Touristen wollen nackte Hippies im Fluss tanzen sehen

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Unterwegs durch Litauen : Freie Radikale: Wie Künstler in Vilnius einen ganzen Stadtteil eroberten
Außenminister Tomas Chepaitis.
Außenminister Tomas Chepaitis.Foto: Sebastian Leber

Die Geschäftsführerin heißt Ieva Matulionyte. Anfang 40, dunkles Haar, Riesenohrringe. Sie ist nicht zugezogen, schon ihre Großeltern lebten in Uzupis. Sie sagt, als Jugendliche wurde sie im Viertel nur deshalb nicht von den Banden verprügelt, weil diese Einheimische verschonten.

Im Grunde sei die Entwicklung ihres Inkubators stellvertretend für die des gesamten Stadtteils. Als sich in den 1990er Jahren erste Künstler im Gebäude einrichteten, gab es weder Strom noch fließendes Wasser. Professionalisiert habe sich der Inkubator 2009. Damals war Vilnius Europäische Kulturhauptstadt, eine Riesenchance, sich der Welt zu präsentieren. Leider ging wegen der Bankenkrise die litauische Fluggesellschaft bankrott, sodass es kaum Direktverbindungen nach Vilnius gab. Der große Tourismusaufschwung blieb aus.

Ieva Matulionyte sagt, das Wissen um die Existenz der Freien Republik Uzupis habe sich dennoch weit verbreitet – und mittlerweile sonderbare Züge angenommen. Manche Touristen kämen in der Hoffnung, eine Hippie-Kommune vorzufinden. „Dann wundern sie sich, dass hier gar keine Langhaarigen nackt im Fluss tanzen.“

Die Freie Republik wird auf der Welt von null Staaten anerkannt

Wer für ein paar Tage Vilnius besucht, begreift schnell, dass Kreativität und Schaffensdrang nicht an den imaginären Grenzen von Uzupis haltmachen. Überall lässt sich Kunst entdecken. Originelle Einfälle, deren Umsetzung nicht viel gekostet hat außer Fleiß und Hingabe. Da ist die „Literatenstraße“ in der Altstadt mit Hunderten von Wandkacheln und Miniatur-Kunstwerken an den Mauern, jede und jedes eine Liebeserklärung an einen europäischen Schriftsteller. Im Gewimmel finden sich ein Bild von Günter Grass und eine abstrakte Plastik aus Draht, die Herta Müller gewidmet ist. An anderer Stelle der Altstadt hat ein Künstler eine Statue von Frank Zappa errichtet. Der verstorbene Sänger gilt als Symbol für den Widerstand gegen die Sowjetdiktatur. Bloß erinnert sich keiner mehr daran, wieso eigentlich.

An der Brücke, die den Übergang nach Uzupis markiert, hängt ein Verkehrsschild. Es zeigt einen Smiley auf blauem Grund. Soll heißen: Sei fröhlich, wenn du Uzupis betrittst. Das ist natürlich Unsinn und zudem ein Verstoß gegen die eigene Verfassung. Paragraf 17: „Jeder Mensch hat das Recht, unglücklich zu sein.“

Die Existenz der Freien Republik wird auf der Welt von null Staaten anerkannt. Tomas Chepaitis, der Außenminister, geht nicht davon aus, dass sich daran mittelfristig etwas ändert. Dennoch kommen immer wieder hochrangige Politiker und Staatsmänner zu Besuch. Manche am 1. April, dem Unabhängigkeitstag, der mit einer kostümierten Parade durch die Straßenzüge begangen wird. Andere, wenn eine Metalltafel mit der Übersetzung der Verfassung in eine weitere Sprache gefeiert wird. Der Kronprinz von Dänemark war da. Der Botschafter Indiens. Der Dalai Lama mehrfach. Außenminister Chepaitis hat ihn zum Ehrenbotschafter ernannt. Ziemlich entspannter Mann, sagt er.

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