karge Gegend ein Naturpark. Kakteen und Zwergpalmen krallen sich in den dürren Boden, Dornenbüsche füllen Senken, dazwischen Thymian und Rosmarin.

Was hier schnell wächst, ist die Ansammlung von Gewächshäusern rund um Almería. Ganz Europa kauft Obst und Gemüse von hier, die Treibhäuser sind vom Weltall aus zu sehen – und bedrohen einen der letzten unberührten Küstenabschnitte Spaniens. Anders als an der Costa del Sol, wo etliche Strände aussehen, als hätte man sie mit Beton übergossen, dürfen in Cabo de Gata keine Hotelanlagen gebaut werden. Viele sind hier darum in Wohnmobilen und Vans unterwegs, auch wir. Unser VW-Bus heißt Gustavo, ist alt und gebrechlich, wie es Gegenstände eben manchmal sind, denen Menschen einen Namen geben.

Touristen lassen überall ihren Abfall

Am Strand von San Miguel steht Antonio vor seinem weißen Boot und malt einen roten Indalo darauf, eine Figur, die das Böse vertreiben soll. „Ich bin hier am Strand geboren worden“, sagt er. Bart und Haare sind braun gefärbt, was ihn jünger als 73 Jahre aussehen lässt. Er ist einer von wenigen verbliebenen Fischern der Siedlung – Bauten aus Brettern und Wellblech, ähnlich bescheiden wie das Leben hier. Antonio sagt, seine tägliche Ausbeute habe früher 40 Kilogramm betragen, heute fange er oft kaum noch zehn Kilo. Statt der Fische kommen nun Touristen. Manche lassen ihren Abfall an seinem Stück Strand zurück, er räumt ihn weg.

Wir fahren weiter Richtung San José, dem größten Dorf von Cabo de Gata. Gustavo keucht die Steigungen hinauf, wir kurbeln die Fenster herunter, und gelingt es uns doch mal, ein anderes Auto zu überholen, jubeln wir. Die weißen Häuser von San José drängen sich an die Berghänge einer Bucht im Süden des Parks. Im Hafen liegen Fischerkähne, Sportboote, Segelschiffe und in der hintersten Ecke eine Tauchschule. Hier arbeitet Mario. Mit einem Schlauchboot fährt er seine Kunden aufs Wasser. Die würden in den Klippen mitunter Müll finden, erzählt er, das sei für den Betrieb geschäftsschädigend. Er überlegt darum, Ermäßigungen für diejenigen einzuführen, die bei ihren Tauchgängen gleichzeitig Abfall sammeln. Zu vielen, Touristen wie Leuten aus der Gegend, sei die Umwelt egal, sagt Mario.

Als wir Gustavo abends am Rand einer Klippe parken, vom Bett das Mondlicht sehen und das Meer gegen den Fels schlagen hören, muss ich wieder an Marios frustrierte Aussage denken und frage mich, wie einem dieser Ort egal sein kann.