Darum haben es die neuen Väter leichter

Seite 2 von 2
Was ist dran am Phänomen "Maternal Gatekeeping"? : Wer zuerst die Windel riecht
Silke Felix Denk
Wenn Frauen ihre Männer von den Kindern fernhalten, hieß das früher mütterlicher Perfektionismus. Heute spricht man von "maternal gatekeeping".
Wenn Frauen ihre Männer von den Kindern fernhalten, hieß das früher mütterlicher Perfektionismus. Heute spricht man von "maternal...Foto: www.fotex.de

Nach der Elternzeit geht in 90 Prozent der Fälle allerdings der Mann zurück in die Vollerwerbstätigkeit. Statistisch gesehen bleiben die meisten sogar länger im Büro als vorher. Frauen mit minderjährigen Kindern sind dagegen zu 69 Prozent in Vollzeit tätig. Insgesamt arbeiten Frauen heute sogar weniger als vor 15 Jahren. Retraditionalisierung der Paarbeziehung nennt das die Soziologie.

Daran sollen jetzt ausgerechnet die Frauen schuld sein, weil sie ihre Männer vom Kinderbett weg ins Büro verjagen? Unfair, aber wenig überraschend. Nach den Rabenmüttern, den Macchiato- Müttern, den Bio-Müttern, den Helikopter-Müttern passen die Gatekeeper-Mütter gut in das Muster. Als Mutter macht man es in der öffentlichen Wahrnehmung immer falsch: Man ist hysterisch, übervorsichtig, narzisstisch, nachlässig, überfordernd, egoistisch, ehrgeizig, antreibend, karrieregeil, gluckig. Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Irgendwer hat immer was auszusetzen.

Vom Ideal der elterlichen Gleichberechtigung sind wir weit entfernt

Die neuen Väter haben es leichter. Weil der historische Standard so niedrig ist. Dass sich Väter einfühlsam um ihre Kinder kümmern und mehr Zeit mit dem Nachwuchs verbringen, ist in der Geschichte vergleichsweise neu. Im Grunde sank die Wichtigkeit des Vaters im familiären Geflecht seit der Industrialisierung. Arbeiteten zuvor viele Bauern, Handwerker, aber auch einige Bürger zu Hause, wo sie ein mehr oder weniger patriarchalisches Regiment ausübten, zog es sie nun in die Fabriken. Ihre Rolle als Erzieher und Beschützer übernahm die Mutter allein. Dem Vater, dessen alltäglicher Kontakt mit den Kindern stetig abnahm, blieb fortan die Funktion des Ernährers und der Autoritätsperson.

Immer wieder gab es Debatten, ob das auch gut sei. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hieß es, Jungs, die von ihren Müttern erzogen würden, drohten zu verweichlichen. Andererseits überhöhten Pädagogen wie Johann Heinrich Pestalozzi die Rolle der Mutter als Erzieherin. Statt für Strenge sorge sie für Empathie, das forme den Charakter der Kinder. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das traditionelle Familienbild mit seiner klaren Aufgabenteilung restauriert. Mutter war für die Kinder zuständig, Vater fürs Geldverdienen. Wissenschaftlich fundiert wurde das Familienmodell durch die Bindungstheorie, die die Wichtigkeit der Mutter für das Kind als naturgegeben annahm.

Spielorte für Kinder in Berlin
Im Schlosspark Oranienburg gibt es diese fantasievoll angelegte Spiellandschaft. Hier sprudelt und spritzt es von allen Seiten: Aus einer Sprühanlage sowie den drei Wasser speienden Vulkanen. Und Sandburgen kann man hier auch bauen. Für die Eltern gibt es Sonnensegel, unter denen man prima picknicken kann. Ansonsten ein Hüpfkissen und Schaukeln. Am Eingang kann man zum Transport der Kinder und allem möglichen anderen Krimskrams einen Bollerwagen mieten. Öffnungszeiten: täglich 9–18 Uhr. Ende Oktober wird das Wasser ausgedreht und ab November hat der Park verkürzte Öffnungszeiten (10–16 Uhr). Preise zur Hauptsaison: 2,50 Euro/ ermäßigt 1 Euro, Kinder unter 7 Jahren zahlen keinen Eintritt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 34Foto: saa
07.06.2016 16:47Im Schlosspark Oranienburg gibt es diese fantasievoll angelegte Spiellandschaft. Hier sprudelt und spritzt es von allen Seiten:...

So überholt das alles heute klingt, vom Ideal einer elterlichen Gleichberechtigung sind wir weit entfernt. Das fängt schon bei den Grundlagen an. Mehr Väter verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern. Wie viel das jedoch ist, hängt davon ab, wen man fragt. Symptomatisch war das Ergebnis einer amerikanischen Studie: Die Hälfte der Männer sagte, sie kümmere sich gleichwertig um ihr Kind. Die Frauen dagegen sahen sich in zwei Dritteln der Fälle für hauptverantwortlich an.

Die wohl profundeste Studie zum Verhalten von Paaren mit Kindern kommt ebenfalls aus Amerika und wurde von der University of California in Los Angeles durchgeführt. Ein Team von Wissenschaftlern war jeweils eine Woche zu Hause bei 32 Familien aus der Mittelschicht, bei denen beide Partner berufstätig waren, und beobachtete deren Alltagsleben. Insgesamt sammelten sie 1540 Stunden Videomaterial.

Zu den vielen Daten, die sie daraus ermittelten, zählte etwa, dass die häufigste Raum-Person-Konstellation so aussah: der Vater alleine in einem Zimmer. Außerdem wurden bei den Probanden regelmäßig Speichelproben entnommen, um das Level an Cortisol zu messen, dem Antistresshormon. Das Ergebnis: Je länger sich Väter zu Hause aufhielten, desto niedriger war ihr Cortisolspiegel. Sie entspannten sich also zu Hause von der Arbeit. So weit, so vorhersehbar.

Das Stresslevel der Mütter sank kaum, wenn sie zu Hause waren

Überraschend war dagegen, dass das bei Müttern nicht so war. Ihr Stresslevel sank kaum, wenn sie zu Hause waren. Auf den Stress im Büro folgte der nächste im Kinderzimmer. Ihr Cortisolspiegel sank jedoch deutlich, wenn sie sahen, wie sich ihr Mann um die Kinder und um die Hausarbeit kümmerte. Angesichts der häufigsten Raum-Person-Konstellation geschah das jedoch nur selten.

Maternal Gatekeeping? Oder doch eher väterliche Faulheit? Vielleicht ist es mit dem Phänomen ja wie mit der Laktoseintoleranz oder der Glutenunverträglichkeit: Jeder spricht darüber, wirklich betroffen sind extrem wenige.

Sicher, Väter machen heute mehr. Mütter machen aber noch mehr. Immerhin hat sich in den vergangenen Jahren auch die Elternrolle deutlich verändert. Das Familienleben ist oftmals eine ziemlich durchgetaktete Angelegenheit. Heute gehen Kinder zum Flamencotanzen, ins Mantrasingen, zum Kinderyoga. Mag sein, dass Papa die Tochter zum Ballett bringt, das ganze Mikromanagement dahinter übernehmen oft die Frauen.

Ebenso die Planung für den Kindergeburtstag, das Auffüllen der Adventskalender, die Weihnachtsgeschenke für den Babysitter, die Organisation des Schwimmkurses und des Familienurlaubs – all das Drandenken, all die To-do-Listen, das machen die Mütter. Allein die Kita-Logistik: montags die Vesperdose, dienstags die Fünf-Cent-Münzen für den Fön in der Schwimmhalle, donnerstags die Sporthose, alle drei Monate das Monatsgeld (Feuchttücher, Taschentücher, Eintritt für Museen und den Besuch in der Obstpresse) überweisen und auch noch die Betreuung für Kita-Ferientage klarmachen. Das erledigen praktisch immer die Mütter.

Und die Väter? Die picken sich auf der endlosen To-do-Liste ein paar Punkte raus, arbeiten sie ab und beziehen daraus gar nicht so wenig Stolz.

Mindestens eins hat die Debatte um das Maternal Gatekeeping jetzt schon gebracht: Faule Väter haben jetzt faule Ausreden. Für jede Form des übergriffigen Ratschlags, eines ungebetenen Monitorings beim Babybaden oder der schlichten Aufforderung, mehr Verantwortung zu übernehmen, haben sie nun das passende Schlagwort.

Wer diese Kämpfe übrigens kaum auszufechten hat, sind gleichgeschlechtliche Eltern. Die empfinden sich laut einer amerikanischen Studie in der Erziehung ihrer Kinder als gleichberechtigt.

Artikel auf einer Seite lesen