Wandern im Harz : Verhexte Wälder

Der Harzer-Hexen-Stieg verspricht Wichtelwege, Fichtenwald und Beerenstrudel. Wenn da nur nicht der Borkenkäfer wäre.

Jessica Braun
Ein märchenhafter Weg führt durch den Bohlensteg im Großen Torfhausmoor.
Ein märchenhafter Weg führt durch den Bohlensteg im Großen Torfhausmoor.Foto: Jessica Braun

Der Weg zur Brockenspitze lohne sich wirklich, versichert uns die Mitarbeiterin der Jugendherberge in Torfhaus. Aber ob wir nicht lieber mit der Brockenbahn fahren wollten? Immerhin sei morgen ein heißer Tag. Nein, antworten mein Mann und ich, wegen der Wanderung seien wir schließlich hier.

Als wir im 30 Grad warmen, nach Teenagerschweiß und Gummibärchen riechenden Dachzimmer der Jugendherberge liegen, zweifeln wir einmal kurz an unserem Vorhaben.

Wir wandern auf dem Harzer-Hexen- Stieg: eine knapp 100 Kilometer lange Route, die in der Fachwerkstadt Osterode im Landkreis Göttingen beginnt. Durch das Bodetal führt sie ins sachsen-anhaltische Städtchen Thale mit seinem Hexentanzplatz.

Um den gesamten Weg zu gehen, genügt ein langes Wochenende nicht. Wir haben deshalb die ersten beiden Etappen ausgelassen und sind direkt oben eingestiegen: in Torfhaus, mit 800 Metern über dem Meeresspiegel die höchstgelegene Siedlung Niedersachsens. Wir hofften, der Anstieg bis zum höchsten Punkt der Tour, der Brockenkuppe auf 1142 Metern, sei dann nicht ganz so dramatisch. Wir hatten die Rechnung ohne den Borkenkäfer gemacht.

Aus den dunkelgrünen Wäldern Niedersachsens kommend, schlängelt sich der Weg entlang glasklarer Bäche durch das Große Torfhausmoor. Die Sonne brennt uns gnadenlos in den Nacken. Denn die weiß aus dem Moor aufragenden Fichtenskelette bieten schon lange keinen Schatten mehr. Sie sind abgestorben oder zumindest kurz davor. Ihre abgeworfenen Nadeln bedecken den Boden wie ein leise knisternder Polyesterteppich. Was ist nur passiert?

Auf dem Quitschenberg erklärt eine Informationstafel, wie es zum Waldsterben kam. Erst fegten Anfang der 90er Jahre Stürme durch die Bäume. Dann nistete sich der Borkenkäfer, der Totengräber des Waldes, in die geschwächten Fichten ein.

Im Nationalpark gilt: „Natur Natur sein lassen“. Die Fichten, ohnehin eine menschengemachte Monokultur, verschwinden, und es entsteht Platz für einen neuen Mischwald. Die Vogelbeere oder Quitsche, die dem Berg seinen Namen gibt, ist bereits zurück: Zwischen den umgefallenen Fichten stehen Ebereschen, deren mit roten Beeren behängten Zweige sich Richtung Boden biegen.

Daneben reifen Himbeeren und Brombeeren, und auf den Disteln und dem Roten Fingerhut sitzen mehr Schmetterlinge, als wir in Berlin je zu sehen bekommen. Der Plan der Parkverwaltung, „Berti Borkenkäfer“ (so heißt der Schädling in einer Umweltbildungskampagne) einfach machen zu lassen, schien aufzugehen.

Nur das Wetter spielt nicht mit. Die Winterstürme schlagen mittlerweile jedes Jahr zuverlässig neue Schneisen in den Wald, und die Dürre von 2018 hat nicht nur die verbliebenen Fichten ausgezehrt. Auch Buchen und Eichen leiden.

Als Johann Wolfgang von Goethe hier wanderte, sah der Wald noch anders aus. Am 10. Dezember 1777 kämpfte sich der deutscheste aller Dichter von einem Förster begleitet zum ersten Mal durch Schneewehen auf den Brocken. Es muss eine ziemliche Strapaze gewesen sein. Einen Harzklub, der die Wege instand hielt, gab es damals nicht.

Aber Goethe gefiel’s. Zweimal kam er wieder und verewigte den „Blocksberg“ in seinem „Faust“. Ihm zu Ehren nennt sich dieses Teilstück des Hexen-Stiegs Goetheweg. Der führt nun als Plattenstraße, die zu DDR-Zeiten angelegt wurde, nahezu senkrecht Richtung Brockenspitze.

Wahrscheinlich ist es die Hitze: Der Anblick der rot-weiß geringelten Sendeanlage auf dem Gipfel lässt mich an Ed-von-Schleck denken, das Lieblingseis meiner Kindheit. Und der weiße Dachaufbau der Brockenherberge – 1937 erbaut als Fernsehturm – sieht aus wie eine Kugel Zitroneneis.

An mehr als 300 Tagen im Jahr liegt der Brocken im Nebel, weil die Wolken an ihm hängen bleiben, statt weiterzuwandern. Heute ist der Himmel wie blank gewischt. Unter uns wellt sich der Harz, wir sehen sogar unseren Startpunkt in Torfhaus. Wo das Land flacher wird, erstreckt sich Nutzflächen-Kleinklein bis zum Horizont.

Solche Aussichten sind es, die mich in die Berge ziehen. Von unten gesehen ist jeder Berg eine Wand, die alles, was dahinter liegt, verbirgt. Oben öffnet sich jedoch eine neue Welt, die einlädt, immer weiter und weiter zu gehen.

Vielleicht empfanden die Tausenden Wanderer ähnlich, die am 3. Dezember 1989 hier hinaufstiegen. Sie drängten sich vor dem Tor der Militäranlage und erzwangen die Öffnung des Harzgipfels, der ab 1961 als militärisches Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze gedient hatte.

Nun geht es bergab. Nach einer Stunde auf Asphalt erbarmt sich der Wald und verschluckt uns. Das heutige Etappenziel Drei Annen Hohne besteht aus einem Bahnhof, an dem die Dampfloks der Schmalspurbahn halten, drei Parkplätzen und einem Hotel. Unserem Hotel!

Wir gehen direkt ins Restaurant – Waschen ist für Weicheier – und liquidieren jeder einen dampfenden Beerenstrudel mit Vanilleeis und drei alkoholfreie Weizenbiere. Danach fallen wir abgesägten Fichten gleich ins Bett.

Zum Frühstück gibt es Harzer Käse: borkig und scharf. Ich kaue glücklich auf meinem Brötchen und versuche das Stechen im Hüftgelenk ebenso zu ignorieren wie die nackten Hexenhintern auf dem Deckengemälde. Was zur Hölle macht die da mit ihrem Besen?

Vor uns liegt eine mörderisch lange Etappe, über die ich mich nicht mal beschweren kann. Schließlich habe ich unsere Tour geplant. „Wollen wir die Nord- oder die Südroute nehmen?“, frage ich rein rhetorisch. Die Nordroute führt an einer Tropfsteinhöhle entlang, was ich mir verwunschen und kühl vorstelle. Mein Mann weiß zwar, dass diese Strecke ein paar mehr Höhenmeter mehr beinhaltet, ist aber zu müde, um Widerspruch einzulegen.

„Die Forststraße ist die Raufasertapete des Waldes“, sagt mein Mann. Er hat recht, es fühlt sich wie Fake-Wandern an. Schon als Kind wollte ich lieber auf „Wichtelwegen“ gehen: auf von Wurzelwerk durchzogenen Pfaden, hinter deren Kurven etwas Märchenhaftes wartet.

Früh am Morgen gehören die Forstwege jedoch nur uns allein. Der Wald haucht uns seinen feuchten Nadelatem entgegen. Hummeln schlummern auf Distelblüten. Auf einem Felsen thront eine Ruine.

Während wir rätseln, was das wohl für ein Bauwerk ist, überfährt uns fast ein Berufspendler, der die Forststraße offenbar als Abkürzung nutzt. Möge die Stieg- Hexe ihn holen! Die ist als grün-weiße Plakette an jedem dritten Baum unsere zuverlässige Begleiterin. Wir folgen ihr, vorbei an einem Wasserfall und durch Orte, deren Häuser mit Hexenfiguren, irren Masken und Schützenkönigsplaketten dekoriert sind.

Im Wald kommt uns ein Radler im Seniorenalter entgegen, der sich als ehrenamtlicher Wegewart vorstellt. Seine Mission: Nachgucken, ob genug Markierungen angebracht sind. „Sie machen sich ja keine Vorstellung …“, legt er los.

Nach einer Einweisung in die örtlichen Beschilderungsregeln, die so kompliziert sind wie das deutsche Kreditwesengesetz, lässt er uns ziehen, nicht ohne uns auf die Umleitung hinzuweisen. „Die normale Route ist nicht begehbar! Folgen Sie meiner Beschilderung!“

Die nächste halbe Stunde Weg windet sich so wichtelig durch den Wald, dass ich den Ratschlag ignorieren möchte. Ein paar umgefallene Bäume halten uns doch nicht auf! Mein Mann besteht jedoch auf der Umleitung.

Die führt uns zwar an der Straße entlang, aber auch an einem Flussabschnitt, an dem Eisvögel jagen. Ich bin versöhnt. Und nach den wunderbaren Spiegeleiern, Bratkartoffeln und der Pfirsichtorte, die wir in einer resopalbraunen Gastwirtschaft in Rübeland bekommen, auch pappsatt.

Vom Tisch aus können wir den Eingang zur Tropfsteinhöhle sehen. Die liegt nämlich nicht im Wald, wie ich mir das ausgemalt hatte, sondern an einer vielbefahrenen Straße. Die Schlange davor verspricht 30 Minuten Wartezeit. Haben wir nicht. Wir müssen noch nach Altenbrak.

Ab dem Dorf Neuwerk mit den krummen Fachwerkhäusern verwandelt sich der Hexen-Stieg in eine Märchenwanderung. Der mit Walderdbeeren gespickte Weg folgt dem Lauf der Bode, die sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelt. Die Blätter über uns lassen das Licht flirren, das Laub auf dem Boden dämpft das Pok-Pok unserer Wanderstöcke. Ich stecke mir alle paar Meter Beeren in den Mund. Vögel singen uns ihre Lieblingshits vor. Wie im Märchen scheinen Zeit und Entfernung aufgehoben.

Die Sonne sinkt bereits, als wir unser Ziel erreichen: Altenbrak – ein Ort, der so heißt, wie ich mich nach 30 Kilometern Wandern fühle. Eigentlich sollten die letzten Meter zum Hotel eine Erleichterung sein. Aber meine rechte Hüfte knirscht, mein Fuß scheint kurz davor, den Schuh zu sprengen, und der Rucksack hat meine Schultern zusammengezurrt. Auch mein Mann ist wortkarg. Wir kämpfen. Dabei. Sind es. Nur noch. 15 Meter.

Das Gute an Altenbrak, nein, das Beste: Es gibt ein Freibad. Wir wühlen die Badesachen aus den Rucksäcken, tauschen die Wanderstiefel gegen Sandalen und humpeln los. Das Wasser des zwischen Hügeln eingebetteten Beckens hat die Temperatur eines Bergsees. Als ich meine Füße darin versenke, glaube ich, sie zischen zu hören.

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