Warum werden Menschen Eltern? : Eher ein Abenteuer als eine bewusste Entscheidung

Wenig im Leben ist so anspruchsvoll, kosten- und zeitintensiv wie Elternschaft, trotzdem wird sie immer wieder neu gewagt. Warum, ist schwer zu ergründen. Ein Essay.

Barbara Bleisch Andrea Büchler
Fast schon eine große Hilfe: Wenn das Söhnchen der Mutter im Haushalt zur Hand geht.
Fast schon eine große Hilfe: Wenn das Söhnchen der Mutter im Haushalt zur Hand geht.Foto: mauritius images / Westend61

Barbara Bleisch ist Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich. Andrea Büchler ist ebenda Professorin der Rechtswissenschaften und Präsidentin der Schweizer Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin. Der Text basiert auf ihrem Buch „Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung“, das am 25. Mai im Hanser Verlag erscheint.

Weltweit kommen täglich rund 360.000 Kinder zur Welt. Viele von ihnen gewollt, manche lange ersehnt, andere gänzlich ungeplant. Ein neues Leben beginnt. Etwas Neues beginnt auch für jene, die ein Kind bekommen: Sie werden Eltern, vielleicht zum ersten Mal überhaupt, sicher aber zum ersten Mal von diesem Kind.

Kinder zu bekommen ist zumindest in unseren gesellschaftlichen Zusammenhängen nur noch selten eine Schicksalsfrage, sondern meist eine Entscheidung, der viele Fragen vorausgehen können, die aber auch von großen Hoffnungen begleitet ist. Warum aber werden Menschen Eltern? Entscheiden sie sich überhaupt bewusst für oder gegen Nachwuchs? Oder ist das Kinderbekommen auch heute noch treffender als Widerfahrnis beschrieben, weil es sich einer Abwägung von Gründen entzieht?

Im Nachhinein können die wenigsten Eltern angeben, warum sie sich eigentlich für Kinder entschieden haben. Ist die Frage nach eigenen Nachkommen vielleicht gar keine Entscheidung wie andere: ein Prozess, in dem Gründe für und wider geprüft werden? Die kanadische Schriftstellerin Margaret Laurence schreibt in „Dance on the Earth. A Memoir“ dazu: „Ich glaube nicht, dass ich meine Motive, Kinder haben zu wollen, analysieren sollte. Zur Selbstbestätigung? Zum Spaß? Um dem eigenen Ego zu schmeicheln? Es spielt keine Rolle. Es ist, als würde man mich fragen, warum willst du schreiben. Wen kümmert’s? Ich muss, und das ist es schon.“

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Worin aber sollte die von ihr beschriebene Notwendigkeit genau gründen? Es scheint eine weit verbreitete Auffassung zu sein, dass die Sehnsucht nach eigenen Kindern in uns angelegt ist und man diese nicht erst ersinnen oder in sich kultivieren muss, um sie zu empfinden. Sich eigene Kinder zu wünschen als das alleinige „natürliche“ Empfinden zu bezeichnen, ist dennoch unzulässig. Denn es negiert zum einen, dass man sich auch von „naturwüchsigen“ Sehnsüchten und Trieben distanzieren und anderen Wünschen den Vorrang geben kann, und unterstellt zum anderen, dass jene, die sich gegen Kinder entscheiden, ein „unnatürliches“ Verhalten an den Tag legten.

Für die Kanadierin Sheila Heti etwa steht ihr Leben als Schriftstellerin zum Leben als Mutter in Widerspruch, und ihre Präferenz gilt dem Schreiben, wie sie in ihrem Buch „Mutterschaft“ erzählt. Tatsächlich gibt es in unserer Gesellschaft zunehmend mehr Menschen, die auf Kinder bewusst verzichten. Manche ziehen den Begriff der „Kinderfreiheit“ dem der „Kinderlosigkeit“ vor, um deutlich zu machen, dass sie Elternschaft als Norm zurückweisen und ihr Leben entsprechend nicht als defizitär begreifen.

Die Vorstellung, dass Frauen der Kinderwunsch ebenso wie die Sorge um Kinder angeboren sei, ist ein Produkt der Moderne. Freilich wurden Frauen auch davor schon Mütter, aber diese Rolle hatte keinen herausragenden sozialen und moralischen Wert. Großfamilienstrukturen und das Ammenwesen führten zu einer Mehrpersonenbetreuung, in der Erziehung eine Gemeinschaftsaufgabe und die biologische Elternschaft zumindest nicht immer entscheidend war.

Erst im Laufe der Industrialisierung wurde die „große Haushaltsfamilie“, die mehrere Generationen unter einem Dach vereinte, verdrängt durch die lediglich aus Mutter, Vater und Kindern bestehende „Kleinfamilie“, und es kam zu einer verstärkten „Biologisierung“ der Frau, die auf ihre sogenannte „weibliche Bestimmung“ – das Gebären und Aufziehen von Nachwuchs – reduziert wurde.

Du kannst nicht einfach sagen, du willst kein Kind

Diese Zeiten sind heute glücklicherweise weitgehend vorbei. Dennoch, schreibt die US-amerikanische Essayistin Rebecca Solnit in ihrem Buch „Die Mutter aller Fragen“, werde von Frauen nach wie vor erwartet, sich mit der Option eigener Kinder auseinanderzusetzen und sich zu dieser bewusst zu verhalten. Als Frau, so lässt die Schriftstellerin Sheila Heti eine Romanfigur in ihrem Buch festhalten, „kannst du nicht einfach sagen, du willst kein Kind. Du musst schon einen ausführlichen Plan oder eine Vorstellung davon haben, was du stattdessen machen willst.“ Und dieser Plan sollte „lieber etwas Großartiges sein“. Der Mythos der Frau, die sich zur Mutterschaft hingezogen fühlt, ist also nach wie vor wirkmächtig.

Wie auch immer eine Frau sich entscheidet – die „Mutter aller Fragen“ scheint sich für niemanden beiläufig zu stellen, sondern nach wie vor oder sogar wieder vermehrt in eine Kampfzone zu führen. Tatsächlich werden die Frage nach eigenen Kindern wie überhaupt reproduktive Entscheidungen nie im luftleeren Raum, sondern stets vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Erwartungen und sozialer Rollen gestellt und getroffen – und zwar insbesondere im Fall von Frauen.

Studien sind sich einig darin, dass Elternschaft heute von vielen Menschen als anspruchsvoller beschrieben und erlebt wird als noch vor 20 Jahren. Das hat in erster Linie mit dem sich wandelnden Verständnis dessen zu tun, worin eigentlich die Aufgabe von Eltern besteht. Die vormalige klare Rolle als Zeugende, Ernährende und Fürsorgende hat sich in ein umfangreiches Aufgabenportfolio gelingender Förderung verwandelt. Kinder werden zunehmend als Gesamtkunstwerke begriffen, die es zu gestalten, zu formen, zu prägen gilt. Dass Eltern an diesem Ideal der Verkörperung des perfekten und umfassenden Lebenscoaches ihrer Kinder scheitern, kann nicht verwundern.

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Trotz aller Herausforderungen, die eine eigene Familie in der Gegenwart mit sich bringt, steht am Anfang des Nachdenkens über das Kinderbekommen vermutlich vor allem die Sehnsucht, ein neues Leben entstehen zu lassen und dem eigenen Leben und vielleicht auch der Partnerschaft dadurch eine neue Dimension zu verleihen.

Vielleicht stellt man sich vor, dass mit eigenen Kindern zusammenzuleben, sie zu umsorgen und sie aufwachsen zu sehen, das Leben aufregender, bunter und irgendwie sinnerfüllter werden lässt. Vielleicht sehnt man sich auch danach, einer tief empfundenen, innigen, bedingungslosen Liebe zu einem eigenen Kind Ausdruck zu verleihen und diese Liebe möglicherweise mit einem Partner oder einer Partnerin zu teilen.

Oder man möchte Werte weitergeben und auf diese Weise über sich selbst hinauswachsen. Doch sind diese Gründe, ein Kind in die Welt zu bringen, nicht egoistisch? Müsste es Eltern nicht in erster Linie um das Glück für das Kind und eben nicht um einen Zuwachs an eigenem Lebensglück oder Lebenssinn gehen?

Simone de Beauvoir schreibt in "Das andere Geschlecht" beispielsweise, ein Kind müsse zwingend „um seiner selbst willen und nicht um hypothetischer Vorteile willen gewollt werden“, ansonsten werde es instrumentalisiert. Doch ein Kind allein um des Kindes willen zu wünschen ist ein unmögliches Unterfangen. Da nämlich das Kind, bevor es seine Eltern in die Welt bringen, gar nicht existiert, kann es gar nicht um seiner selbst willen gewollt werden. Ähnlich läuft die Idee ins Leere, dass man das Geschenk des Lebens an ein Kind weitergeben wolle – es gibt schlicht niemanden, der dieses Geschenk empfangen könnte.

Für die Sehnsucht nach einem Kind gibt es wenig Argumente

Eltern müssen sich klar darüber sein, dass Kinder ihre eigenen Bedürfnisse und Ansprüche haben werden; dass es mühselige Momente geben wird; dass die Entwicklungen der Kinder die Pläne ihrer Eltern auf das Heftigste zu durchkreuzen vermögen. So wie wir durchaus Freunde haben können, damit wir nicht einsam sind, sie aber ebenso um ihrer selbst willen schätzen, können wir auch Kinder haben, weil uns die Lebensform als Eltern beglückend erscheint, wir unsere Kinder aber dennoch um ihretwillen lieben.

Die Sehnsucht, in dieser Weise Kinder zu bekommen – als Weitergabe von Liebe, als existenzielle Erfahrung, als radikales Wagnis –, erfasst früher oder später sehr viele Menschen. Es ist und bleibt eine Sehnsucht, die sich schlecht begründen oder argumentativ durchdringen lässt. Wenn die Schriftstellerin Margaret Laurence von einem „inneren Müssen“ sprach, hatte sie vermutlich das vage Gefühl vor Augen, dass der Wunsch für oder wider Kinder sich nicht wirklich in gängigen Weisen erklären lässt und auch nicht nach Erklärungen verlangt.

Sich eine Familie zu wünschen kann dabei so zentral für die eigene Vorstellung vom guten Leben sein, dass die Option der Kinderlosigkeit gar nicht erst bedacht wird. Bleibt eine Schwangerschaft aus, kann sich das wie ein schwerer Schicksalsschlag anfühlen. Ungewollte Kinderlosigkeit bedeutet für viele Unglück, Schmerz, Verlust und Trauer. Umgekehrt kann es für eine Person, die nie Kinder haben wollte, verstörend sein, doch Mutter oder Vater zu werden oder sich von der Partnerin oder vom Partner zu einem Kind gedrängt zu fühlen. Mutter oder Vater werden zu wollen oder Elternschaft bewusst für sich auszuschließen ist, wie Margaret Laurences Vergleich mit der Schriftstellerei zeigt, von ähnlich gewichtiger Bedeutung wie andere Projekte, die eng mit unserer Vorstellung eines erfüllten Lebens verbunden sind.

Elternschaft unterscheidet sich radikal von anderen Optionen

Der Philosoph Dieter Thomä erklärt diesen inneren Drang in seinem Buch „Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform“ unter anderem damit, dass wir uns zum Kinderwunsch notwendig verhalten müssen. Elternschaft sei mit Sicherheit „von anderer Art als die meisten ,denkbaren’ Projekte, etwa das einer Antarktis-Durchquerung zu Fuß oder das einer Selbsterfahrungsgruppe zu Haus“, so Thomä. Denn Elternschaft präsentiere sich erwachsenen Menschen als „eine Möglichkeit, die, ohne weiteres Zutun, in ihnen steckt – oder aber auch nicht“.

Während wir uns andere Lebensprojekte ausdenken müssen oder sie an uns herangetragen werden, ist die Möglichkeit, Kinder zu zeugen, tatsächlich immer schon in uns angelegt. Sobald wir erwachsen werden und sexuell aktiv sind, müssen wir uns, zumindest wenn wir heterosexuelle Präferenzen haben, zu ihr verhalten: entweder indem wir vorsorgen, um keine Kinder zu zeugen, oder indem wir die Verhütung unterlassen, uns auf die Möglichkeit von Nachwuchs einstellen oder sie zumindest in Kauf nehmen.

Der Kinderwunsch unterscheidet sich aber noch in drei weiteren Hinsichten von sonstigen Lebensprojekten, die die Auseinandersetzung mit ihm in besonderer Weise existenziell werden lassen: Erstens ist der Wunsch exklusiv, insofern als er die jeweils andere Option ausschließt. Sind Frauen und Männer erst einmal Eltern geworden, können sie nicht ein bisschen Eltern sein oder halb kinderlos bleiben.

In Patchwork-Familien mag sich das zwar insofern anders darstellen, als beispielsweise Kinder eines neuen Partners oder einer neuen Partnerin im Lauf der Zeit auch als „eigene“ Kinder empfunden werden können. Doch zu diesen Kindern entschließt man sich nicht oder zumindest nicht in gleicher Weise; sie wachsen einem vielmehr ans Herz, weil der Partner oder die Partnerin sie in das gemeinsame Leben mitbringt.

Wir wissen ja nicht, wie wir als Mutter/Vater sein werden

Zweitens ist die Erfüllung des Wunsches unumkehrbar: Wer Vater oder Mutter geworden ist, bleibt es ein Leben lang. Elternschaft lässt sich nicht rückgängig machen.

Drittens ist Elternschaft unvorhersehbar: Wir wissen zum einen nicht, wie das Kind sein wird, das zu uns stößt, wir kennen sein Wesen, sein Temperament, seine Neugier nicht. Dem Kind kann außerdem jederzeit etwas widerfahren, es kann auf Abwege geraten, unglücklich sein. Das Schicksal des eigenen Kindes ist nicht kalkulierbar, und Eltern liefern sich mit einem Bekenntnis zu diesem Risiko großer eigener Verletzlichkeit aus. Doch damit nicht genug: Es ist zum anderen ebenso unvorhersehbar, wie es sich ganz grundsätzlich anfühlen wird, Eltern zu sein, bevor wir es tatsächlich geworden sind.

Die Philosophin Laurie A. Paul spricht in diesem Zusammenhang von „transformierenden Erfahrungen“: Wir treffen in unserem Leben zuweilen Entscheidungen, die so weitreichend sind, dass sie unsere Lebensumstände radikal verändern, sodass wir während des zu durchlebenden Prozesses selbst zumindest ein Stück weit zu anderen werden.

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Weil wir aber nicht wissen, wie wir dann sein und empfinden werden, wissen wir auch nicht, so Paul, ob wir eine Entscheidung, die wir heute fällen, morgen auch noch als richtig empfinden. Ob die Personen, die wir als Eltern sein werden, das Leben mit ihren Kindern mögen werden oder nicht, lässt sich deshalb nicht antizipieren. Wie also sollen wir entscheiden können, ob wir Kinder haben wollen?

Für einige besteht das Wagnis der Elternschaft genau in dieser Unmöglichkeit, zu antizipieren, wer wir selbst sein werden in jener neuen Rolle, die wir wahrzunehmen uns verpflichten. Tatsächlich gibt es wenige Dinge im Leben, die so anspruchsvoll, emotionsreich, kosten- und zeitintensiv und gleichzeitig exklusiv, unumkehrbar und unvorhersehbar sind wie Elternschaft. Schon alleine diese Überlegungen zeigen, dass ein Abwägen für und wider Kinder ganz offensichtlich äußerst schwierig ist und dass das Kinderwollen vielleicht weniger als eine Entscheidung beschrieben werden muss denn als eine Sehnsucht und ein Abenteuer.